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In ihrem Hobby kennt sie kein Maß

Handarbeit In ihrem Hobby kennt sie kein Maß

Sie bügelt, schneidet zu, zeichnet, steckt ab: Marie Luise Sebald ist mit 84 Jahren die älteste aktive Handwerkerin weit und breit. Seit 65 Jahren arbeitet sie unermüdlich – und das mit viel Humor.

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An dieser Paillettenjacke für eine Stammkundin in der Schweiz arbeiteten Marie Luise Sebald und ihr Team insgesamt 30 Stunden.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. „Es darf keinen Stillstand geben“, sagt Marie Luise Sebald. Die Schneidermeisterin mag die Veränderung – trotzdem übt sie seit 65 Jahren von montags bis freitags die gleichen Tätigkeiten aus. Marie Luise Sebald ist 84 Jahre alt, überzeugte Handwerkerin, engagierte Ausbilderin und innovative Unternehmerin. Als sie 65 wurde, sei sie noch oft gefragt worden, warum sie nicht in Rente gehe. „Heute fragt das keiner mehr, die Leute schauen nur, ob ich noch rüstig bin.“

Die humorvolle Frau ist flott unterwegs – in ihrem kleinen Modeatelier im Südviertel genauso gut wie im Internet. Nur die Augen machen nicht mehr so gut mit, bald stehe eine Laseroperation an. Doch Marie Luise Sebald klagt nicht: Sie ist froh, ihr Hobby und damit ihren Beruf ausüben zu können. „Warum sollte ich damit aufhören, wenn mir die Arbeit doch so Spaß macht?“, fragt sie rhetorisch.

Mit dem Ehemann nach Marburg

Was heute ein erfolgreicher kleiner Vier-Frauen-Betrieb ist, begann aus der Not heraus: Nach dem Zweiten Weltkrieg musste ihre Mutter Geld verdienen, um die fünf Kinder in Bayern durchzubringen. Die Mutter war eine talentierte Näherin, Marie Luise lernte von ihr. Marie Luise durfte mit ministerieller Sondergenehmigung die Gesellenprüfung ablegen. „Ich hatte keine reguläre Ausbildung“, sagt die 84-jährige Schneiderin, die bis heute noch jungen Menschen ihr Handwerk beibringt.

1949 gründete sie in Bayern ihr Modeatelier – damals noch unter ihrem Geburtsnamen Behrens. 1952 folgte sie als Frau Sebald ihrem Ehemann nach Marburg, der in der Universitätsstadt einen Medizin-Studienplatz gefunden hatte. Glücklicherweise zogen damals einige Kunden aus Bayern nach Frankfurt, sodass die fleißige Schneiderin von Marburg aus weiterhin für diese nähen konnte. „Damals gab es in Marburg 40 bis 50 eingetragene Damenschneidereien und ebenso viele Herrenschneiderinnen. Der Anfang war schwer, aber es ging stetig voran“, berichtet Sebald, die sich bis heute nicht als Marburgerin fühlt.

„Vielleicht weil ich in Kiel geboren wurde und in Bayern aufwuchs, und mich immer als Zugezogene gesehen habe, obwohl ich mich in Marburg sehr wohl fühle“, erzählt sie. Ihrem inzwischen verstorbenen Ehemann habe sie zu verdanken, dass sie sich beruflich stets weiterentwickeln konnte. „Begriffe wie Elternzeit oder Hausmann gab es damals nicht, aber mein Mann übernahm den Haushalt und kümmerte sich sehr viel um die beiden Kinder“, sagt Marie Luise Sebald.

Alle werden gleich behandelt

Sie legte 1967 als Jahrgangsbeste die Meisterprüfung in Kassel ab, 1980 vergrößerte sie ihren Ein-Frau-Betrieb. Der Umzug in größere Räume und die Einstellung von Auszubildenden war ein finanzielles Risiko, aber die Investition lohnte sich. Zu den Stammkunden kamen neue hinzu – Professoren-Ehefrauen aus Marburg, aber auch wohlhabende Schweizerinnen.

Sebald sei sich und ihren Prinzipien treu geblieben: Alle Kundinnen werden gleich behandelt. Den verbalen Hofknicks habe sie nie gemacht. „Ich habe niemals Chefarzt-Gattinnen mit Frau Doktor angesprochen. Aber ich bestehe darauf, eine promovierte Frau mit ihrem Titel anzusprechen“, sagt Sebald, die Arzt-Gattin. Eins ihrer Markenzeichen ist das schnelle Zeichnen. Hat eine Kundin einen Wunsch, zeichnet die Schneiderin ihr zunächst ein Bild. „Dadurch kann ich zügig beraten und brauche nicht 10 bis 15 Modehefte zu zeigen.“

Trotz der finanzstarken Stammkundschaft: Immer weniger Menschen lassen sich Kleider nach Maß anfertigen. Sebald sorgte sich um ihr Geschäft, als ihr eines Nachts „die beste Idee“ kam: Sie entschloss sich eine „Kleiderklinik“ zu gründen. Andere würden dies Änderungsschneiderei nennen. Sie machte aus unmodern und unpassend gewordenen Kleidern neue Schmuckstücke. „Das war eine Marktlücke, das schlug an.“ Denn wer heute nur noch mit Haute Couture überleben wolle, habe schlechte Karten. Und Modenschauen? Dazu hat die Meisterin ihres Fachs eine klare Meinung: „Ich hatte eine einzige veranstaltet: Außer Spesen nichts gewesen.“

von Anna Ntemiris

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