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In Pflegeberufen sind Männer Exoten

„Schnupperkurs“ zu Pflegeberufen In Pflegeberufen sind Männer Exoten

Auf einen arbeitslosen Pfleger kommen zweieinhalb unbesetzte Stellen. Grund genug also, auch Männer für dieses Berufsfeld zu begeistern, das immer noch von Frauen dominiert wird.

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Beispiele für Männer in der Altenpflege: Luan Vuthaj (von links), Klaus Dörbecker und Manfred Trojan entschieden sich für den Pflegeberuf und bereuen ihre Entscheidung nicht.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Wenn Klaus Dörbecker von seiner Arbeit in der Altenpflege erzählt, dann leuchten seine Augen. Früher, da war er in der Baubranche tätig, hatte viel mit Konstruktion zu tun. Doch in 2009 meldete die Firma, in der er beschäftigt war, Insolvenz an.

„Ich habe schnell festgestellt: Arbeitslosigkeit, das geht für mich gar nicht“, sagt der 61-Jährige. Doch einen Job in seinem Berufsfeld zu finden, noch dazu mit 55 Jahren – das war damals schlichtweg unmöglich. Da sei ihm das Angebot, ein Praktikum in der Pflege zu absolvieren, genau recht gekommen. 14 Tage lang dauerte dieses – und nach den zwei Wochen stellte Klaus Dörbecker fest: „Das ist es, das ist genau der Job, den ich machen möchte.“

Erfahrungen in der Pflege habe er schon zum Teil gehabt, weil er seine kranke Mutter gepflegt habe. Doch die täglich wechselnden Herausforderungen in einem Pflegeheim seien noch wesentlich vielfältiger gewesen und entsprachen genau seinem Bild von einem herausfordernden Job.

„Das Image der Altenpflege ist nicht sehr gut“

Dörbecker absolvierte die dreijährige Ausbildung als Umschulung, die von der Agentur für Arbeit bezahlt wurde, und kam danach in der Marburger Altenhilfe St. Jakob unter, arbeitet im Pflegeheim in Cölbe. Der 61-Jährige gibt unumwunden zu, dass er ohne die vorherige Arbeitslosigkeit niemals über diesen Schritt nachgedacht habe. Auch habe er kein differenziertes Bild von der Pflege als Beruf gehabt.

Und er weiß auch: „Das Image der Altenpflege ist nicht sehr gut – es heißt immer, wir würden alten Menschen nur den Hintern abwischen oder Windeln wechseln. Dabei haben wir einen sehr anspruchsvollen Job, müssen flexibel sein und weitreichende Entscheidungen treffen – die mitunter auch über Leben und Tod entscheiden.“

Ähnlich wie Dönges ging es auch Manfred Trojan: Ebenfalls 61 Jahre alt saß er mit Dörbecker im selben Kurs. Trojan war vorher 30 Jahre lang in der Musikbranche tätig, wurde ebenfalls arbeitslos und packte die „Pflege-Chance“ beim Schopf.

„Für mich war die Pflege nicht ganz neu“, sagt er, „ich habe in den 70er Jahren bereits meinen Zivildienst in einem Heim für geistig Behinderte absolviert.“ Auch habe er seine Ehefrau bis zu deren Tod gepflegt. Heute arbeitet er in einer Wohngruppe in Dreihausen, bezeichnet die Erfahrungen, die er dort macht, als sehr erfüllend. „Ganz wichtig ist, dass man den Menschen Respekt entgegenbringt. Denn sie haben ein bewegtes Leben hinter sich – in der Pflege muss man sehr viel Empathie an den Tag legen, ein Pfleger schaut nicht auf die Uhr“, sagt Trojan.

Männeranteil beträgt in Pflegebranche 14 Prozent

Luan Vuthaj hat in der Altenpflege ebenfalls seinen Traumberuf gefunden – allerdings hat er sich den Job bewusst gewählt. „Ich wollte in den Gesundheitssektor, am liebsten als Arzt“, sagt der 41-Jährige. Das habe nicht geklappt, daher habe er zunächst eine Ausbildung als Krankenpfleger absolviert. „Aber die Arbeit im Krankenhaus unter permanentem Zeitdruck, ohne Zeit für die Patienten – das war nicht meine Welt“, sagt er. Doch nun, in der Altenpflege, sei er glücklich.

Und obwohl die drei Männer flammende Plädoyers für die Pflegeberufe halten – sie sind doch Exoten. Denn von den 1 420 sozialversicherungspflichtig beschäftigten Pflegern im Landkreis sind nur 14 Prozent Männer, „das entspricht ungefähr dem Bundesdurchschnitt“, sagt Dr. Heike Beber, Pressesprecherin der Marburger Arbeitsagentur.

Vor dem Hintergrund, dass jedoch immer mehr Menschen in der Pflege benötigt würden, wollen sich Landkreis und Arbeitsagentur nun verstärkt um Männer als Pflegekräfte bemühen und bieten mit der Altenpflegeschule der Arbeiterwohlfahrt Marburg einen dreiwöchigen „Schnupperkurs“ an. „Das Berufsfeld Altenpflege bietet auch Männern sichere Arbeitsplätze und vielfältige Aufstiegs- und Karrierechancen“, so die Akteure unisono. Pflegepersonal sei gefragt – allerdings müsse das Image der Pflegeberufe verbessert werden.

„Schnupperkurs“ stellt Techniken und Hilfsmittel vor

Der Kurs besteht aus einer einwöchigen Phase in der Altenpflegeschule und einem zweiwöchigen Praktikum in einem Altenpflegeheim, das wohnortnah organisiert wird. Am Anfang steht die Frage „Pflege – Der richtige Beruf für mich?“ In der ersten Woche des „Schnupperkurses“ gibt es in der Schule täglich von 8.30 bis 14 Uhr Informationen dazu, und Männer aus der Pflege berichten aus ihrer Praxis.

Beleuchtet werden Themen wie „Was bedeutet die Pflege eines alten Menschen?“, den Teilnehmern wird nähergebracht, wie sich Pflegebedürftigkeit anfühlt, wie ältere Menschen leben und welche Einschränkungen es im Alter gibt. Darüber hinaus werden die Tätigkeitsfelder der Altenpflege beleuchtet, Pflegetechnik und technische Hilfsmittel werden vorgestellt.

Anschließend folgt das Praktikum in einem Altenpflegeheim, die Teilnehmer erleben den Arbeitsalltag eines Altenpflegers und lernen pflegebedürftige alte Menschen kennen.

  • Eine Informationsveranstaltung findet am Donnerstag, 15. Oktober, von 10 bis 11.30 Uhr bei der AWO-Altenpflegeschule, Neue Kasseler Straße 3b in Marburg, statt.
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