Volltextsuche über das Angebot:

13 ° / 9 ° Regen

Navigation:
Ikea: Wetzlar und Gießen „im Dialog“

Ansiedlung Ikea: Wetzlar und Gießen „im Dialog“

Im Februar hatte der Möbelriese Ikea angekündigt, eine Filiale in Wetzlar zu eröffnen. Das stößt vor allem in der Nachbarstadt Gießen auf Kritik.

Voriger Artikel
Angeklagter sitzt auf immensen Steuerschulden
Nächster Artikel
Lehrplan für Pilotschulen steht

Der schwedische Möbelriese Ikea will sich in Wetzlar niederlassen. Dass die Stadt dieses Vorhaben alleine planen will, stößt der Nachbarstadt Gießen sauer auf. Nun sind die Städte in einen Dialog eingetreten.

Quelle: Heiko Wolfraum

Wetzlar. „Das ist ein Projekt für ganz Mittelhessen und daher ist es eine Angelegenheit für die Regionalversammlung“, sagte Bürgermeisterin und Planungsdezernentin Gerda Weigel-Greilich (Grüne) kürzlich gegenüber der Presseagentur dpa. Gießen wolle an den Planungen beteiligt werden.

Die Ikea-Filiale soll in Wetzlar auf einer Industriebrache in der Nähe der City entstehen. Wegen dieser „integrierten Lage“ ist aus Sicht der Stadt die Beteiligung der Regionalversammlung nicht nötig. Das Gremium ist etwa gefragt, wenn Bauprojekte Abweichungen vom Regionalplan erfordern.

Doch nun scheint sich die Lage ein wenig zu entspannen: Die Stadtspitzen von Wetzlar und Gießen haben jüngst Verhandlungen aufgenommen und sind „in einen Dialog eingetreten“, wie die Städte mitteilen.

Abgleich der verschiedenen Interessenlagen

Man strebe „eine vertragliche Vereinbarung an, die die unterschiedlichen Interessenlagen der beiden Lahn-Städte berücksichtigt“, erklärten Gießens Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (SPD) und Wetzlars Oberbürgermeister Wolfram Dette (FDP) nach dem Gespräch. Ziel der Vereinbarung soll demnach der Abgleich der verschiedenen Interessenlagen der Städte sein. Insbesondere wolle man „im Zuge einer guten Nachbarschaft und im Wissen um die bestehenden intensiven Verbindungen“ zwischen den beiden Städten gemeinsam bewerten, wie die Ikea-Ansiedlung so zu gestalten sei, dass sie vor allem für den Innenstadt-Handel der Städte verträglich stattfinde. „Wir freuen uns alle auf Ikea in Mittelhessen, aber wollen natürlich auch, dass dadurch kein Schaden für den bestehenden Handel entsteht“, erklärte Grabe-Bolz.

Das Augenmerk der Abstimmung richte sich deshalb vor allem auf die sogenannten „zentrenrelevanten Sortimente“ des schwedischen Möbelhauses, sagte die Oberbürgermeisterin. Diese seien unter anderem für die Gießener Innenstadt von Bedeutung.

Ihr Wetzlarer Pendant Dette betonte, dass der Wetzlarer Stadtmarketing-Verein die Ikea-Ansiedlung bereits begrüßt habe und sie positiv begleite. Der Verein vertritt auch die Interessen des Einzelhandels. Gleichwohl sei es im Hinblick auf die gutnachbarlichen Beziehungen „sinnvoll, einen gemeinsamen Interessensausgleich anzustreben“, so Dette.

Rückendeckung für Wetzlar durch die IHK Lahn-Dill

Wetzlar ist allerdings überzeugt davon, dass die Stadt die Ansiedlung alleine planen könne und - nach Rücksprache mit dem Regierungspräsidium - keine Zustimmung der Regionalversammlung erforderlich sei. Denn Paragraf 34 des Baugesetzes sieht diese Möglichkeit vor, wenn sich das Projekt in die Umgebung einfüge.

Rückendeckung dafür bekommt die Stadt auch durch die IHK Lahn-Dill: „Eine Genehmigung von Ikea am vorgesehen Standort auf der Grundlage von Paragraf 34 Baugesetzbuch ist unserer Ansicht nach rechtskonform“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Andreas Tielmann zu der von Gießen angestoßenen Debatte. Die IHK sehe in der Ansiedlung „eine große Chance“. Die Stadt gewänne als überregionales Einkaufszentrum an Attraktivität und eine Industriebrache werde nicht nur optisch aufgewertet.

Die Auswirkungen der Ansiedlung werden nach Einschätzung der IHK in ganz Mittelhessen spürbar sein. Um zu einer positiven Bilanz zu kommen sei es wichtig, im Umsetzungsprozess alle Partner mitzunehmen.

Tielmann verdeutlicht: „In einem persönlichen Gespräch konnten wir uns von der kooperativen Vorgehensweise und offenen Kommunikationspolitik von Ikea und Stadt überzeugen. Ikea setzt sich standortbezogen konstruktiv mit den an sie herangetragenen Belangen auseinander. Dies begrüßen wir.“

Dass Gießen und die Anliegerkommunen ihre Interessen gewahrt wissen möchten, sei nachvollziehbar. Dazu habe die Regionalversammlung aber bereits einen rechtsgültigen Regionalplan verabschiedet, an dessen Vorgaben sich neue Vorhaben anpassen müssten. Ikea entspreche nach Ansicht der IHK diesen Zielen. Daher werde kein Abweichungsverfahren benötigt. Eine Entscheidung durch die Regionalversammlung wäre nur notwendig, wenn die Ansiedlung Ikeas den Vorgaben widersprechen würde.

Trotz verkürzten Verfahrens werden Belange geprüft

Zwar sei das Verfahren nach Paragraf 34 zeitlich verkürzt, dennoch würden die Belange aller Nachbarkommunen intern geprüft. So müsse etwa nachgewiesen werden, ob der Einzelhandelsbetrieb die verbrauchernahe Versorgung der Bevölkerung beeinträchtige oder schädliche Auswirkungen auf zentrale Versorgungsbereiche in der Stadt oder angrenzenden Gemeinden habe.

Das dazu erstellte Einzelhandelsgutachten untersuche in einem weiten Einzugsbereich alle relevanten Sortimente bis ins Detail. Laut Tielmann erwarte die IHK, dass eine gewisse Umverteilung an Kaufkraft stattfinden werde. Der größte Anteil dürfte dabei allerdings von den Ikea-Häusern in Siegen und Frankfurt abgezogen werden.

Für Wetzlar und Mittelhessen insgesamt sieht die IHK daher „einen positiven Saldo bei Kaufkraft, Arbeitsplätzen und Steueraufkommen“.

Verdi begrüßt Schaffung von Arbeitsplätzen

Auch der Fachbereichsvorstand Handel der Gewerkschaft Verdi nimmt zur geplanten Ansiedlung Stellung. „Der Vorstand begrüßt die Schaffung von Arbeitsplätzen im Wetzlarer Einzelhandel, die der Tarifbindung unterliegen“, so die Gewerkschaft. Ikea sei Mitglied im Arbeitgeberverband, zudem hätten fast alle deutschen Niederlassungen einen Betriebsrat. Immer mehr Einzelhändler in Mittelhessen würden die tariflichen Standards teils deutlich unterschreiten - solche Schwierigkeiten sehe Verdi bei Ikea nicht.

Durch die „sozialen Standards bewerten wir das Kommen von Ikea als Bereicherung für den Arbeitsmarkt der Einzelhandelsbranche in der Region“, so der Fachbereichsvorstand. Man werde zeitnah zur Fertigstellung der Bauarbeiten „mit der Geschäftsleitung Kontakt aufnehmen, um Fragen der Zusammenarbeit und einer Betriebsratsgründung zu besprechen“.

von Andreas Schmidt

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr