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„Ich musste die Reißleine ziehen“

„Offenbacher Lederwaren“ schließt „Ich musste die Reißleine ziehen“

Nach mehr als 60 Jahren ist Schluss: „Offenbacher Lederwaren“ in Kirchhain schließt. Inhaber Markus Krähling macht dafür 
vor allem das Internet ­verantwortlich.

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Markus Krähling, Inhaber der „Offenbacher Lederwaren“ in Kirchhain, schließt seinen Laden. 
Vor allem durch Internethändler werde der Einzelhandel kaputtgemacht.

Quelle: Andreas Schmidt

Kirchhain. Es herrscht Hochbetrieb bei den „Offenbacher Lederwaren“ in Kirchhain gegenüber des Rathauses. Kunden decken sich mit Taschen ein, informieren sich bereits über Schulranzen, die in der kommenden Saison in sein könnten, stöbern im Angebot – Inhaber Markus Krähling und seine Mitarbeiterin haben an diesem Morgen viel zu tun.

Doch was nach einem florierenden Geschäftsbetrieb aussieht, ist vor allem einem Umstand geschuldet: Krähling schließt seinen Laden bald, derzeit findet ein großer Räumungsverkauf statt. Die Kunden sind also auf „Schnäppchenjagd“, und der volle Laden ist genau das, was bei „Offenbacher Lederwaren“ in den vergangenen Jahren zu oft ausblieb.

Seit 61 Jahren gibt es das Fachgeschäft bereits in Kirchhain, es ist eine Institution. An den Wänden seines kleinen Büros künden Urkunden von Jubiläen – die wohl letzte stammt aus 2005, als das Unternehmen 50 Jahre bestand. Doch die wirtschaftliche Situation verschlechterte sich seit mehreren Jahren, wie Markus Krähling berichtet. Er hatte das Geschäft 1990 von seinen Eltern übernommen.

„Ich habe mich damals bewusst dafür entschieden“, sagt der 57-Jährige. Er habe vorher mit seinem Bruder in Düsseldorf gearbeitet, „da war für mich klar, dass die Großstadt nichts für mich ist“. Also kam er zurück nach Kirchhain. „Eigentlich wollte ich Sport studieren. Dann wurde mir aber das Knie kaputt getreten – damit war das Studium passé. Also habe ich das Geschäft übernommen.“

Doch warum muss „Offenbacher Lederwaren“ nun schließen? „Es wird immer mehr im Internet gekauft – und das wird auch staatlich forciert“, sagt Krähling. So sei etwa Amazon stark subventioniert worden, als sich das Unternehmen in Deutschland ansiedeln wollte.

Fördermittel vernichten in Konsequenz Arbeitsplätze

In der Tat ging 2013 auf eine kleine Anfrage der Fraktion der Linken im Bundestag hervor, dass der Versandhändler mit mindestens 7 Millionen Euro aus Steuergeldern gefördert worden sei. Das berichtete die Süddeutsche Zeitung und vermutet, der Konzern habe insgesamt 14 Millionen erhalten, da die Länder zu solchen Bundeszuschüssen in der Regel denselben Betrag beisteuern. Und auch ein Blick in die Bilanzen der Leipziger Amazon Distribution GmbH und der Amazon Logistik GmbH in Bad Hersfeld bestätigt das.

Mit den Fördermitteln sollten damals Arbeitsplätze in „strukturschwachen Regionen“ geschaffen werden. „Wenn man dann allerdings zulässt, dass diese Unternehmen dann hier keine Steuern zahlen, dann muss man klar sagen, dass es staatlich genehm ist, wenn die kleinen Händler schließen – denn sonst würde man mehr Wert darauf legen, dass wir eine Chance haben“, sagt Krähling. Die Situation sei absurd: Der Internet-Riese sei subventioniert worden, um Arbeitsplätze zu schaffen – „gleichzeitig gehen durch sein Geschäft aber massiv Arbeitsplätze verloren“.

Viele Kunden würden nach den Gründen für die Schließung fragen. „Wenn ich denen die Lage erkläre, dann erkläre ich es den falschen – denn sie sind ja da. Schließen müssen wir wegen denen, die nicht da sind“, so der Geschäftsinhaber. Hinzu käme auch der offensichtliche Beratungsdiebstahl: Kunden würden sich im Laden beraten lassen und dann im Netz bestellen. Diese strukturellen Probleme beträfen aber nicht nur ihn, „sondern grundsätzlich den Einzelhandel. Alle lokalen Händler eint heute nicht der Konkurrenzkampf, sondern der Kampf gegen das Internet“.

Seit 1995 seien die Zahlen seines Geschäfts kontinuierlich gesunken. „Ein bis zwei Prozent pro Jahr, das bekommt man geregelt“, sagt Krähling. Doch dann seien es 30 Prozent geworden, „ich musste die Reißleine ziehen“. Ein Vertreter habe ihm bestätigt, dass in dessen Gebiet zwischen Wiesbaden und Homberg „15 Lederwarengeschäfte geschlossen wurden“. Das sei natürlich kein Trost, zeige aber eine Tendenz auf.

Wohl bis Mitte Dezember soll der Räumungsverkauf bei „Offenbacher Lederwaren“ noch laufen. Und dann dreht Krähling den Schlüssel seines Ladens letztmals um – und beschließt eine Ära in Kirchhain.

von Andreas Schmidt

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