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"Ich kann Ihnen leider nicht mehr helfen"

Roland Koch "Ich kann Ihnen leider nicht mehr helfen"

Der frühere Ministerpräsident kokettierte ein wenig mit seinem Status des Pensionärs - zur Unterhaltung des Publikums. Seine Rede vor 650 Mitgliedern der Volksbank Mittelhessen enthielt dennoch tiefgreifende Themen. Der Zusammenhalt Europas stehe auf dem Spiel.

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Roland Koch war von 1999 bis 2010 Ministerpräsident.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Eine Million Euro fehlen immer noch: Der Vorstandssprecher der Volksbank Mittelhessen, Dr. Peter Hanker, griff zu Beginn seiner Bilanz-Präsentation das Thema auf, das Anfang Januar für Schlagzeilen sorgte. Ein unbekannter Täter hatte aus einem Raum der Volksbankzentrale 1,2 Millionen Euro gestohlen. „Wir können noch nichts vermelden, sind sehr zuversichtlich, dass die Polizei den Fall lückenlos aufklären kann“, sagte Hanker vor fast 650 Mitgliedern der Volksbank Mittelhessen.

Abgesehen von diesem Kriminalfall ist die Genossenschaftsbank gut aufgestellt. Laut den vorläufigen Zahlen beträgt das Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit nach Bewertung 68 Millionen Euro, nach 64 Millionen Euro im Jahr zuvor (die berichtete über die Bilanz). Die Rendite wird mit 5,5 Prozent diesmal geringer ausfallen als in den Vorjahren, liege aber immer noch über dem Schnitt anderer Volksbanken.

Im Mittelpunkt der Mitgliederversammlung stand allerdings nicht der Geschäftsbericht, sondern die Rede des ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU). Der 57-Jährige, der jetzt als Rechtsanwalt tätig ist, betonte, Pensionär zu sein und „die Tagespolitik wie der Teufel das Weihwasser zu meiden“.

Als Pensionär dürfe er aber „Warnungen“ aussprechen, sagte er. Er warnte davor, die beste Ausgangssituation, die Deutschland habe, zu verspielen. „Dieses Jahr wird eines der schwierigsten Jahre sein, die Sie je gesehen haben“, sagte er und schob humorvoll hinterher. „Es wird anstrengend bleiben. Und ich kann Ihnen leider nicht mehr helfen.“

Mittelstand und Mitbestimmung sind wichtige Säulen

Die beste Ausgangslage hat Deutschland laut Koch, weil der Mittelstand und die Mitbestimmung bedeutende Säulen im Land seien. „Diese Vorteile, die wir haben, kann man nicht in ein, zwei Jahren zerstören.“

Auf der anderen Seite sei diese gute Situation auch nicht unproblematisch: In Deutschland bemerken viele in „gemütlichen Räumen“ und bei „so schönen Bilanzen“ nicht, dass es „uns im Augenblick deutlich besser geht als den anderen.“ Eine Gefahr für den Mittelstand und damit die Grundlage des Wohlstands sieht Koch in der Regulierung.

„Die Summe dieser Regelungen ist die große Gefahr“. Unternehmen hätten irgendwann „keinen Spaß mehr“ daran, neue Ideen zu entwickeln. „Solange es keinen Widerstand gegen Regulierung gibt, wird es mehr Regulierung geben.“

Als Peter Hanker später nachhakte, trat Koch provokanter auf: Für die Banken sei die Regulierung zunächst eine Arbeitsbehinderung, keine Existenzgefährdung. „Sie gehören ja zu denen, die die Klagemauer ausreichend hochziehen“, sagte er zum Vorstand. Und einmal mehr lachte das Publikum in der Sporthalle des Georg-Gaßmann-Stadions.

Zusammenhalt in Europa ist dringend nötig

In der Europa- und Flüchtlingspolitik ist Roland Koch optimistisch - unter einer Bedingung: „Dass es uns gelingt, Europa zusammenzuhalten.“

„Wenn wir nicht aufpassen, fliegt uns Europa auseinander“, sagte er weiter. Im anschließenden OP-Gespräch erklärte er, dass einzelne Staaten politisch und wirtschaftlich nicht stark und groß genug seien. Ein Zusammenhalt sei dringend nötig. Nationale Alleingänge und Symbole wie sie in Ländern wie Polen oder Großbritannien zu beobachten seien, gefährden laut Koch damit die EU.

Auf die Frage, was Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gegen die antieuropäische Stimmung machen sollte, sagte er: „Das, was sie jetzt schon macht: Tag und Nacht verhandeln, verhandeln, verhandeln.“ Der Ausgang sei „offen“.

Zu Schwarz-Grün in Hessen will der frühere Landesvater, der mit der FDP regierte, auch keine Angaben machen. Nur so viel: „Die Zusammenarbeit dieser Art ist eine menschliche, nicht eine politische.“

von Anna Ntemiris

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