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„Ich habe meinen Traumberuf gefunden“

Einstiegsqualifizierung für Flüchtlinge „Ich habe meinen Traumberuf gefunden“

Wie kann die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt gelingen? Zum Beispiel mit einer Einstiegsqualifizierung, die den Weg zur Ausbildung ebnet.

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Die Iranerin Maryam Golmohammadi Daem absolviert als Vorstufe zur Ausbildung eine Einstiegsqualifizierung im Friseursalon Domino von Rolph Limbacher (links). Ihr Mann Jousef Alipour, dem die 36-Jährige für das Foto den Kopf wäscht, kümmert sich derweil um die Kinder.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Maryam Golmohammadi Daem ist überglücklich: Die Iranerin absolviert derzeit eine sogenannte Einstiegsqualifizierung (EQ) im Friseursalon Domino im Herkules-Markt.

„Ich bin jetzt seit vier Monaten bei Domino, und alle sind so nett, es gefällt mir sehr, sehr gut“, sagt sie. Morgens besucht die 36-Jährige an drei Tagen in der Woche einen Deutschkurs bei der Volkshochschule, nachmittags arbeitet sie dann im Friseursalon – so, wie an den anderen Tagen ganztags.

Deutsch spricht sie bereits sehr gut, „manchmal soll ich sogar schon ans Telefon gehen“, sagt sie – dazu würden sie die Kolleginnen ermuntern, doch davor scheue sie sich noch ein wenig. Doch alle hätten viel Geduld, würden auch viel erklären – „es ist toll“, sagt sie.

Auf Deutschkurs werden Fachbegriffe gepaukt

„Sprachtraining und Praxis sind das Maß der Dinge“, verdeutlicht Dr. Heike Beber, Pressesprecherin der Marburger Arbeitsagentur. Und die Arbeit in einem Umfeld wie dem Friseursalon biete jede Menge an Sprachgelegenheiten – so falle das Lernen viel leichter.

Auch Rolph Limbacher, Inhaber von Domino und gleichzeitig Kreishandwerksmeister, ist begeistert: „Im Gegensatz zu vor vier Monaten liegen Welten dazwischen“, sagt er und bezeichnet die Iranerin „als ein Musterbeispiel, sie kann sich schon mit den Kunden unterhalten, was in unserem Beruf sehr wichtig ist.“

Doch Limbacher weiß auch, dass es mit der Umgangssprache alleine nicht getan ist: „Im nächsten Schritt geht es um Fachbegriffe, die in einem normalen Deutschkurs nicht vermittelt werden.“ Doch er ist guter Dinge, dass Maryam Golmohammadi auch diese Hürde meistern werde.

Denn sie sei sehr motiviert – daher versprach er auch, dass die 36-Jährige nach der EQ bei ihm ihre Ausbildung absolvieren dürfe. „Die Berufsschule wird zwar noch einmal eine Herausforderung. Aber wenn sie so weitermacht, klappt auch das.“

Limbacher spricht von Win-win-Situation

Für Limbacher ist es einerseits „eine soziale Verantwortung“, Flüchtlingen in seinen Filialen eine Chance zu bieten. „Aber das Ganze hat natürlich auch einen Selbstzweck, denn letztendlich benötigen wir die Fachkräfte und die Auszubildenden – und das Handwerk sieht die Flüchtlinge als eine große Chance.“

Er bezeichnete die Ausbildung von Geflüchteten als eine „Win-win-Situation: Sie sind integriert, haben eine Ausbildung und liegen dem Staat nicht auf der Tasche – und wir haben Leute, die gerne bei uns arbeiten. Das ist der Idealfall“, so Limbacher.

Geflüchtet war Maryam Golmohammadi Daem mit ihrem Mann Jousef Alipour und ihren beiden Töchtern aus dem Iran. Seit Mai 2013 lebt die Familie in Deutschland, die Töchter besuchen mittlerweile Schule und Kindergarten. Vergangenen Herbst kam Maryam Golmohammadi mit dem Arbeitsmarktbüro für Flüchtlinge in Kontakt.

Ansprechpartner war dort für sie Dr. Mohammad Reza Malmanesh, der kurz nach dem ersten Gespräch den Kontakt zu Domino herstellte. Unter Einbindung der Arbeitsvermittlung wurde schnell klar, wo es beruflich hingehen sollte: Friseurin will die 36-Jährige werden. „Im Iran war ich Hausfrau. Aber jetzt habe ich meinen Traumberuf gefunden“, sagt sie.

Derzeit gibt es 88 Stellenangebote

Gleichzeitig zeigt sie, dass das Rollenbild, das bei vielen Deutschen vorherrsche, nicht stimmt. Denn ihr Mann schmeißt den Haushalt und kümmert sich um die beiden Töchter. „Ich bin damit sehr zufrieden – und stolz auf meine Frau“, sagt er.

Ebenso wie auf die ältere Tochter. Denn die wird demnächst wohl das Gymnasium besuchen – „in ihrem Zeugnis steht sie überall auf einer Eins, außer in Deutsch, da ist es eine Drei plus“, sagt Mohammad Reza Malmanesh, der das Ehepaar auch weiterhin betreut.

Er ist begeistert, dass sich sehr viele Betriebe in der Region bereiterklärten, Flüchtlingen eine Chance zu bieten. „Derzeit gibt es 88 Stellenangebote – für die EQ ebenso, wie Ausbildungsplätze und Arbeitsstellen“, verdeutlicht er.

Mit allen potenziellen Arbeitgebern suche man dann das Gespräch, erkläre, worauf zu achten sei. „Und wir lassen die Flüchtlinge dann nicht alleine, sondern betreuen sie auch weiterhin, wenn wir sie vermittelt haben“, betont Malmanesh.

von Andreas Schmidt

 
 Hintergrund: Einstiegsqualifizierung

Mittels einer Einstiegsqualifizierung (EQ) kann die Berufseignung in einem betrieblichen Praktikum geprüft werden. Es geht darum, die individuelle Leistungsfähigkeit in der Praxis kennenzulernen. Eine EQ ist thematisch in Qualifizierungsbausteine eingeteilt, die sich an die Inhalte anerkannter Ausbildungsberufe nach dem Berufsbildungsgesetz anlehnen.

In der Regel beginnt eine EQ am 1. Oktober des Jahres oder später und dauert sechs bis zwölf Monate. Die Arbeitsagentur fördert den Arbeitgeber, der die EQ ermöglicht, mit monatlich bis zu 216 Euro. Der Anteil am pauschalierten Gesamtsozialversicherungsbeitrag für EQ beläuft sich für die gesamte individuelle Förderdauer monatlich auf 108 Euro.

 
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