Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
„Ich darf mir keine Grippe mehr erlauben“

Befristet Beschäftigte beklagen sich über CSL „Ich darf mir keine Grippe mehr erlauben“

Befristet beschäftigte Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe gegen CSL Behring: Wird der Krankenstand zu hoch, verlängert das Unternehmen die Verträge nicht.

Voriger Artikel
Nach 32 Jahren ist bald Schluss
Nächster Artikel
Jugendliche informieren sich über Berufsfelder

Flaggen vor einem Gebäude von CSL Behring. Befristet beschäftigte Mitarbeiter werfen dem Unternehmen vor, ihre Verträge würden nach Krankheit nicht verlängert.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Johannes Schröder (Name von der Redaktion geändert) hat Angst. Er war in diesem Jahr bereits zwei Wochen krank – immer nur wenige Tage am Stück, mal wegen Grippe, mal wegen Rückenproblemen.

Der Mann arbeitet in der Produktion von CSL Behring – und fürchtet nun um seinen Arbeitsplatz. Denn: In einem Mitarbeitergespräch hat sein Vorgesetzter ihm eröffnet, dass sein befristeter Arbeitsvertrag wahrscheinlich nicht verlängert werde, wenn er noch einmal krank werde – dann habe er nämlich gegen die „interne Fünf-Prozent-Regel“ verstoßen.

Diese Regel erscheine laut Schröder in keinem Vertrag und werde natürlich auch nicht offiziell verkündet. Doch besage sie, dass ein Mitarbeiter maximal für fünf Prozent seiner Arbeitszeit krank sein dürfe. „Die Winterzeit kommt erst noch – ich darf mir keine Grippe mehr erlauben“, sagt der Mitarbeiter. Auch seine Kinder dürften bloß keinen Infekt aus Kindergarten und Schule mitbringen. Und falls doch? „Dann gehe ich auf jeden Fall in den Betrieb. Denn ich ernähre die Familie – meine Frau hat nur einen Minijob.“

Unternehmen will Krankheitsraten senken

253 Arbeitstage hat das Jahr 2015 – fünf Prozent davon sind schnell erreicht, denn es bedeutet, dass ein Arbeitnehmer bereits nach 12,5 Tagen, also etwa zweieinhalb Arbeitswochen, bedroht wäre. Schröder kann das nicht verstehen „bei einem Unternehmen, das sich mit seiner Familienfreundlichkeit rühmt und sogar von der Stadt Marburg dafür ausgezeichnet wurde“.

Susanne Fischer, Betriebsratsvorsitzende von CSL Behring, sagt: „Es ist erklärtes Ziel des Unternehmens, die Krankheitsraten insgesamt zu senken.“ Denn Ziel sei es, die Mitarbeiter nicht nur gesund zu erhalten, sondern auch mit Projekten dafür zu sorgen, dass die Belegschaft noch gesünder werde – hier stehe man in intensiven Gesprächen mit der Geschäftsführung.

Die Betriebsratsvorsitzende weiß aber auch, dass die Kosten bei dem Unternehmen eine große Rolle spielten. Susanne Fischer stellt jedoch klar, dass ein befristetes Arbeitsverhältnis einfach endet: „Da ist es egal, ob die Leistung nicht gestimmt hat, jemandem die Nase des Mitarbeiters nicht gefällt oder weil er zu häufig krank war.“

Auch, wenn es keine Mitbestimmung gebe, bemühe man sich intensiv darum, „befristete Verträge in unbefristete umzuwandeln. Dazu lassen wir uns regelmäßig von der Personalabteilung über Verträge informieren, die in den kommenden drei Monaten auslaufen – um dann zu versuchen, eine Entfristung zu erreichen. Und das meist schon lange, bevor die Mitarbeiter aktiv werden“, so Fischer.

Befristungen werden oft als verlängerte Probezeit angesehen

Ziel müsse es sein, auch die befristeten Kräfte zu halten, da diese ja bereits eingearbeitet seien. „Wenn die Kollegen neue Mitarbeiter einarbeiten müssen, taucht das jedoch auf keiner Kostenstelle auf – im Gegensatz zu einer Krankheitsrate“, verdeutlicht die Betriebsratsvorsitzende das Problem.

„Es ist prinzipiell nicht unüblich, dass sich Unternehmen überlegen, ob sie sich langfristig an einen Mitarbeiter binden wollen oder nicht“, sagt Beate Rohrig, Bezirksleiterin bei der für CSL zuständigen Gewerkschaft IG BCE.

Da sei es „eher normal“, dass man auf den Krankenstand eines Mitarbeiters schaue. Selbstverständlich würden auch die Leistungen des jeweiligen Mitarbeiters in diese Beurteilung einfließen, „das machen aber alle Firmen“, betont Rohrig.

Befristete Verträge würden häufig von Unternehmen als „eine Art „verlängerte Probezeit, in der sich Mitarbeiter bewähren müssen“, genutzt – „besonders schlimm finden wir als Gewerkschaft, wenn Unternehmen das direkt nach der Ausbildung machen, denn die Auszubildenden kennen die Betriebe ja lange genug – da weiß man also, auf wen und auf was man sich einlässt“, so die Bezirksleiterin.

Sprecher: Niemand wird genötigt

Und was sagt das Unternehmen zu den Vorwürfen? „CSL Behring schließt befristete Verträge ab, um flexibel auf die Anforderungen des Marktes für unsere lebenserhaltenden Medikamente reagieren zu können“, teilte ein Unternehmenssprecher mit. Dies entspreche „einer üblichen und zulässigen Praxis in der gesamten Arbeitswelt“.

Die Mitarbeiter hätten „für CSL Behring als Arbeitgeber einen besonderen Stellenwert. Sowohl bei der Einstellung als auch bei einem zeitlich vereinbarten Ende eines Vertrages prüfen wir in jedem Einzelfall genau, ob eine Zusammenarbeit beziehungsweise Fortsetzung der Zusammenarbeit sinnvoll und zielführend ist“, so der Sprecher. Man nehme in diesen Fällen eine Gesamtbetrachtung vor, „bei der sich neben Personal- und Fachabteilung und des jeweiligen Vorgesetzten auch der einzelne Mitarbeiter selbst“ einbringen könne.

Der Unternehmenssprecher verdeutlicht: „In diesem Zusammenhang gibt es keine ,Fünf-Prozent-Regelung‘ oder eine andere prozentuale Vorgabe, um die Krankheitszeiten bei der Verlängerung von befristeten Arbeitsverhältnissen zu berücksichtigen.“

Außerdem ermutige man keinen Mitarbeiter, krank am Arbeitsplatz zu erscheinen. „Wir verlangen dies auch nicht und bieten vielmehr mit der am Standort Behringwerke befindlichen werksärztlichen Abteilung einen Gesundheitsservice, der im Bedarfsfall jederzeit und kostenlos von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern genutzt werden kann.“

von Andreas Schmidt

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr