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Outlet-Einkauf? Für Marburg verkraftbar

Pohlheim-Pläne Outlet-Einkauf? Für Marburg verkraftbar

Ein Outlet-Center könnte in Pohlheim entstehen, Mittelhessens Städte bangen um ihre Innenstädte. Die Faktenlage zu Auswirkungen von Outlets auf Städte ist jedoch unklar. Das sagen die Industrie- und Handelskammern.

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Eine Frau trägt Einkaufstüten beim Shoppen im Designer-Outlet in Neumünster.

Quelle: Carsten Rehder / dpa

Marburg. „Bisher hat es in unserem IHK-Bezirk keine nennenswerten Probleme durch große Outlet-Center gegeben, die Kaufkraft aus der Region abziehen“, verdeutlicht Oskar Edelmann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Kassel-Marburg.

Ein nahe gelegenes Outlet berge allerdings „selbstverständlich das Risiko, dass das passieren kann und so der lokale Einzelhandel und in der Folge die Innenstadt geschwächt werde. Über das mögliche Ausmaß lässt sich derzeit nur spekulieren. Doch alleine das Flanieren durch die historischen Gassen trägt viel zum Aufenthalts- und Shoppingerlebnis in Marburg bei und ist ein ganz entscheidendes Alleinstellungsmerkmal, das uns niemand nehmen kann“, sagt er.

Aus seiner Sicht gehe eine viel größere Gefahr für den stationären Einzelhandel mit der eingeschränkten Erreichbarkeit der Marburger Innenstadt einher. Aus diesem Grund fordere die IHK seit Jahren von der Kommunalpolitik, „den Abbau von öffentlichem Parkraum zu beenden und wieder mehr Parkplätze in zentraler Innenstadtlage zu schaffen. Marburg hat als Einkaufsstadt ein großes Potenzial; dieses muss allerdings auch für Besucher, die mit dem Auto anreisen, nutzbar gemacht werden“.

IHK: Jeder kann einen Beitrag leisten

Eine weitere, nicht zu unterschätzende Herausforderung für lokale Einzelhändler sei aus Sicht der IHK der digitale Wandel. Das Verkaufen und Kaufen ändere sich – darauf gelte es zu reagieren. Für Edelmann ist klar: „Überlebenswichtig ist es, Online- und Offline-Formate intelligent zu verzahnen – und dem Kunden das zu geben, was er sucht: Erlebnisse. Ob digital oder analog: Die Aufgabe lautet, jeweils passende Erlebniswelten zu schaffen, gute Produkte zu haben und die Marke zu pflegen. Beispielsweise durch eine besonders anziehende Inszenierung oder eine qualitativ hochwertige Beratung.“

Gelinge den Unternehmen dies, bestünden sie nicht nur im Wettbewerb mit den Online-Angeboten. Sie stärkten damit auch ihr Ladengeschäft. „So entfällt für die Konsumenten ein wichtiger Anreiz, in einem viele Kilometer entfernten Outlet-Center ihre Besorgungen zu erledigen“, sagt Edelmann, der meint: „Sporadische Shoppingausflüge dorthin sind für Marburg sicherlich verkraftbar. Der Löwenanteil der regionalen Kaufkraft sollte weiterhin hier verbleiben.“

Jeder könne selbst einen Beitrag leisten, durch das Einkaufen vor Ort sein Lebensumfeld positiv mitzugestalten. „Um genau darauf aufmerksam zu machen, hat die IHK im vergangenen Jahr zusammen mit weiteren Partnern die Aktion ,Heimat shoppen‘ ins Leben gerufen. Denn Einzelhändler leisten ebenso wie Gastronomen und Dienstleister einen unverzichtbaren Beitrag zur hohen Lebensqualität der Universitätsstadt“, so Edelmann.

Wendzinski: Outlet-Center in Pohlheim nicht genehmigungsfähig

Die Bevölkerung habe „Heimat shoppen“ positiv aufgenommen. „Dessen ungeachtet bleibt es unsere Aufgabe, das Bewusstsein dafür zu stärken und zu entwickeln, dass sich lokale Kaufentscheidungen für die eigene Heimat bezahlt machen.“

Dr. Franz Wendzinski, Geschäftsführer des Bereichs Standortpolitik bei der IHK Gießen-Friedberg, glaubt nicht, dass das Outlet überhaupt entstehen werde. „Unserer Auffassung nach ist ein Factory-Outlet-Center auf der Gewerbefläche in Pohlheim-Garbenteich derzeit nicht genehmigungsfähig“, sagt er. Der Regionalplan Mittelhessen sehe vor, dass Factory-Outlet-Center nur in den Kernbereichen der Innenstädte der Oberzentren zulässig seien. Das Vorhaben stehe daher den Vorgaben des Regionalplans Mittelhessen aus 2010 entgegen.

„Die Auswirkungen solcher Vorhaben entsprechen denen klassischer großflächiger Einzelhandelsansiedlungen“, sagt er. Durch die Ansiedlung „könnten erhebliche negative Auswirkungen auf gewachsene Einzelhandelsstandorte entstehen. Darüber hinaus wäre mit einer Zunahme des Individual- und Lieferverkehrs zu rechnen“, so Wendzinski. „Die IHK wird das Ansiedlungsvorhaben in den Gremien besprechen und die Interessen der Unternehmen ausloten und abwägen“, verdeutlichte er.

Ikea-Konkurrenz berichtet von steigenden Kundenzahlen

Doch ist die Angst vor einem Outlet überhaupt gerechtfertigt? Limburg, vom Outlet-Standort Montabaur mit rund 30 Kilometern so weit entfernt wie Marburg von einer etwaigen Pohlheim-Mall, räumte zuletzt ein, dass die jahrelang befürchteten Negativ-Auswirkungen ausgeblieben seien. Die Stadt, die mit anderen Kommunen 2006 gegen das Montabaur-Outlet klagte, verzichtete vier Jahre später auf den Gang vor die höchste Gerichtsinstanz.

Befürchtungen, wonach ein Handelsgigant die regionale Konkurrenz aussterben lasse, gab es in Wetzlar, Gießen und Marburg auch im Vorfeld der Ikea-Eröffnung in Wetzlar.

Die Realität: Die Ikea-Konkurrenz berichtet von steigenden Kundenzahlen. Wetzlars Oberbürgermeister Manfred Wagner (SPD): „Die Einschätzungen, die im Vorfeld der Ikea-Ansiedlung nicht nur von Möbelhändlern aus der Region formuliert wurden, haben sich nach meiner Ansicht bestätigt.“ So seien mit der Ansiedlung von Ikea „Wetzlar als Einkaufsstadt und der Möbelstandort Mittelhessen gestärkt und zugleich der Kaufkraftabfluss Richtung Rhein-Main oder Kassel vermindert worden“. Jedoch sei das Möbelhaus weder auf der grünen Wiese gebaut worden noch handele es sich um einen „Direktverkauf“ von jenen Waren, die klassischerweise von Einzelhändlern in Innenstädten angeboten werden: Mode, Schuhe, Sportbekleidung.

Die Industrie- und Handelskammer Würzburg-Schweinfurt spricht in Bezug auf die Auswirkungen des „Wertheim Village“ 
auf Würzburgs Einzelhandel von 
einem „Abfluss der Umsätze“. Laut einer Studie der Universität Regensburg habe es 4,9 Millionen Euro Umsatzumverteilung allein von Würzburg nach Wertheim gegeben.

Wirtschaftsexperte sieht Einzelhandel nicht bedroht

Wie Outlet-Betreiber in ihren Mietverträgen bisweilen vorgehen und was das auch für nahe Innenstädte in Bezug auf die Attraktivität des Warenangebots bedeuten kann, zeigt „Wertheim Village“: Der Betreiber schloss Mietverträge mit „seinen“ Markenartikelherstellern, in denen diese sich gegenüber dem Outlet-Betreiber verpflichteten, innerhalb eines Radius von 150 Kilometern keine weiteren Ladenlokale zu eröffnen. Das Bundeskartellamt verbot dieses Vorgehen, beschränkte den Radius.

Auch das Outlet in Montabaur hat eine Radiusklausel in den Mietverträgen – mit einem Radius von 50 Kilometern und mit einer zeitlichen Beschränkung auf fünf Jahre.
Der Wirtschaftsexperte Joachim Will, Geschäftsführer der Wiesbadener Beratungsfirma Ecostra, entgegnet, dass der Modehandel in Würzburg nach Eröffnung des „Wertheim Village“ nicht abgenommen habe. Das, wie auch die Feststellung, dass „Innenstädte nicht wegen der Eröffnung von Outlets veröden“, sei das Ergebnis von jahrelangen Marktbeobachtungen.

Die Zahl von 700 möglich entstehenden Arbeitsplätzen durch Outlet-Investor „Neinver“ in Pohlheim ist laut Will realistisch. Wenn sich Kommunen aber auch finanzielle Versprechungen von der Ansiedelung machen, seien sie etwa angesichts von Abschreibungen der Investitionskosten „wirtschaftlich blind“, sagt Will. Die Gewerbesteuer-Einnahmen seien zwar „nicht zu unterschätzen – aber erst nach einigen Jahren des erfolgreichen Betriebs“.

von Björn Wisker
 und Andreas Schmidt

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