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Mit „altem Recken Schorsch“ auf Fahrt

Klassik-Taxi Mit „altem Recken Schorsch“ auf Fahrt

Steffen Kraus ist Oldtimer-Enthusiast – und Taxifahrer. Daher hat er einen 
41 Jahre alten Mercedes hergerichtet und bringt Fahrgäste in seinem 
 „Klassik-Taxi“ ans Ziel.

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Steffen Kraus mit seinem „Klassik-Taxi“: Einem 41 Jahre alten Mercedes W123.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. „I steh in der Költ‘n und woat auf a Taxi, oba‘s kummt net, kummt net, kummt net – I woat auf des Brummen von am Mercedes Diesel, oba‘s brummt net, brummt net, brummt net“ – mit diesen Zeilen ihres Liedes „Taxi“ setzte die Band „Deutsch-Österreichisches Feingefühl“ (DÖF) dem Passagiertransport 1983 ein musikalisches Denkmal.

Als das Lied erschien, war das Taxi von Steffen Kraus schon seit sieben Jahren im Einsatz. Denn der Mercedes W123, der seit einigen Wochen auch in und um Marburg zu sehen ist, wurde 1976 gebaut. Kraus hat es „nach langer Suche“ gefunden, um sich nach viereinhalb Jahren als Taxifahrer im Nebenerwerb nun selbstständig zu machen. „Ich bin schon seit Jahrzehnten autoverrückt – und es war klar, wenn ich mich selbstständig mache, dann nur mit einem alten Auto“, sagt der 36-Jährige. Für ihn ist klar: „Wenn ich sieben Tage in der Woche auf dem Bock hier hocke, dann muss es Spaß machen.“

Im Inneren werden direkt nostalgische Gefühle wach: Braunes Kunstleder, ein – außer ­Betrieb gesetztes – altes Taxameter, das den Fahrpreis noch in D-Mark anzeigt, ein Radio mit Drehknöpfen und Sitze, die komfortabel an das Sofa zu Hause ­erinnern.

Annehmlichkeiten wie eine­ Klimaanlage vermisst Kraus nicht, dafür gebe es ja die Fenster und das Schiebedach. „Ich überlege noch, die Sitze mit Lammfell auszustatten“, sagt Kraus – so würde das Sitzen noch angenehmer, außerdem würden sich die Sitze dann auch weniger abnutzen. „Außerdem hat das Auto dann noch mehr den Charme früherer Taxen.“ Kraus lässt den Benz an – und dann brummt der Diesel, so, wie von DÖF besungen.

Tacho hat den Geist aufgegeben

Mit 60 PS geht es durch die Stadt, „man redet nicht von Beschleunigen, sondern davon, Fahrt aufzunehmen“, sagt Kraus lachend. „Für den Marburger Stadtverkehr reicht‘s, um im Verkehr mitzuschwimmen. Im Kaffweg und am Schlossberg muss ich ihm aber immer gut zureden, bisher hat er noch jeden Hügel erklommen“, sagt Kraus – und fügt hinzu, dass er seinen „alten Recken Schorsch“ nennt, nach seinem Vorbesitzer.

Gut 345.000 Kilometer hat das Taxi auf der Uhr stehen, wie viel es wirklich gefahren hat, ist aber ungewiss. Denn der Vor-Vorbesitzer hatte den defekten Tacho einmal getauscht, „anderthalb Millionen Kilometer sind für den Motor allerdings kein Problem“, weiß der Auto-Enthusiast.

Als er den Wagen gekauft habe, sei er in gutem Zustand gewesen, allerdings habe die Taxi-Alarmanlage, die vorgeschrieben ist, Probleme bereitet. Auf Ebay Kleinanzeigen fand Kraus ein originalverpacktes Exemplar und griff zu – „die war ganz schnell mir“, erinnert er sich. An den Schwellern mussten auch Bleche getauscht und geschweißt werden – nun steht das Taxi technisch und optisch wieder hervorragend da.

Zehn Liter auf 100 Kilometer im Stadtverkehr

Durch die Schwanallee geht die Reise, dann über das Barfüßertor und die Untergasse auf den Marktplatz. Passanten bleiben stehen, recken die Köpfe­ – das Klassik-Taxi fällt auf. „Ich habe schon sehr viel positives Feedback bekommen“, sagt Steffen Kraus. Mittlerweile würde er gezielt angerufen, „denn das Auto fällt im Stadtverkehr natürlich auf“. Und selbstverständlich fallen für die Fahrt nur die ganz normalen Taxi-Gebühren an.

Einen Flughafen-Transfer ­habe er bereits absolviert, „ich hatte zwei Tage vorher drei Geschäftsleute gefahren, die mich dann auch gerne für die Fahrt zum Flughafen buchen wollten“, erzählt Kraus. Kein Problem – „ich habe aber gesagt, dass es etwas länger dauert“, so Kraus schmunzelnd. Denn: Bei Tempo 135 ist Schluss, dann genehmigt sich der Diesel einen ordentlichen Schluck aus dem Tank.

„Im Stadtverkehr komme ich so auf etwa zehn Liter auf 100 Kilometer“, sagt Kraus, auf der Landstraße ginge es auch mit siebeneinhalb. Aufgrund des H-Kennzeichens dürfe er zwar die Umweltzone befahren, „aber ich denke dennoch über einen Diesel-Kat nach“. Das einzig Neue im Auto ist übrigens das frisch geeichte Taxameter, ohne das es nicht geht, „neuer ist nur das Getriebeöl“, sagt Kraus lachend.

von Andreas Schmidt

Frisch geeicht: Das Taxameter zeigt noch in D-Mark an. Foto: Tobias Hirsch
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