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Hindernisse für den Job beiseiteräumen

Integrationsfachdienst Hindernisse für den Job beiseiteräumen

Vorsichtig legt Andreas Hüttl (47) die Akte auf einen Scanner, richtet das Blatt aus und belichtet es.

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Andreas Hüttl digitalisiert alte Akten an seinem Arbeitsplatz im Dachgeschoss des Staatsarchivs; Gebärdendolmetscherin Theresia Möbus schaut zu.

Quelle: Till Conrad

Marburg. Hüttl ist im Staatsarchiv Marburg zuständig für die Digitalisierung von Akten und verrichtet zudem auf Kundenwunsch auch Kopierdienste. Seit neun Monaten ist der gelernte Buchdrucker im Staatsarchiv, und er hofft, dass er nach dem Ende der Befristung dort bleiben kann: „Ich bin gern hier“, sagt er.

Auf die Unterstützung seiner Chefin kann Hüttl zählen: „Es läuft toll“, sagt Dr. Annegret Wenz-Haubfleisch, die stellvertretende Leiterin des Staatsarchivs Marburg und zuständig für Personalangelegenheiten. „Wenn der Bedarf an seiner Arbeit so bleibt, könnte man überlegen, ob eine unbefristete Stelle in Frage kommt.“

Andreas Hüttl hat ein Handicap: Er ist - zumindest an den Maßstäben von Hörenden gemessen - gehörlos. Wobei Hüttl selbst das anders sieht: „Rechts höre ich ganz gut“, umschreibt er seine an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit auf diesem Ohr, links ist Andreas Hüttl volltaub.

Wie die Verständigung im Betrieb funktioniert? „Wenn ich mit ihm rede, rede ich besonders langsam, er liest von den Lippen ab“, umschreibt Wenz-Haubfleisch eine Möglichkeit. Die zweite sind die herkömmlichen Methoden, Kuli und Papier oder auch E-Mail. Wenn es komplexere Dinge zu besprechen gibt, etwa bei Personalversammlungen, Verabschiedungen von Kollegen oder Ähnlichem, ist Theresia Möbus dabei, eine von zwei hauptberuflichen Gebärdendolmetscherinnen im Landkreis. „Das klappt natürlich nicht immer“, sagt Wenz-Haubfleisch.

Dass Andreas Hüttl nach der Insolvenz seines alten Arbeitgebers überhaupt eine neue Stelle gefunden hat, ist maßgeblich ein Verdienst von Petra Trampe. Trampe besetzt beim Integrationsfachdienst (IFD) die Beratungsstelle für Gehörlose und ist damit Teil eines achtköpfigen Teams aus Sozialpädagogen, Soziologen und anderen Fachleuten. Sie bieten in der Beratungsstelle in der Biegenstraße Berufsbegleitung und Vermittlung für meist schwerbehinderte Menschen, die Schwierigkeiten im Beruf haben, um ihren Job fürchten oder nach längerer Krankheit einen Neustart versuchen.

Integrationsfachdienst berät 350 Menschen im Jahr

Der Integrationsfachdienst arbeitet im Auftrag des Integrationsamts, das laut Eigendarstellung behinderte Menschen und Arbeitgeber gleichermaßen unterstützen will, um die dauerhafte Teilhabe am Arbeitsleben zu fördern und zu sichern.

Im vergangenen Jahr konnte der Integrationsfachdienst bei mehr als der Hälfte aller Menschen, die ihn um Hilfe gebeten haben, der Arbeitsplatz erhalten werden, etwa durch Anpassung an den Arbeitsplatz, Verbesserung der innerbetrieblichen Kommunikation oder durch technische Hilfen am Arbeitsplatz. Insgesamt, so weist es die Jahresstatistik aus 2014 aus, beriet der IFD gut 350 Menschen, 80 Prozent davon zwischen 40 und 60 Jahren.

Die Liste der Ursachen, warum Menschen um ihren Arbeitsplatz fürchten, ist lang. Sie reicht von psychischen Belastungen im Arbeitsleben und deren Folgen bis hin zum Burn-out bis zu betrieblichen Konflikten bis hin zum Mobbing, berichtet IFD-Mitarbeiter Uwe Zacharias.

Der IFD ergreift in solchen Konflikten nicht Partei, sondern versucht Lösungen zu finden, sagt Zacharias. Mediation ist beispielsweise eine der Möglichkeiten, die der IFD anbietet.Im Falle von Andreas Hüttl geht es aber darum, ihn langfristig im Arbeitsleben zu integrieren.

Grundlagen für Gebärdensprache

Die Voraussetzungen sind in seinem Fall gut: Es gibt keine Konflikte im Betrieb, Hüttl hat in seinem Kollegen Steffen Maikath einen Mentor, der erster Ansprechpartner ist, wenn es Fragen bei der Aufgabenstellung gibt und der dafür sorgt, dass Hüttl auch sozial integriert wird. „Als Erstes habe ich ihn mit in den Frühstücksraum genommen“, sagt Maikath, der seinen Kollegen als „netten Kerl“ beschreibt und ihm bescheinigt, zunehmend selbstständig arbeiten zu können.

Petra Trampe vom IFD weiß, wie die Kommunikation zwische Hüttl und seinen Kollegen noch einfacher wäre: Das Integrationsamt biete „Kollegenseminare“ an, in denen Grundlagen der Gebärdensprache vermittelt werden.

Trampe weiß auch, dass Andreas Hüttl im Öffentlichen Dienst besonders gut aufgehoben ist. Aber: „Auch für private Arbeitgeber kann die Einstellung von Gehörlosen attraktiv sein, etwa in der Endkontrolle, aber auch im Housekeeping oder als Computerexperten.“

Und letztendlich, weiß Trampe, gibt es im Umgang mit gehörlosen Kollegen ohnehin keine wirklichen Barrieren - „wenn man nur ein paar Grundregeln beherzigt“.

Hintergrund
Programm Hepas
Das „Hessische Perspektivprogramm zur Verbesserung der Arbeitsmarktchancen schwerbehinderter Menschen“ (Hepas) bietet Unternehmen und Dienststellen finanzielle Anreize, behinderte Menschen als Fachkräfte zu gewinnen. Voraussetzung ist die tarifliche oder ortsübliche Entlohnung. Arbeitgeber können beispielsweise eine Einstellungsprämie von bis zu 9000 Euro erhalten. Auch Praktika und Probebeschäftigung werden gefördert. Info:  http://www.khkb.de/files/flyer_hepas_20.02.2015.pdf

 von Till Conrad

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