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„Hier ist man viel dichter am Menschen“

„Mitmensch“: Volker Breustedt „Hier ist man viel dichter am Menschen“

Seit knapp fünf Jahren ist Volker Breustedt Leiter der Agentur für Arbeit in Marburg. Und er sagt: „Ich habe den besten Job der Welt. Ich habe mit Leuten zu tun, muss keine Akten quälen – 90 Prozent meiner Arbeit sind Kommunikation.“ Das sei genau seine Sache.

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Volker Breustedt in seinem Büro: Das Kunstwerk, das er hält, hat seine Tochter für ihn in der vierten Klasse erstellt, das Wetzlar-Bild an der Wand ließ seine Frau zum 50. Geburtstag für ihn malen. Und auch ohne Aktenstapel geht es nicht.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Und das, obwohl er während seines Jura-Studiums noch den Wunsch hatte, Verwaltungsrichter zu werden. Das Studium habe er übrigens auch nach den Kriterien ausgewählt, „dass es nichts mit Mathematik zu tun hat“, sagt er lachend – denn heute begleiten ihn natürlich auch Statistiken.

„Durch Zufall“ sei er 1997 allerdings „beim Arbeitsamt so reingerutscht“, wie er sagt – das habe ihm so viel Spaß gemacht, dass er geblieben sei. Die Geschäftsbereiche Berufsberatung, Arbeitsvermittlung und Leistungsgewährung hat er in den Arbeitsagenturen Gießen, Offenbach, Marburg und zuletzt seit dem Jahr 2004 als Geschäftsführer operativ in Frankfurt verantwortlich mitgestaltet und gesteuert.

Und dann kam Marburg – „ganz anders als Frankfurt, hier ist man viel dichter am Menschen“. In der Main-Metropole seien die Kontakte zu Kammern, Verbänden und Politik von langen Distanzen geprägt gewesen, „hier wird man sofort angenommen, das ist sehr positiv“, sagt der 53-Jährige.

Führungskräfte sollten Menschen mögen

Dabei ist Breustedt ein Mann des klaren Worts. „Das ist auch eine Schwäche von mir“, gibt er zu, „ich spreche oft aus, was ich denke – manchmal auch zu schnell.“ Im Gespräch mit den Mitarbeitern sei „manchmal schon die Emotion zu stark dabei – da gibt es schon mal ein Brett, genauso, wie es auch überschwängliches Lob gibt.Aber das ist authentisch, ich bin nicht anders als das, was die Kollegen sehen.“

Dass das wahrscheinlich nicht bei all seinen mehr als 200 Mitarbeitern gut ankommt, ist ihm bewusst. Ob er als Chef beliebt sei, müssten andere entscheiden. „Aber das ist nicht das Ziel. Ich bin überzeugt: Wer Menschen nicht mag, der sollte lieber nicht als Führungskraft arbeiten“, ist sich Breustedt sicher. „Und ich will auch immer Wertschätzung vermitteln – selbst, wenn ich Kritik anbringen muss.“

Dabei stellt sich der Chef vor seine Mitarbeiter. Wie zum Beispiel jüngst, als in einem rechten Internet-Forum der Ausländerbeauftragte der Agentur beschimpft wurde, weil er Deutsch mit Akzent spricht. „An einer Stelle in dem Forum wurden wir als Idioten bezeichnet – da befinden wir uns im Bereich des Strafrechts. Und dagegen werden wir vorgehen“, sagt Breustedt. Aber er wisse auch, dass dies nicht leicht werde, da die Teilnehmer des Forums alle anonym unterwegs seien.

Ehrenämter machen viel Arbeit und viel Spaß

An seinen mitunter langen Arbeitstagen schätzt er, dass er sich auch Freiheiten nehmen kann. „Wenn ich weiß, dass ich einen 14-Stunden-Tag habe, weil abends noch ein Termin stattfindet, dann schnappe ich mir nachmittags einfach mal meine Laufschuhe und jogge eine Runde“, sagt der Agenturleiter. Das sei für ihn Entspannung. Und auch nach Feierabend schnürt er gerne die Laufschuhe. „Ich habe aber nicht die Ambition, an einem Marathon teilzunehmen“, sagt er lachend.

Und sonst nach Feierabend? Steht das Ehrenamt an – politischer Natur bei der Parteiarbeit in Hüttenberg oder als Vorsitzender beim Ortsverein der Arbeiterwohlfahrt. Breustedt ist Gemeindevertreter, leitet den Ausschuss für Jugend und Soziales. „Das ist alles Arbeit – aber es macht auch jede Menge Spaß, sonst würde ich es nicht tun.“

Doch manchmal, gibt er zu, ist er „abends einfach so platt, dass ich mich vor den Fernseher lege und mich beflimmern lasse“. Doch es gibt auch „Pflicht-Termine“ beim Fernsehen: Sonntags ist Tatort-Zeit bei Breustedts, „und auch ,Criminals Minds‘ ist Pflicht“. Daneben liest der Agentur-Chef gerne – meist Science-Fiction, sein Herz schlägt für Perry Rhodan, „aus der Serie habe ich alle 2500 Bände – und das entsprechende Zubehör“. Nämlich Figuren, Quartetts – „lauter so Zeug, mit dem sich ein erwachsener Mann mit Sammelleidenschaft so beschäftigt“, sagt Breustedt lachend.

1978 – im Alter von 16 Jahren – hat er sogar einen Perry-Rhodan-Briefclub mitgegründet, „der lief 20 Jahre lang, wir haben sogar eigene Hefte mit Kurzgeschichten geschrieben“, erinnert er sich schmunzelnd. Die Reise in den Weltraum wäre durchaus ein Traum, „aber ich weiß nicht, ob ich mich das trauen würde“.

Wurzeln liegen in Wetzlar

Das Faszinierende an der Science-Fiction sei die Frage, „wie die Welt anders funktionieren könnte. Denn man löst sich von dem, in dem man verstrickt ist – und betritt völlig andere Welten. Man kann also einfach mal ein bisschen spinnen“.

Und warum hat der Leiter der Marburger Arbeitsagentur, der in Hüttenberg wohnt, ein Bild von Wetzlar an der Wand? „Das Bild hat meine Frau zu meinem 50. Geburtstag für mich malen lassen als Erinnerung an meine Wurzeln – wer nicht weiß, wo er herkommt, weiß auch nicht, wo er hingeht.“ Denn Breustedt wuchs in Wetzlar auf, ging dort zur Schule und absolvierte auch seinen Wehrdienst in Wetzlar.

Als weiteres Kunstwerk findet sich eine Pappmaché-Statue von Tochter Michelle im Büro – die hat sie in der vierten Klasse gemacht, begleitet den Papa seither in jedes Büro. „Mittlerweile ist sie 21 und hat ihre Ausbildung zur Groß- und Außenhandelskauffrau abgeschlossen.“

Entspannen kann Breustedt auch gut im Urlaub – etwa in Frankreich, wo er das Loire-Tal schätzt. „Mit einem Glas Wein und etwas Käse auf der Terrasse sitzen und einfach auf eine Wiese schauen – das könnte ich stundenlang machen“, sagt er.

Kulinarisch muss es aber nicht die feine französische Küche sein: Auf die Frage nach dem Leibgericht kommt wie aus der Pistole geschossen „Schnitzel mit Pommes – das könnte ich jeden Tag essen“. Durch ihn sei ein Schnitzeltag in der Kantine eingeführt worden. Soße braucht es für Breustedt beim Schnitzel aber nicht: Er steht auf den „Klassiker“ Wiener Art – vom Schwein und gerne mit Zitrone.

von Andreas Schmidt

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