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Heute ist die Metzgerei das „Zugpferd“

Lebensmittelmarkt Naß besteht seit 125 Jahren Heute ist die Metzgerei das „Zugpferd“

Seit 125 Jahren gehört der Lebensmittelmarkt Naß bereits zu Mengsberg – anfangs wurden noch Kolonialwaren aus dem Wohnhaus heraus verkauft.

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Zwei Generationen des Kaufhauses: Heinrich (von links), Annemarie, Wilhelm und Brigitte Naß an der umgebauten Kasse.

Quelle: Andreas Schmidt

Mengsberg. Vor 125 Jahren wurde in Mengsberg das Lebensmittelgeschäft Naß gegründet. „Damals hat mein Urgroßvater noch im ersten Stock in einem großen Zimmer unseres Wohnhauses die Waren verkauft“, erinnert sich Heinrich Naß, heute mit 84 Jahren selbst „Senior“ im Unternehmen.

„Kolonialwaren“ gab es damals – unter diesem Begriff wurden alle Waren gesammelt, die aus den damaligen Kolonien kamen. Kaffee, Tee, Gewürze – aber beispielsweise auch Kautabak, der vom Marburger Unternehmen Niederehe nach Mengsberg geliefert wurde.

„Ich habe ja früher als Kind selbst hier eingekauft, bei ,Schnärersch‘“, erinnert sich Annemarie Naß. Salz und Zucker habe es lose gegeben, genauso wie Öl oder Petroleum. „Und zwei Bonbongläser“, erinnert sie sich lachend.
„Als mein Urgroßvater das Geschäft anmelden wollte hat der Bürgermeister gefragt, ob er Kaufmann oder Krämer eintragen solle“ – ein Preisunterschied von immerhin 50 Prozent. „Und da hat mein Urgroßvater gesagt, er solle Krämer nehmen“, sagt Heinrich Naß.

Von Stall zum Laden

Der Ur-Opa hatte schon in Kassel auf dem Markt Fleisch und Wurstwaren verkauft. „Nach dem Krieg haben wir die Metzgerei hier wieder in Mengsberg eröffnet“, erinnert sich der Senior. Und auch er sei noch zweimal wöchentlich gen Norden gefahren, um in der Markthalle zu verkaufen. „Währenddessen hat meine Frau hier den Laden geschmissen – und Landwirtschaft hatten wir zunächst auch noch“, so Naß. Die habe man Ende der 60er aufgegeben.

Damals wurde auch der ehemalige Stall zum heutigen Laden ausgebaut. Und den betrieben seit 1990 Wilhelm und Brigitte Naß. Seit knapp zwei Wochen ist der Laden umgebaut: „Die Kasse haben wir bereits verlegt, morgen kommen die neuen Regale“, erzählt Brigitte Naß beim Pressetermin – mit dem Jubiläum habe der Umbau aber nichts zu tun. „Es wurde Zeit“, sagt sie, während sie mit ihrem Mann Regale abbaut, „denn der letzte Umbau war im Februar 1989“, erinnert sie sich.

Wie schafft man es, mit einem kleinen Laden so lange zu bestehen – noch dazu, wo es doch in den umliegenden Städten wie Treysa und Neustadt riesige Supermärkte gibt? „Einen großen Anteil hat bestimmt unsere eigene Metzgerei“, sagt Heinrich Naß. Und auch die Größe von Mengsberg spiele eine entscheidende Rolle: „Wäre das Dorf größer, käme ein Supermarkt hierher“, ist er sich sicher. So sei es der ideale Mittelweg.

Eigene Metzgerei als Alleinstellungsmerkmal

Wilhelm Naß sagt, dass das wirtschaftliche Bestehen in der Anfangszeit einfacher war. Davon zeugen auch zahlreiche Lieferantenwechsel: Von „A&O“ über Edeka zum heutigen Lieferanten Gutkauf. „Unsere Metzgerei bietet uns ein ganz klares Alleinstellungsmerkmal.“ Geschlachtet wird in Mengsberg allerdings nicht mehr, die Auflagen seien zu hoch.

Das Lebensmittelgeschäft ist auch noch ein Paket-Shop, eine „Pick-up-Stelle“ für Medikamente und ein „Nachrichtenzentrum“, denn im Getränke­lager wartet eine Art kleines ­Café auf Gäste – dort tauschen die Bewohner sich gerne schon mal aus. „Aber der große Tratsch findet nicht mehr statt“, sagt Wilhelm Naß. Gut eingeschlagen hat die „Europawurst“, die Naß zum Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ kreiert hat. „Danach fragen die Leute heute noch“, sagt Brigitte Naß.

Und was bringt die Zukunft? „Das wissen wir nicht“, sagt sie, „wir hoffen, dass wir noch ein paar Jahre machen können“. Sorge bereitet dem Familienunternehmen vor allem das große Einkaufszentrum, das gerade in Treysa entsteht. Und zwar auch, weil die Preise in Mengsberg zwangsläufig etwas höher sein müssten, als die der großen Märkte – „das liegt schon alleine an unseren höheren Einkaufspreisen“, erläutert Brigitte Naß. Doch per se sei nicht alles bei „Schnärersch“ teurer, „wir können zwar nicht mit den Discountern mithalten – aber auch bei uns gibt es sehr günstige Angebote“.

Übrigens: Senior Heinrich Naß arbeitet auch mit 84 Jahren immer noch mit, „im Hintergrund, vor allem mit seinem handwerklichen Geschick“, sagt sein Sohn Wilhelm. Und mit seinen selbstgebauten Grills (Foto: Schmidt) ist Heinrich Naß auf Feiern ein gern gesehener Gast: Milchfässer hat er umgebaut.

Eine Klappe hat er in die Fässer gebaut, darin befinden sich zwei Spieße „für leckeren Spießbraten“, wie er erzählt. Als Antrieb dienen ausrangierte Scheibenwischermotoren, „von Mercedes, da hatte ich einen Kumpel, der mir die besorgen konnte“, erzählt Naß. Als Bezahlung gab es rote Wurst aus Mengsberg.

Der Strom für den Antrieb kommt von einer Autobatterie. Außerdem hat der Bastler einen Staubsauger „umgedreht“, sodass er bläst: Damit kann der Grill ganz schnell angeheizt werden. „25 Pfund Fleisch passen auf einen Spieß“, sagt der Senior – bis vergangenes Jahr habe er auf verschiedenen Festen mit seiner Erfindung noch selbst gegrillt. „Aber mittlerweile habe ich mich zurückgezogen“, sagt er – und verleiht seine Grills für Feiern im „Golddorf Mengsberg“.

von Andreas Schmidt

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