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Mit einem Pfiff zum letzten Dienst

Helmut Keil Mit einem Pfiff zum letzten Dienst

Ein halbes Jahrhundert 
arbeitete Helmut Keil als Eisenbahner. Zum 1. September geht er in den ­Ruhestand – und hat 
in den vergangenen 
50 Jahren viel erlebt.

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Seine letzte Fahrt als Zugbegleiter hat der Marburger Helmut Keil bereits absolviert – nach 50 Dienstjahren ist für ihn Schluss.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Zum letzten Mal nimmt Helmut Keil am Marburger Hauptbahnhof die Pfeife in den Mund, dreht die Kelle in seiner Hand von rot auf grün und steigt dann in den Zug: Es ist seine letzte Schicht als Zugbegleiter bei der Deutschen Bahn.

Seinen ersten Dienstausweis hat er noch – als „Jungwerker“ begann er mit 14 Jahren seine Ausbildung am Bahnhof in Marburg. „Jungwerker haben alles gemacht – von der Fahrkartenausgabe über die Güter- und Gepäckabfertigung bis hin zum Kohle schippen“, sagt Keil lachend. Und auch Unkraut jäten stand schon mal auf dem Programm. Was er als Lohn bekommen hat, daran erinnert sich Helmut Keil noch genau: „60 Mark waren es während der Ausbildung.“

Doch wie kam er zur Bahn? „Bei der Berufsberatung vom Arbeitsamt hat man mir gesagt, Bahn oder Post wären was für mich“, erinnert er sich. Bei beiden Unternehmen absolvierte er die Einstellungsprüfung – und beide hätten ihn auch genommen. „Ich bin dann zur Bahn gegangen, denn das fand ich interessanter“, sagt er. Doch er habe nie den bei vielen Kindern vertretenen Wunsch gehabt, Lokführer zu werden – „obwohl mein Opa mal eine Zeit lang als Heizer gearbeitet hat“.

1970 absolvierte Keil dann seine Prüfungen zum Betriebsaufseher und Bundesbahnschaffner. Allerdings durfte er als solcher zunächst nicht arbeiten, denn er war noch nicht volljährig. „Also habe ich bis Ende Februar 1971 als Bahnhofsarbeiter und Bahnhofsbote gearbeitet.“ Damals gab es am Gleis 1 des Hauptbahnhofs noch eine Fernschreibstelle, „an der alle Telegramme über Lochstreifen ankamen. Die wurden ausgelesen, und wir als Boten haben sie dann weggebracht. Da war man den ganzen Morgen unterwegs – und nachmittags holten wir dann die Telegramme, die weggeschickt werden mussten“.

Plötzlich fing der 
Tanzwagen an zu brennen

Dann wurde Helmut Keil 18 und durfte kurz darauf als Schaffner im Zug arbeiten, wurde kurze Zeit später auch verbeamtet. Nach und nach stieg er weiter auf, wurde Zugführer – nicht zu verwechseln mit einem Lokführer – und erklomm die Stufen der Karriereleiter. Von 1995 bis 2006 war er zudem freigestelltes Betriebsratsmitglied. Zum Schluss arbeitete er seit 2001 als Bundesbahnbetriebsinspektor. „Ich habe keinen Fehler gemacht, dass ich zur Eisenbahn gegangen bin“, sagt er rückblickend. Auch, wenn sich das Unternehmen und auch die Fahrgäste immens verändert hätten.

In Erinnerung sind ihm auch heute noch die Sonderfahrten etwa der Stadt Marburg für Senioren, die Keil als Schaffner begleitete. „Einmal, so Anfang der 80er, fing sogar ein Tanzwagen an zu brennen – der hatte zwei Bremssysteme, von denen eins heißgelaufen war“, erinnert sich der 64-Jährige. „Aus einer Eckbank schlugen plötzlich die Flammen.“ Mit Feuerlöschern wurden die Flammen gelöscht, die Fahrt ging ohne Tanzwagen weiter.

Und auch ein heikles Thema, das viele Bahner belastet, hat Keil erlebt: Selbstmörder, „es müssen so fünf oder sechs gewesen sein“. Wie geht er damit um? „Damals gab es noch keine psychologische Betreuung, ich habe schon einige Tage gebraucht, bis ich darüber hinwegkam.“ Dass Betroffene nun nach einem solchen Vorfall betreut würden, findet er sehr gut.

Ein immenser Einschnitt sei die Zusammenführung der beiden Deutschen Bahnen nach der Wende und die anschließende Privatisierung gewesen. „Vor allem, dass jetzt alles in Einzelteile zerschlagen ist, hilft niemandem – alle Manager schauen nur noch auf ihre Prämien. Dass es zu so vielen Zugausfällen kommt – das ist alles darauf zurückzuführen, weil sich jeder nur noch um seinen Bereich Gedanken macht“, ist er sicher.

Zu Spielen der Borussia fährt er mit dem Bus

Ihn stört es auch, dass Züge nicht mehr zeitnah repariert werden, „weil keine Ersatzteile mehr vorgehalten werden“. Und neulich habe er einen Zug übernommen, „bei dem ein Wagen mehrere Tage nicht gereinigt wurde“.

Auch der Respekt der Fahrgäste sei in den vergangenen Jahren immens gesunken. „Aber ich wurde zum Glück nicht direkt angegriffen.“ Einmal sei er allerdings bestohlen worden. Der beliebteste Trick, nicht beim Schwarzfahren erwischt zu werden, sei übrigens immer noch das Verstecken auf der Toilette. „Aber das funktioniert nicht“, sagt Keil lachend.

Zwei Töchter hat Helmut Keil, dieser Tage wird er das erste Mal Opa. „Meine älteste Tochter ist quasi in meine Fußstapfen getreten – sie arbeitet in Frankfurt als strategische Einkäuferin im „Travel Management“.

Auch, wenn Helmut Keil nun aus dem Dienst geschieden ist – Bahner ist er irgendwie immer noch. Denn er wohnt am Ortenbergsteg oberhalb des Hauptbahnhofs – und kann am Geräusch erkennen, welcher Zug gerade einfährt oder ob ein Zug Verspätung hat. Den Dienst vermissen wird er nicht, „und der Kontakt zu den alten Kollegen besteht weiter“. Mit denen feiert Keil auch sein Jubiläum am 1. September. Und dann hat er noch mehr Zeit für sein Hobby Fußball – kann also noch häufiger Spiele „seiner“ Borussia Mönchengladbach besuchen. Mit dem Zug fährt er zu den Spielen aber nicht, „das ist zu kompliziert“.

von Andreas Schmidt

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