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Heimische Firmen kommen Eltern entgegen

Kita-Streik Heimische Firmen kommen Eltern entgegen

Vielen Eltern wird der Erzieher-Streik ab Montag ein hohes Maß an Flexi­bilität abverlangen. Doch wie sieht es bei den Arbeitgebern aus?

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Die dreijährige Hannah aus Mannheim hält bei einer Kundgebung der Erzieher zum Auftakt des Streiks am Freitag ein Schild mit der Aufschrift „Löhne rauf – Kita wieder auf“.

Quelle: Ronald Wittek/dpa

Marburg. Seit klar ist, dass ab Montag sämtliche kommunalen Kitas in Marburg und noch weitere in der Umgebung streiken werden, wurden diverse Not­einrichtungen vorbereitet. Inwieweit aber haben sich lokale Firmen auf die Streik-Periode vorbereitet?

Bei der Sparkasse Marburg-Biedenkopf sieht man den Auswirkungen des Streiks optimistisch entgegen: „Wir rechnen nicht mit größeren Wellen an Ausfällen. Unsere Mitarbeiter haben variable Arbeitszeiten und können sich so an die Situation anpassen“, sagt Silvia Traute, Leiterin der Personalabteilung. „Sollte jemand durch den Streik mehrere Tage lang nicht arbeiten können, wird das wie gewöhnlich im Einzelfall mit dem Arbeitgeber abgeklärt“, so Traute.

Ähnlich schätzt die Volksbank Mittelhessen die Lage ein. „Wenn alle Stricke reißen, dann geht es natürlich nicht anders, dann muss eben ungeplanter Urlaub mit den Führungskräften abgesprochen werden oder es können Überstunden abgebaut werden“, meint Pressesprecher Dennis Vollmer.

Winter-Sprecher: Niemand soll in Bedrängnis geraten

Trotz der langfristigen Ankündigung des Streiks war bis zuletzt für viele Firmen nicht klar, wie viele Mitarbeiter von dem Streik betroffen sind. „Viele Kitas wussten bis Freitagmorgen offenbar selbst noch nicht genau, ob sie streiken werden oder nicht“, berichtet Jörg Schurich, betroffener Vater und stellvertretender Personalleiter der Eisengießerei Winter in Stadtallendorf. Trotz der erschwerten Planung solle aber niemand mit Nachwuchs im Kindergartenalter in Bedrängnis geraten: „Wir werden unsere betroffenen Mitarbeiter so gut wie möglich durch Freischichten und Urlaub unterstützen“, sagt er.

Andere Unternehmen gehen die Kinderbetreuung direkt am Arbeitsplatz an, so die Inosoft AG in Marburg: „Bisher bieten wir an mehreren Tagen in der Woche Kinderbetreuung hier in der Firma an. Bei Bedarf können wir das Angebot weiter ausweiten“, sagt Dr. Ellen Paulus, zuständig für Vertrieb und Marketing des Software-Unternehmens. Es sei aber noch nicht voraussehbar, ob und wie stark das Angebot genutzt werden wird.

Uni bietet mehrere Eltern-Kind-Zimmer

Auch die Philipps-Universität Marburg bietet diverse Möglichkeiten – nicht nur für ihre Mitarbeiter: „Nicht alle Kinder von Studierenden und Angestellten sind in den Kitas der Studentenwerke, die nicht streiken, untergebracht. Deshalb wurden mehrere Eltern-Kind-Zimmer im Lahntal und auf den Lahnbergen eingerichtet, in denen für den spontanen Bedarf eine Notfall-Betreuung angeboten wird“, sagt Uni-Pressesprecherin Andrea Ruppel. „Wir nehmen auf jeden Fall Rücksicht auf Mitarbeiter, die wegen Problemen durch den Streik spontan ausfallen – und auch auf Studierende, denen schließlich auch oft nur begrenzte Fehlzeiten in ihren Veranstaltungen freistehen“, so Ruppel.

Die Stadt Marburg teilt mit, dass sie sich als zertifizierter familienfreundlicher Betrieb hinsichtlich der Betroffenheit eigener Mitarbeiter „flexibel und verständnisvoll zeigen“ werde. Insoweit könnten, so weit es die Arbeitssituation zulasse, „Kinder mit an den Arbeitsplatz gebracht werden und es kann auch kurzfristig Urlaub genommen werden, wenn die Betreuungssituation es erfordert“. Eine Ersatzbetreuung für die Kinder betroffener städtischer Mitar­beiter werde es nicht geben.

Rechtsexperte: Auf keinen Fall unentschuldigt fehlen

Und wie sieht die rechtliche Seite aus: Darf ich einfach zuhause bleiben, um mein Kind zu betreuen? „Das wäre äußerst gefährlich“, warnt Jürgen Schreiber, Fachanwalt für Arbeitsrecht aus Marburg. Streik sei im Prinzip „höhere Gewalt. Regressansprüche gegen die Kommune dürften daher nicht durchzusetzen sein“, so Schreiber.

Folglich müssten die Eltern sich selbst und auf eigene Kosten um Ersatz bei der Betreuung kümmern. Und die Kindergartengebühr können Eltern auch nicht zurückfordern – denn Streik sei ein verbrieftes Grundrecht.Wenn sich kein Ersatz findet, müssen die Eltern also selbst auf die Kinder aufpassen. „Aber ohne Absprache mit dem Arbeitgeber dürfen sie auf keinen Fall der Arbeit fernbleiben“, verdeutlicht Schreiber.

Es handele sich um ein „persönliches Risiko, und das trägt der Arbeit­nehmer selbst“. Wer ohne Absprache zuhause bleibe, riskiere eine Abmahnung – im schlimmsten Fall eine Kündigung. Der Arbeitgeber könne den Eltern allerdings entgegenkommen – etwa durch die Gewährung von Urlaub, unbezahltem Urlaub oder der Nutzung des Home-Office.

von Marie Rentergent, Till Conrad und Andreas Schmidt

 
 Eltern unterstützen Erzieherinnen
Der Gesamtelternbeirat der Marburger Kindertageseinrichtungen unterstützt die Forderungen der Erzieherinnen und Erzieher im Tarifstreit. Er ruft die Eltern der Kinder aus den städtischen Betreuungsreinrichtungen für kommenden Montag um 17 Uhr zu einer Protestversammlung auf dem Marburger Marktplatz auf. Der Gesamtelternbeirat will dort unter anderen die Rückerstattung der Elternbeiträge für die Dauer des Streiks fordern.
 
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