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Haushaltssperre treibt auch das Handwerk um

Mitgliederversammlung der Kreishandwerkerschaft Haushaltssperre treibt auch das Handwerk um

„Dem Handwerk geht es gut“, sagte Kreishandwerksmeister Rolph Limbacher bei der Mitgliederversammlung der Kreishandwerkerschaft. Gleichwohl gebe es zahlreiche Herausforderungen.

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Das Gewinnen von Nachwuchskräften steht für die Kreishandwerkerschaft weiter im Mittelpunkt – wie etwa bei der „Aktionswoche Handwerk“.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Heinrich Gringel, Präsident der Handwerkskammer Kassel, betonte in seiner Ansprache, dass das Handwerk zahlreiche Hürden zu nehmen habe. „Wir brauchen die Zuwanderung, sie ist eine Riesenchance und gleichzeitig eine große Herausforderung“, sagte er. Doch die Politik könne sich nicht auf die Position zurückziehen, dass sie den Flüchtlingen ein Dach über dem Kopf zur Verfügung stelle und der Rest Sache der Wirtschaft sei. „So einfach geht es nicht, denn wir brauchen vor allem Zeit, um die Menschen zu integrieren.“

Mit dem Meisterbrief in der Tasche können Handwerker studieren, und das Kultusministerium habe Zustimmung signalisiert, dass das Handwerk nun eine Ausbildung mit Abitur anbieten könne. „Aber vor allem brauchen wir junge Menschen, die Lust haben, erst mal eine Ausbildung bei uns zu machen“, so der Präsident.

„Vertraut dem Handwerk“

Die Eintragungen in die Lehrlingsrolle sei wieder leicht gestiegen, „das ist auch ein Zeichen dafür, dass der Akademisierungswahn ein Stück weit gedrosselt wurde – wir hatten dieses Jahr erstmals elf Prozent der Auszubildenden mit Abitur“, erläuterte Gringel.

Das Handwerk könne nur so gut sein, wie es auch ausbilde – eine Betreuung der jungen Leute, „bei der man sich abends noch zusammensetzt und über das Berichtsheft schaut, das gibt es nur im Handwerk“, sagte der Präsident. Gleichzeitig vermittele man positive Werte. „Vertraut dem Handwerk und gebt uns die jungen Leute“, forderte Gringel.

Für den Ersten Kreisbeigeordneten Marian Zachow (CDU) ist klar, dass die Handwerker nicht nur die „Wirtschaftsmacht von nebenan“ seien: „Sie sind ganz konkret der Wirtschaftsmotor für unseren Landkreis, Arbeitgeber und auch Innovationsmotor.“ Gleichwohl stehe die Region vor Herausforderungen, die Politik und Wirtschaft gemeinsam lösen müssten.

Integration bleibt 
große Herausforderung

Zuvorderst nannte Zachow dabei den Fachkräftemangel. Es gebe nicht die, sondern viele Lösungen – etwa Familienfreundlichkeit, die Integration von Zugewanderten oder ein Angebot für Studienabbrecher. „Außerdem ist es wichtig, in die Schulen zu gehen, um in den Köpfen wieder eine Trendwende zu erreichen“, so Zachow – denn eine Ausbildung im Handwerk eröffne viele Chancen.

Eine weitere Herausforderung sei die Integration – dabei komme es darauf an, die Zuwanderer auch in der Region zu halten. „Unter den Flüchtlingen sind nicht so sehr Menschen mit hoher Qualifikation. Aber Menschen mit hoher Motivation und hoher Begabung“, betonte Zachow – diese könnten, wenn die Sprachbarriere überwunden sei, eine „große Bereicherung gerade im Handwerk sein“.

Als dritte große Herausforderung benannte Zachow das Stärken der Standortidentität, „da können wir von anderen Regionen noch einiges lernen, die ein ausgeprägtes Wir-Gefühl haben“ – durch ein solches Gefühl könne man die Abwanderung junger Menschen letztendlich verringern.

Haushaltssperre „lähmt die gesamte Stadt“

Kreishandwerksmeister Rolph Limbacher betonte, dass sich die Fluktuation an Firmen im vergangenen Jahr in Grenzen gehalten habe. Allerdings gebe es zwei Themen, die das Handwerk derzeit umtreibe: Die Einführung der Umweltzone in Marburg und die verhängte Haushaltssperre in der Universitätsstadt.

„Das ist eine Katastrophe auch für das Handwerk“, betonte Limbacher. „Das lähmt ja die gesamte Stadt.“ So stehe beispielsweise das gesamte Schulsanierungsprogramm – laut Limbacher eines der zentralen Wahlkampfthemen von Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) – , das auch als Konjunkturprogramm für die heimischen Betriebe gesehen worden sei, auf der Kippe, „das ist wohl nun Makulatur“, sagte der Kreishandwerksmeister.

In puncto Umweltzone gebe es zahlreiche Betriebe, die noch über alte Fahrzeuge verfügten, „bei denen die Umrüstung nicht so einfach ist und sie den Wert des Fahrzeugs übersteigen würde“, sagte Limbacher. Das verdeutlichte er an einem Dachdeckerbetrieb, der einen alten Lastwagen habe, „der nur bei Abriss zum Einsatz kommt: Das Dach wird abgedeckt, die Ziegel werden aufgeladen und weggebracht“. Ein neues Auto würde sich nicht rechnen – ebenso wenig, wie die Umrüstung.

Meinhard Moog, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, betonte, dass man mit dem Ordnungsamt nach einer praxisnahen Lösung suchen wolle, zudem gebe es die Möglichkeit von Ausnahmegenehmigungen, die an strenge Bedingungen geknüpft seien.

Ausbildungszahlen 
ziehen wieder leicht an

Moog betonte, dass im Handwerk weiterhin die Nachwuchsgewinnung eine große Rolle spiele. So gebe es mittlerweile erste Erfolge, auch Studienabbrecher und Studienzweifler für eine Ausbildung im Handwerk zu gewinnen (die OP berichtete).

Bewegung gebe es beim Thema Prüfungsausschüsse und Prüfgebiete – geschuldet dem demografischen Wandel. So seien jüngst zwei Prüfungsausschüsse abgelehnt worden – gleichzeitig könnten aber die Maler nun kreisweit die Prüfungen abnehmen (siehe Bericht auf der folgenden Seite).

Die Ausbildungssituation stelle sich wieder positiver dar. So seien vergangenes Jahr 327 Ausbildungsverträge abgeschlossen worden – 42 mehr, als im Jahr zuvor. „Allerdings muss sich die Zahl etwas relativieren, denn im Vorjahr gab es einen Ausreißer nach unten“, sagte Moog. Dieser sei durch die gestiegene Zahl nun wohl wieder ausgeglichen – „wir hoffen, dass es auf dem alten Niveau wieder stabil weitergeht“.

von Andreas Schmidt

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