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Rhön-AG erlebt das Jahr des Umbruchs

Hauptversammlung Rhön-AG erlebt das Jahr des Umbruchs

Die Hauptversammlung der Rhön-Klinikum AG erteilte der Konzernspitze eine Absage: Sie ist gegen eine Aktienaufstockung der Gesellschaft. Der Konzern ist kern­gesund, so lautete eine der Botschaften des neuen Vorstands an die Aktionäre. Angesichts der ­Gewinnrückgänge verfolgen diese die Pläne zum Umbau des Konzerns skeptisch.

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Stephan Holzinger, seit Februar Vorstandsvorsitzender der Rhön-AG, sprach am Mittwoch erstmals zu den Aktionären des Konzerns.

Quelle: Tobias Hirsch

Frankfurt. Die Aktionäre lehnten am Mittwoch in Frankfurt mehrheitlich den Vorschlag des Aufsichtsrats und Vorstands ab, wonach der Vorstand ermächtigt werden sollte, eigene Aktien zu kaufen, um bis Ende 2021 bis zu zehn Prozent des Grundkapitals zu erwerben. So wollte sich der Konzern Freiräume für Investitionen und Zukäufe schaffen.

Zuvor hatte Aufsichtsratschef Eugen Münch deutlich gemacht, dass er den Krankenhauskonzern, dem auch das UKGM gehört, radikal umbauen möchte. „Es war eine turbulente Zeit und doch nur der Auftakt zu weiterem Wandel“, sagte Unternehmensgründer Münch über das vergangene Jahr. Mit der beab­sichtigten Digitalisierung werde man die bisherige Medizin, eine „reine Erfahrungswissenschaft“, auf den Kopf stellen. Man wolle nicht wie die „Schamanen in einer völlig veränderten Welt um einen Baum tanzen“.

Erstmals äußerte sich Münch zu Hintergründen der Veränderungen im Vorstand, den seit Februar Stephan Holzinger führt. Im Herbst sei eine „Angststarre“ im Vorstand eingetreten. Der Aufsichtsrat haben daher Finanzvorstand Jens-Peter Neumann und Martin Menger abberufen. Während man sich mit Menger einvernehmlich auf eine Vertragsauflösung geeinigt habe, sei Neumann gekündigt worden – wegen Fehlverhaltens, zudem hätte er sich gegen die vom Aufsichtsrat festgelegten Zukunftsprojekte gestellt. Neumann habe Klage angekündigt, daher habe der Aufsichtsrat dessen Entlastung nicht vorgeschlagen.

„Kerngesundes Unternehmen und krisenfrei“

Stephan Holzingers erste Hauptversammlungs- rede als neuer Chef des Krankenhauskonzerns wurde am Mittwoch vom Aufsichtsratsvorsitzenden Eugen Münch mit folgendem Satz angekündigt: „Der Bericht wird nicht so aggressiv und bissig sein, weil er eine kleine Krankheit verdaut, aber ich glaube, es reicht.“ Eugen Münch (72), der Gründer und Patriarch des Konzerns aus Bad Neustadt an der Saale, präsentierte sich selbst nicht mehr so bissig und aggressiv wie in vorigen Jahren. Er sei ruhiger geworden, heißt es aus dem Umfeld des Aufsichtsrats.

Münch ist zugleich einer der drei Großaktionäre, die stetig Aktien zukaufen. Ludwig B. Braun und Asklepios haben ihre Anteile ebenfalls erhöht und verfügen über je mehr als 25 Prozent. Münch hat die Option, von derzeit 11,5 Prozent bis November 2017 auf 17,5 zu erhöhen, seine Ehefrau besitzt 4,5 Prozent. Im Bezug auf die Großaktionäre sagte er: „Wir umarmen uns nicht ständig, aber keiner würde über den anderen sagen, das ist ein Geldverbrenner.“ Und zu den Anteilseignern im Saal sagte er: „Wenn Sie mir billig Ihre Aktien verkaufen, sag ich schade drum, aber ich nehme sie.“

Welche Strategie die drei Großaktionäre beabsichtigen, wurde auch am Mittwoch nicht beantwortet. Die Zukäufe seien ein Vertrauensbeweis, sagte Holzinger. Er betonte ebenso wie Münch mehrmals, dass es dem Konzern sehr gut gehe. „Wir sind ein kerngesundes Unternehmen und damit krisenfrei“, so der neue Vorstandschef, der ebenfalls betonte, dass die Gewinneinbrüche vor seinem Amtsbeginn eintraten. Aktionäre wunderten sich, dass dieser Zustand so oft betont werden müsse. Wenn doch alles in Ordnung sei, warum müsse dies dann thematisiert werden, hieß es.

Rhön will Sektorengrenzen in Behandlung überwinden

Die Digitalisierung – vom Ausbau der elektronischen Patientenakte bis hin zum Einsatz von künstlicher Intelligenz – und die wachsende Datenmenge, die der Konzern dadurch erhalte, könne langfristig zu mehr Gewinn führen, lautete eine Botschaft an die Anteilseigner. Holzinger warb für das Überwinden der im Gesundheitssystem typischen Sektorengrenzen zwischen ambulanter und stationärer Behandlung, sowie zwischen Vorsorge, Reha und Pflege. Münch wurde deutlicher: Künftig sollte zum Beispiel ein Patient mit Schwindel am Freitagnachmittag nicht in der Notaufnahme landen, sondern ambulant im Gesundheitszentrum eines Krankenhauses versorgt werden. So habe man dies im neuen Gesundheitscampus in Bad Neustadt vor. Ein Projekt, das Vorbildcharakter für die weiteren Standorte haben soll.

Für den Standort Marburg gab sich der Vorstand zuversichtlich, dass die neue Ionenstrahl- therapie weit mehr Patienten erreichen werde. Zudem sei der beigelegte Streit mit dem Land Hessen um Finanzfragen ein Riesenfortschritt. Es sei ein Jahr des Umbruchs, stellten Aktionäre fest. Man frage sich, in welche Richtung es geht. „Ist 2017 ein Übergangsjahr?“ , so eine der Fragen. Auf die Frage von Aktionären, warum der Großaktionär und Asklepios-Eigner Bernard große Broermann keinen Sitz im Aufsichtsrat habe, sagte Münch, dass der Gesellschaft von Asklepios kein Wahlvorschlag zugegangen sei.

Neu in den Aufsichtsrat gewählt wurde Dr. Annette Beller, Vorstandsmitglied der B. Braun Melsungen AG. Alle Mitglieder des Aufsichtsrats wurden entlastet, ebenso wie der im Jahr 2016 amtierende Vorstand – mit Ausnahme von Jens-Peter Neumann, Ex-Finanzvorstand. Dessen Entlastung stand gar nicht erst auf der Tagesordnung, weil er eine Klage gegen seine Kündigung vorbereite, erklärte Münch. Mehrere Aktionäre fragten nach weiteren Hintergründen zu den Veränderungen im Vorstand. Der Aufsichtsratschef erklärte, dass Neumanns Verhalten „im Zusammenhang mit Dienstreisen“ zu beanstanden gewesen sei. Ein persönlicher Konflikt habe nicht bestanden.

Die Hauptversammlung stimmte zu, dass vom Bilanzgewinn 2016 die Summe von rund 23,4 Millionen Euro zur Ausschüttung einer Dividende von 35 Cent je Stückaktie verwendet wird.

von Anna Ntemiris

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