Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Regen

Navigation:
Handwerk ist offen für Quereinsteiger

Bilanz und Ausblick Handwerk ist offen für Quereinsteiger

Die Innungen sind mit dem vergangenen Jahr zufrieden: Sie hatten im Schnitt etwas mehr Aufträge als im Vorjahr. Sorgen bereitet dem Handwerk der Nachwuchs- und Fachkräftemangel.

Voriger Artikel
Vorwurf: Geld zählt mehr als der Mensch
Nächster Artikel
Berufe aus erster Hand erleben

Während der Aktionswoche Handwerk werben die heimischen Innungsbetriebe für ihren Ausbildungsberuf. Die Kreishand­werkerschaft ist mit dem vergangenen Jahr zufrieden.

Quelle: Archivfoto: Thorsten Richter

Marburg. Hessens Handwerk rechnet 2015 mit der Fortsetzung des seit vier Jahren andauernden Booms. Derzeit werde so viel in die Sanierung von Immobilien oder den Neubau investiert wie lange nicht mehr, sagte der Präsident des Hessischen Handwerkstages, Bernd Ehinger, bei der Bilanz-Vorstellung am Donnerstag in Wiesbaden. Im Ausbaugewerbe ist daher die Stimmung derzeit am besten.

In der Branche insgesamt bezeichneten fast 85 Prozent aller Betriebe ihr Geschäft 2014 als zumindest zufriedenstellend. Der Verband befragt jedes Jahr 3000 Betriebe nach ihrer wirtschaftlichen Lage. Insgesamt bezifferten die Handwerkskammern den Jahresumsatz im hessischen Handwerk auf rund 4,5 Milliarden Euro.

Heimische Fleischer schlachten mehr

Der Marburger Kreishandwerksmeister Rolph Limbacher erklärte am Donnerstag im OP-Gespräch, dass die Aussagen Ehingers auch auf die Situation im Landkreis zutreffen. „Angesichts der extrem niedrigen Zinsen investieren viele Menschen ihr Geld lieber in die Renovierung der eigenen vier Wände, als es auf dem Sparkonto anzulegen“, so Limbacher. Davon profitiere das Handwerk.

Auch das milde Winterwetter Anfang 2014 habe dazu beigetragen, dass zum Beispiel viele Dachdecker und die Metall-Innung ein leichtes Umsatzplus meldeten. Die Dachdecker haben zwar im Januar und Februar durchgearbeitet, aber dann im Frühjahr eine leichte konjunkturelle Delle gehabt, ergänzt Meinhard Moog, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Marburg.

Die Tischler-Obermeister melden eine Bilanz auf Vorjahresniveau und seien zufrieden, so Moog. Das Fleischerhandwerk äußere sich ähnlich. Nachdem der Marburger Schlachthof nicht mehr schlachtet, habe sich eine besondere Situation mit erfreulicher Entwicklung für die Fleischer in der Region ergeben, so Moog. „Der Bedarf ist aufgefangen worden, die Betriebe haben ihre Kapazitäten ausgeweitet.“

Sorgen bereitet der Branche weiterhin der fehlende Nachwuchs. Im vergangenen Jahr konnten in ganz Hessen 1 500 Lehrstellen nicht besetzt werden, zum Beispiel im Nahrungsmittelgewerbe. „Die Spitze des Eisbergs kommt noch. Das ist keine Kaffeesatzleserei, sondern durch die demografische Entwicklung absehbar“, so Lim­bacher.

Hobelbank statt Hörsaal: Studenten willkommen

Der „Akademisierungswahn“ mache den Zugang zum Handwerk immer schwerer, kritisierten die Branchenvertreter aus Wiesbaden am Donnerstag und forderten stattdessen: „Hobelbank statt Hörsaal“. Auch für Studienabbrecher biete das Handwerk eine zweite Chance. Immerhin habe sich die Zahl der Abiturienten unter den Auszubildenden innerhalb eines Jahrzehnts auf knapp zehn Prozent verdoppelt. Rund die Hälfte der Auszubildenden hat einen Hauptschulabschluss.

Insgesamt wurden – wie schon 2013 – mehr als 10 000 Verträge in Hessens Handwerk abgeschlossen. „Das Handwerk macht einen Riesen-Spagat. Es ist offen für Studienzweifler, Hauptschüler und auch für Schulabbrecher. Allerdings sind die Anforderungen während der Ausbildung auch hoch“, sagt Moog. Junge Menschen mit Abitur, die an der Uni Enttäuschungen erlebten, könnten im Handwerk eine Blitzkarriere zum selbstständigen Unternehmer erzielen.

„Und das Handwerk ist offen für Migranten“, betont Rolph Limbacher und bringt zum Thema Integration ein Beispiel: Mehr als die Hälfte der Frisöre, die kürzlich ihren Meister machten, waren Frauen und Männer mit türkischen Migrationshintergrund.

„Obwohl es in den Herkunftsländern keinen Meister-Titel­ gibt, betrachten die jungen Menschen hier dies für erstrebenswert“, so Limbacher. Auch Flüchtlinge, sofern sie die Sprache lernen, könnten im heimischen Handwerk Fuß fassen und umgekehrt könnte die Branche durch die Integration von Migranten dem Fach­kräftemangel entgegentreten, so Limbacher.

von Anna Ntemiris

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr