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Handwerk hat volle Auftragsbücher

Sommerumfrage Handwerk hat volle Auftragsbücher

Das zweite Quartal 2013 hat die Wende für die Auftragslage bei den heimischen Handwerksbetrieben gebracht: Kreishandwerksmeister Rolph Limbacher berichtete bei der Vorstellung des Konjunkturberichts der Handwerkskammer Kassel-Marburg von Nachfragesteigerungen ab Juni. Verantwortlich dafür sei auch, dass die  Verbraucher wieder mehr Geld ausgeben würden aufgrund der niedrigen Zinsen auf ihr Erspartes.

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Quelle: Knipseliene/Pixelio

Die Handwerksbetriebe im Kreis hätten „bald mehr Probleme, geeignete Auszubildende zu finden als Kunden“, sagte Limbacher zugespitzt. 14 Tage vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres gebe es in den Handwerksberufen noch zahlreiche freie Lehrstellen; etwa 34 bei Fachveräufern für Fleischerei und Bäckerei, 15 bei Frisören, 14 bei Malern und Lackierern und 10 bei Dachdeckern. Meinard Moog, stellvertretender Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Marburg, sprach zudem von Problemen bei der Suche nach qualifizierten Facharbeiten.

Klimaindex 85,44 kB

84,3 Prozent der Handwerksbetriebe im Bezirk der Handwerkskammer Kassel geben bei der Frühjahrskonjunkturumfrage der Kammer ihre aktuelle Geschäftslage mit gut oder zumindestens befriedigend an. Das sind fast zehn Prozentpunkte mehr als bei der letzten Umfrage, deren schwache Ergebnisse allerdings durch den langen und harten Winter geprägt waren. 86 Prozent erwarten auch für die Zukunft gute oder befriedigende Geschäfte. Der Geschäftsklimaindex, der sich aus der aktuellen Geschäftslage und den Erwartungen der Betriebe zusammensetzt, stieg auf 120,5 Punkte an und verfehlte damit das Zehnjahreshoch aus dem vergangenen Sommer nur ganz knapp. Der Index ist ein Mittelwert aus Geschäftslage und Geschäftserwartungen.
Bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse im Autopark Dippel in Neustadt sagte der Präsident der Handwerkskammer, Heinrich Gringel, insbesondere die Baubetriebe hätten volle Auftragsbücher. Dafür verantwortlich seien Nachholeffekte, aber auch das schwache Zinsniveau für Sparguthaben. Entsprechend meldeten auch die Ausbaubetriebe wie Elektrotechniker, Klempner oder Installateure volle Auftragsbücher.

Dienstleistungsgewerbe klagt über Probleme

Diese Sparte äußerte in der Umfrage die größte Zufriedenheit. „Etwas überraschend“ angesichts der Situation in der aktuellen Produktion, so Dr. Matthias Joseph von der Handwerkskammer Kassel, der die Konjunkturumfrage verantwortete, legte der Geschäftsklimaindex auch bei den industriellen Zulieferern zu. Bei Feinwerkmechanikern, Elektromaschinenbauern oder Metallbauern liegt der Index bei 131,9 Punkten und damit sogar über dem Vorjahr.
Sehr zufrieden waren auch die Betriebe des Nahrungsmittelgewerbes – „jedenfalls die, die noch übrig geblieben sind“, sagte Gringel mit Blick auf die zahlreichen Bäckereien und Fleischereibetriebe, die in den vergangenen Jahren aufgeben mussten und vielfach eher industriellen Produktionsweisen gewichen sind. Sorgenvoll betrachten hingegen die Kfz-Betriebe ihre konjunkturelle Situation. Insbesondere der Rückgang im Gebraucht- und Neuwagensektor macht den Betrieben Sorge. Stefan Dippel, Geschäftsführer des Autohauses Dippel, macht für diese Entwicklung auch die hohen Nebenkosten verantwortlich, die dem Autofahrer aufgebürdet würden. Junge Menschen könnten sich ein eigenes Auto etwa wegen der hohen Versicherungskosten kaum noch leisten. Probleme hat auch das Dienstleistungsgewerbe, also Frisöre, Kosmetiker oder Textilreiniger. Die Aufwärtsentwicklung in diesen Betrieben ist zum Erliegen gekommen, der Zufriedenheitsgrad war schlechter als noch vor 12 Monaten, berichtete Dr. Joseph.

Billig-Konkurrenz: „Schlimme Entwicklung

Noch unzufriedener waren die Betriebe des Gesundheitshandwerks (unter anderem Augenoptiker, Zahntechniker). Auch Heinrich Gringel, der Kammerpräsident, war nach eigener Aussage geschockt, als er aus der Zeitung erfahren musste, dass ein Kaffeeröster Zahnersatz zu Preisen angeht, die heimische Zahntechnikerbetriebe nicht halten können. Er bezeichnete die
Billigkonkurrenz als „schlimme Entwicklung“.
Ohnehin haben, so Gringel, viele Handwerksbetriebe trotz weiterhin gestiegener Auslastung Probleme mit ihrer Kapitalisierung. 40 Prozent, so Kriegel, klagen über höhere Einstandspreise vor allem wegen gestiegener Rohstoffpreise. „Dieses Geld kann dann nicht für notwendige Investitionen ausgegeben werden“, sagte Gringel.
Das Handwerk könnte noch zufriedener sein mit der aktuellen Situation, wenn es nicht gelegentlich Probleme aufgrund von politischen Entscheidungen gebe. 
Gringel erwähnte das Veto des Bundesrats gegen die steuerliche Förderung energetischer Sanierung von Wohnhäusern – trotz weitgehender Einigkeit in der Sache.
„Das wäre das größte Konjunkturprogramm für das Handwerk gewesen“, sagte Gringel, der Wahlkampftaktik hinter dem fehlenden Beschluss des Bundesrats vermutet. So komme die energetische Sanierung vieler Gebäude ohne Not eineinhalb bis zwei Jahre später. Dennoch bleibt das Handwerk in Ost-, Nord- und Mittelhessen auch für die nähere Zukunft optimistisch. Alle Daten wiesen darauf hin, so Dr. Matthias Josef, dass die wirtschaftliche Situation der Mitgliedsbetriebe sich auf dem hohen Niveau stabilisiere.

von Till Conrad

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