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Gut 16000 neue Überstunden am UKGM in Marburg

Geschäftsleitung: Anstieg "eher moderat" Gut 16000 neue Überstunden am UKGM in Marburg

Zum Ende des Jahres 2013 schoben die Mitarbeiter des UKGM in Marburg insgesamt 115000 Überstunden vor sich her.

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Das Universitätsklinikum auf den Lahnbergen: Kritiker befürchten einen Qualitätsverlust für Patienten durch Überstunden, „Streubetten“ und medizinische Zentren, die Kliniksleitung weist dies zurück.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Diese Zahl, die der OP vorliegt, bestätigte Klinikssprecher Frank Steibli. Nach OP-Informationen waren es Anfang des Jahres noch knapp 100000 Überstunden. Und: Allein 20000 Überstunden sind in den beiden letzten Monaten des Jahres entstanden. Hinzu kommen weitere 12000 Stunden bei den in der Klinik tätigen Angestellten des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), ein Plus von 1000 Stunden.

Knapp drei Viertel aller Überstunden wurden von Ärzten, in der Pflege oder im medizinisch-technischen Dienst abgeleistet.

Steibli relativiert aber den Eindruck, die hohe Zahl der Überstunden führe zu Überlastungen der Mitarbeiter. „Bei rund 3400 Vollkräften im UKGM am Standort Marburg bedeutet der Anstieg einen durchschnittlichen Anstieg der Überstundenkonten von 5 Stunden je Vollkraft im Jahr 2013“, schreibt der Kliniksprecher in einer Antwort an die OP: UKGM-Betriebsratsmitglied Björn Borgmann wies gegenüber dieser Zeitung aber darauf hin, dass es nach wie vor regelmäßig Überlastungsanzeigen gebe.

Im Vergleich zu anderen Krankenhäusern und Universitätskliniken sei der Anstieg der Überstunden am UKGM eher moderat, sagte Steibli. Die Geschäftsführung sei daran interessiert, die Überstunden im Rahmen der Dienstplangestaltung und flexibler Arbeitszeitmodelle abzubauen. In Bereichen, in denen es Engpässe gibt, solle die Zahl der Pflegekräfte erhöht werden. Der Betriebsrat, so Borgmann, wartet auf konkrete Vorschläge.

Nur ein kleiner Teil der Überstunden, die am UKGM in Marburg geleistet werden, wird ausbezahlt. Für viele Beschäftigte sei die Auszahlung von Überstunden ein „Nullsummenspiel“, sagt Betriebsratsmitglied Björn Borgmann. Höhe Steuern und Abgaben fressen den finanziellen Ausgleich zum Teil auf.

Wie viele Mitarbeiter sich ihre Überstunden auszahlen lassen, konnte Kliniksprecher Frank Steibli nicht genau beziffern.

Die Frage ist auch deswegen interessant, weil der Rhön-Konzern die höhere Lohnsumme durch die Auszahlung von Überstunden in Stellen umrechnet: Sind 38 Überstunden in Geld ausgezahlt worden, entspricht das einer Woche lang einer vollen Stelle. Oder anders gerechnet: Werden 2000 Überstunden von der Kliniksleitung ausgezahlt, entspricht das rechnerisch einer ganzen Stelle für das ganze Jahr - ohne dass diese Stelle tatsächlich da ist. Auf ungefähr 20 Stellen beziffert Steibli die Zahl dieser Stellen, die rechnerisch zustande kommen, aber eigentlich gar nicht da sind.

Die Lasten sind dabei überaus ungleich verteilt. Einzelne Stationen wenden sich seit längerem immer wieder mit Überlastungsanzeigen oder mit dringenden Appellen an die Geschäftsleitung.

Vor dem Hintergrund der Überstundenproblematik wird in der Belegschaft auch die Gründung von medizinischen Zentren ebenso kritisch gesehen wie die Existenz von „Streubetten“, das sind Betten, Belegungen freier Krankenhausbetten, die von der jeweiligen Abteilung nicht benötigt werden und damit zur Aufnahme von Patienten anderer Fachdisziplinen zur Verfügung gestellt werden.

Der ärztliche Geschäftsführer Professor Dr. Jochen A. Werner bestreitet gegenüber der OP den Vorwurf, die Zentrenbildung geschehe, um Geld zu sparen. Hintergrund: Am UKGM wurde ein Zentrum für Frauenheilkunde und Geburtshilfe gegründet und ein Zentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie.

Das entspreche der von der Bundesärztekammer vorgegebenen Weiterbildungsordnung, teilte Professor Werner mit. Die Zentren arbeiteten analog zu der Facharztbezeichnung. Es gehe um die Erweiterung der Kompetenz durch Zusammenführung fachspezifischer Kenntnisse. Kritiker entgegnen, dass nun Wöchnerinnen neben krebskranken Patientinnen liegen müssten. Schwestern sind „völlig überfordert, weil Geburtsschwestern keine Qualifikation zum Umgang mit brustkrebskranken Frauen haben und umgekehrt, heißt es.

Werner hatte schon im Sommer 2012 in der OP ein neues Bettenkonzept angekündigt. Das starre Festhalten an Bettenkontingenten sei nicht zeitgemäß, da bereits die „Ambulantisierung“ verschiedener Fächer zu Veränderungen im Belegungskonzept geführt hat. Kritiker weisen darauf hin, dass Patienten mit unterschiedlichen Erkrankungen unterschiedliche Formen der Pflege brauchen. Schwestern, die Erfahrung mit Nierenkranken hätten, müssten sich möglicherweise mit Patienten aus der Hals-, Nasen-, Ohrenklinik auseinandersetzen. „Die Alternative sind weite Wege, die Pflegepersonal und Ärzte im Haus zurücklegen müssen, um ihre Patienten zu betreuen“, sagt Betriebsratsmitglied Björn Borgmann. Er erwartet eine Zunahme von pflegerischen und organisatorischen Problemen, wenn die Kliniksleitung bei diesem Konzept bleibt.

von Till Conrad

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