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Grünen-Pläne „gefährden“ Ranking

Katrin Göring-Eckardt Grünen-Pläne „gefährden“ Ranking

Familienfreundlich, geschlechtergerecht und unbürokratisch: Das Kreisjobcenter stellte der Grünen-Spitzenkandidatin Konzepte und Quoten vor. Diese sprach in Marburg auch mit Kunden der Behörde.

Marburg. Vivian Gathe ist froh. Ab Juni wird sie endlich nicht mehr arbeitslos sein. Die 28-jährige alleinerziehende Mutter hat bei der Arbeiterwohlfahrt in Marburg eine Ausbildungsstelle zur Altenpflegehelferin gefunden. Vivian Gathe ist eine Teilnehmerin der Jobakademie - ein Projekt, das das Kreisjobcenter Marburg-Biedenkopf für alleinerziehende Mütter und Väter bietet. Katrin Göring-Eckardt, Spitzenkandidatin der Grünen für den Bundestag, informierte sich gestern in Marburg insbesondere über Projekte des KJC, die berufstätige und arbeitslose Mütter und Väter fördern.

Morgen werde ihre Tochter zwei Jahre alt, erzählte Gathe der Politikerin. „Dann müssen Sie heute noch einen Kuchen backen?“, fragt Katrin Göring-Eckard ihre Gesprächspartnerin. Sie habe schon alles vorbereitet, strahlt die junge Frau. Auch ihr Kollege hat Grund zur Freude: Hamid Kasebian, seit Dezember arbeitsloser alleinerziehender Vater von zwei Kindern, hat einen Job gefunden. „Weil ich bisher eine Stelle hatte, wusste ich nicht, wie man eine Bewerbung schreibt. Hier habe ich das gelernt“, sagt der Mann. Die Jobakademie bietet den Teilnehmern flexible Kurszeiten an und eine Kinderbetreuung - allein dies sei schon eine große Entlastung und eine neue Erfahrung für viele Teilnehmer.

Bundesweit auf Spitzenplätzen

Man wolle keine Vorzeige-Absolventen präsentieren, man könne die Erfolge solcher Einrichtungen durch Zahlen belegen, erklärte Dr. Karsten McGovern (Grüne), Sozialdezernent des Kreises, der Bundestagsabgeordneten. Im vergangenen Jahr hat die Hälfte der 116 Teilnehmer der Jobakademie eine Stelle im Arbeitsmarkt gefunden. Die Erwartungen seien damit übertroffen worden, so Gerlind Jäckle von der Akademie. Auch andere Vermittlungsquoten konnten die Vertreter des KJC gestern stolz präsentieren. Das Marburger KJC sei bei der Integrationsquote von Frauen in den Arbeitsmarkt bundesweit „die Nummer 5“.

Wer als Mutter in der Ausbildung versuche, die Kinderbetreuung nach den Öffnungszeiten der Kitas zu organisieren, sei oft chancenlos, erklärte Andrea Martin, Leiterin des KJC. Sie berichtete zum Beispiel von einer angehenden Optikerin aus Marburg, die um 8 Uhr morgens in Kassel die Berufsschule aufsuchen muss. „Wie soll sie es schaffen, ihr Kinder zur Betreuung zu bringen?“. Und sie nannte den Fall einer jungen Mutter, die wegen der Erkrankung ihres Kindes ihre Stelle aufgab. „Wir sahen sie dann als Verkäuferin mit einem 400-Euro-Job wieder“, so Martin.

9090 Teilhabepakete im Jahr 2012 abgerufen

Dabei stecke in Müttern häufig Potenzial für neue Berufswege. „Wenn man es schafft, Ängste abzubauen, sind die Frauen sehr motiviert. Manchmal muss man die Frauen gegen ihr Umfeld beraten“, sagt die Leiterin des KJC. Ebenfalls stolz ist sie auf die regionale Statistik zum Bildungs- und Teilhabepaket. Das Programm des Bundes sei zwar ein „administrativer Moloch“, aber inhaltlich existentiell für bedürftige Kinder. Das Programm komme im Kreis bei den Kindern vor Ort an. Im vergangenen Jahr wurden 9090 Leistungen im Rahmen des Bildungs- und Teilhabepakets in Anspruch genommen. 33 Prozent verwendeten das Geld für persönlichen Schulbedarf, jeweils rund 12 bis 14 Prozent wurden für Mittagsverpflegung in Schule oder Kindergarten oder Klassenfahrten verwendet.

„Ich bin erstaunt, wie Sie das hinbekommen. Andere Behörden in Deutschland haben bei diesem Gesetz kapituliert“, sagte die Bundespolitikerin. Die Grünen im Bund kritisieren das Gesetz grundsätzlich, sind der Auffassung, dass das Geld nicht dort ankommt, wo es benötigt wird, es sei eine Beruhigungspille und mit hohem bürokratischen Aufwand verbunden.

Katrin Göring-Eckardt führt diese Punkte bei ihrem Gespräch im KJC nicht auf, fragt aber lächelnd: „Ist es sehr schlimm, dass wir das im September wieder abschaffen wollen?“. Andrea Martin lächelt zurück: „Das würde uns einen Spitzenplatz im Ranking kosten“.

Katrin Göring-Eckhardt: „Das regt mich total auf“

Gleicher Meinung sind die KJC-Chefin und die Grünen-Spitzenpolitikerin beim Thema Förderungsmittel. Das Eingliederungsbudget für Arbeitslose (im Rechtskreis SGB II) sei drastisch gekürzt worden - von 12 Millionen Euro im Jahr 2010 auf 5 Millionen Euro für 2013. Zwar sei die Zahl der Empfänger zurückgegangen, aber dennoch nicht in diesem Umfang wie die Förderung gekürzt wurde. Bekam das KJC für einen Leistungsberechtigten im Schnitt 1034 Euro an Förderung, sind es heute nur noch 568 Euro. „Bei jeder Bundestagsdebatte kommt dieser Spruch, dass die Arbeitslosenzahlen zurückgegangen sind. Das regt mich total auf“, sagte Göring-Eckardt.von Anna Ntemiris

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