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Gregor Gysi sieht „EU ist existenziell gefährdet“

Sparkassen-Forum Gregor Gysi sieht „EU ist existenziell gefährdet“

Ein Cowboy aus der DDR: Gregor Gysi nahm sich selbst ein wenig auf die Schippe, um sein Publikum auf seine Seite zu ziehen. Er sprach über 
die veränderte Arbeitswelt und über Europa.

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Der Linken-Polit-Promi sprach am Donnerstag in Marburg vor mehr als 1400 Gästen beim Sparkassen-Forum.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Der erste Beifall kam bereits bevor die eigentliche Rede begann: Gregor Gysi, keine 1,65 Meter groß, spielte Tragik vor: „Wie immer der demütigende Akt – alles muss heruntergeschraubt werden“, sagte er, als das Mikrofon noch viel zu hoch eingestellt war. Sein Vorredner war immerhin der 2-Meter-Mann Sparkassen-Vorstandschef Andreas Bartsch.

Seitdem er nicht mehr Fraktionschef der Linken im Bundestag sei, werde er nun auch von denen eingeladen, die dies früher nicht getan hätten, sagte Gysi. Der eloquente Rhetoriker ist gefragt – am Dienstag sprach der 68-jährige Berliner in Ulm beim „Forum Intelligentes Bauen“ des Bundesverbands Deutscher Fertigbau, am Freitag reiste er nach Athen.

Da es heute keinen Brandt, Wehner oder Strauß gebe, sei es im Bundestag nicht schwer herauszutreten, erklärte er seine Popularität. Lacher erntete der promovierte Jurist auch, als er verriet, dass er in der DDR Facharbeiter für Rinderzucht war. Wenn er hätte Asyl beantragen müssen, dann sei er als Cowboy überall gefragt.

Gysi: Linke ist keine 
Protestpartei mehr

Seinem eigentlichen Thema „Arbeit im Wandel – Herausforderungen ihrer Gestaltung“ widmete sich der prominente Gastredner eher kurz. Die Zahl der Arbeitskräfte ist gestiegen, aber das Arbeitszeit­volumen ist reduziert. 41,8 ­Millionen Beschäftigte gab es 2013, davon waren nur 29,2 Millionen sozialversicherungspflichtig, erklärte er. „Wir müssen Hartz IV überwinden“. Gysi forderte, dass alle in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen sowie Chancengleichheit in der Bildung.

Starken Applaus bekam er für den Satz: „Nirgendwo in Deutschland sind wir eine kinderfreundliche Gesellschaft.“ Der Bund sollte kostenfreie Kitas finanzieren, inklusive gesundem Mittagessen und eine „anständige Bezahlung der Erzieher. Nur dann kommen auch Männer rein“.

„Menschen, die sich abgehängt fühlen, wählen Protestpartei. Das waren mal wir“, sagte er später. Die Rolle habe nun die AfD übernommen, „obwohl sie ein deutlich asoziales Programm hat“. Eine „Katastrophe“ sei, dass sich „Union und SPD sehr ähnlich sind“. Die Union müsse wieder eine konservative Partei seien. „Das schafft sie nicht in der Regierung, dafür muss sie in die Opposition geschickt werden“.

Sein Exkurs in die Außenpolitik wurde im Laufe des Abends zu seinem leidenschaftlichen Thema. Gysi, der sich bald zum Vorsitzenden der Europäischen Linken wählen lassen möchte, wechselte vom Polit-Unterhalter zum Analysten und Ermahner: „Die EU ist existenziell gefährdet. Ich sage Ihnen, wann sie tot ist: Wenn Frau Le Pen Präsidentin in Frankreich wird. Dann ist die Europäische Union mausetot.“ Marine Le Pen werde als Präsidentin ihre Ankündigung wahr machen und Frankreich aus der EU treten.

Redner fordert Aufhebung der Russland-Sanktionen

Gysi warnte vor einer Rechtsentwicklung in Europa und warb für den Zusammenhalt. „Wir haben die Solidarität mit Griechenland aufgekündigt.“ Das Schlimmste dabei sei, dass dadurch die Solidarität in der EU tot sei, die anderen Länder hätten genau beobachtet, was ihnen blüht, wenn es ihnen schlecht geht. Gysi forderte eine Art Marshall-Plan für Griechenland, erinnerte daran, dass auch Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg Schulden erlassen bekommen habe.

Und er wies darauf hin, dass Italien und Griechenland bereits vor 2015 eine EU-Flüchtlingsquote gefordert hätten – aber Deutschland das damals abgelehnt hätte. „Im September 2015 fragte es selbst danach“. Die Rückkehr zu alten Nationalstaaten ist nicht die Lösung.

Gysi forderte das Ende der Sanktionen gegen Russland – weil sie „unseren Mittelstand mehr als Russland treffen“. Im Syrien-Konflikt müssten sich Russland und die USA „von uns unter Druck gesetzt fühlen, damit sie einen Kompromiss finden“.

Am Ende der Rede von Gysi lud die Sparkasse die Gäste zu einem Imbiss ein. Viele Zuhörer – unterschiedlichster politischer Coleur – nutzten die Gelegenheit, sich am Büchertisch der Francke-Buchhandlung ein Autogramm zu holen.

von Anna Ntemiris

Rund 1400 geladene Gäste der Sparkasse kamen in die Sporthalle des Gaßmann-Stadions. Foto: Thorsten Richter
 
Filial-Schließungen bei der Sparkasse
Wird Gregor Gysi in seinem Vortrag die Sparkassen-Filialschließungen in Marburg thematisieren?, fragten sich viele Gäste. Immerhin hatte die Marburger Linke im Stadtparlament einen Antrag eingebracht, um Schließungen zu verhindern. SPD-Stadtverordneter Fabio Longo hatte noch versucht, Gysi über Twitter auf das Thema aufmerksam zu machen. Doch es war Sparkassen-Vorstand Andreas Bartsch, der das Thema in seiner Begrüßung kurz streifte. Die Filialnetze werden „an die Bedürfnisse unserer Kunden“ angepasst, sagte Bartsch. Die Sparkasse habe 800 Mitarbeiter. „Es geht auch darum, Arbeitsplätze zu erhalten und neue zu schaffen.“ Diesen Aspekt vermisse er in der öffentlichen Debatte. Die Sparkasse schließt ab Januar 14 Filialen im Kreis, neun weitere werden zu Selbstbedienungscentern umgewandelt ( die OP berichtete).
 
 
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Gysi spricht zu 1400 Zuhörern

Gregor Gysi sprach am Donnerstagabend in der Sporthalle des Georg-Gaßmann-Stadions.

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