Volltextsuche über das Angebot:

13 ° / 1 ° Regenschauer

Navigation:
Gießerei-Mitarbeiter fühlt sich gemobbt

Aus dem Arbeitsgericht Gießerei-Mitarbeiter fühlt sich gemobbt

Der Mitarbeiter einer 
Gießerei in Gladenbach hatte Stress mit seinem Vorgesetzten, bezichtigte ihn des Mobbings. Der 
Betrieb kündigte dem Mann – doch das war nicht rechtens.

Voriger Artikel
Jubilare arbeiten gemeinsam seit 160 Jahren
Nächster Artikel
Messroboter mit Fingerspitzengefühl

Heiß her ging es bei der Auseinandersetzung eines Arbeiters mit seinem Schichtleiter in einer Gießerei.

Quelle: Carlo Schrodt/pixelio.de, Patrick Pleul

Gießen. Am 3. Dezember vergangenen Jahres hat es endgültig gekracht zwischen dem Kläger und seinem Vorgesetzten. Es soll schon vorher Verhaltensauffälligkeiten des Manns gegeben haben – beispielsweise habe er sich respektlos verhalten und Anweisungen nicht befolgt, sagt der Arbeitgeber. So weigere sich der Kläger beharrlich, beim Staplerfahren eine Brille zu tragen – obwohl dies nötig sei.

Doch an diesem 3. Dezember habe der Mann, der an der Strahlmaschine arbeitet, 45 Minuten lang kein einziges Teil 
bearbeitet – daraufhin wurde der Kläger ins Schichtleiterbüro 
gerufen.

„Es gibt wohl ein Problem kultureller Art“, erläuterte Arbeitsrichterin Claudia Schymik. Denn: Der Vorgesetzte ist Türke – und der Kläger Kurde. Daher empfinde er die Anweisungen des Schichtleiters als 
Mobbing.
Aufgrund der angeblich zu geringen Arbeitsleistung musste 
der Kläger also zum Schicht­leiter – und es kam zum Streit mit Geschrei. Dieser Streit gipfelte laut Arbeitgeber zunächst im heftigen Türenschlagen – und zwar so stark, dass das Türschild abfiel, die Dichtung aus der Tür fiel und sich ein an der Wand verankerter Aschenbecher löste.

Vorwurf: Kläger hat 
extra langsam gearbeitet

Im Anschluss habe der Kläger sich in aller Seelenruhe einen Kaffee geholt und sich demonstrativ an eine Gitterbox gelehnt. Das rief die Personalerin des Betriebs auf den Plan: Sie habe den Mann aufgefordert, die 
Arbeit wieder aufzunehmen, woraufhin dieser gesagt habe: „Das Arschloch da oben, das macht das mit Absicht, der 
Türke.“

Der Kläger habe die Arbeit dann wieder aufgenommen – jedoch bewusst langsam: In der Zeit, in der andere Mitarbeiter mehr als 100 Teile schaffen, bearbeitete der Mann gerade einmal 40, was einem Leistungsgrad von 35,9 Prozent entspreche.

In der Folge versetzte der Arbeitgeber den Mann in die Gießerei. Denn man sei sich bewusst, dass es einen Arbeitsplatzkonflikt gebe – und den könne man derzeit nicht anders als mit der Versetzung lösen. 
Seine Arbeit dort hat der Kläger allerdings noch nicht angetreten, denn er ist seit geraumer Zeit arbeitsunfähig.

Allerdings sei der neue Arbeitsplatz in der Gießerei nicht „leidensgerecht“, denn der Mann ist auch zu 70 Prozent schwerbehindert. Das war dem Arbeitgeber allerdings zum Zeitpunkt der Versetzung nicht bekannt. Aufgrund der Vorfälle erhielt der Mann zudem drei Abmahnungen – alle 
auf den selben Tag datiert.

Es folgten Anwaltsschreiben – und in einem dieser Schreiben bezichtigte der Anwalt nicht nur den Schichtleiter, sondern das gesamte Unternehmen des Mobbings – der Vorgesetzte sei der Erfüllungsgehilfe des Arbeitgebers. Das war dem Arbeitgeber zu viel: Er kündigte dem Mann.

Vorstellungen für Abfindung zu weit auseinander

„Der Vorwurf – noch dazu, wenn er anwaltlich vorgetragen wird – bedeutet, dass wir ihn systematisch, mutwillig und mit schikanösen Methoden in seiner Gesundheit beschädigen. Das finden wir unerhört“, verdeutlichte der Rechtsvertreter des Unternehmens. Mit den vorangegangenen Abmahnungen habe man „sehr maßvoll“ reagiert, „aber irgendwann ist der Bogen überspannt, wir sehen das Arbeitsverhältnis als irreparabel gestört an“, so der Beklagtenvertreter.

Dass der Arbeitsplatzkonflikt nur sehr schwer zu lösen sei, sah auch Richterin Schymik so. Sie riet den Parteien, sich gütlich zu einigen. Allerdings lagen die Vorstellungen bei einer möglichen Abfindung zu weit auseinander.

„Es handelt sich hier um einen Mitarbeiter, der seit 1991 im Unternehmen ist. Es gibt 
einen Arbeitsplatzkonflikt, eine 
Versetzung und drei Abmahnungen – dass da die Aufregung auf Arbeitnehmerseite groß ist, kann man nachvollziehen“, betonte die Richterin.

„Wenn Sie der Auffassung sind, dass das zu weit geht, dann geht an einer Abmahnung kein Weg vorbei“. sagte Schymik – in der Folge wies sie die außerordentliche Kündigung zurück. In Bezug auf die Versetzung wies die Richterin die Klage jedoch ab – diese sei rechtmäßig, der Arbeitgeber sei sogar angehalten, so den Arbeitsplatzkonflikt zu lösen.

von Andreas Schmidt

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr