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„Geschäftsräume waren völlig leer“

Aus dem Gericht „Geschäftsräume waren völlig leer“

Ein 51-Jähriger muss sich derzeit wegen Insolvenzverschleppung und Betrugs vor Gericht verantworten – der Insolvenzverwalter sieht eine „versteckte Buchhaltung“.

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Der ehemalige Prokurist eines Unternehmens für den An- und Verkauf von Eiern steht derzeit ­wegen Insolvenzverschleppung in Marburg vor Gericht.

Quelle: Julian Stratenschulte

Marburg. Dem Angeklagten wird zur Last gelegt, als formeller Prokurist eines Unternehmens für den An- und Verkauf von Eiern faktisch als Geschäftsführer gewirkt und sich der Insolvenzverschleppung sowie des Betruges schuldig gemacht zu haben.

Laut Anklageschrift sei die GmbH spätestens seit Juli 2011 nicht mehr in der Lage gewesen, die Verbindlichkeiten gegenüber deren Schuldner – ein Kreditinstitut, das ein Darlehen in Höhe von 25.000 Euro gewährt hatte – zu erfüllen. Dabei habe der Angeklagte es versäumt, einen Insolvenzantrag zu stellen.

Neben diesem Versäumnis soll es laut Staatsanwältin Sarah Otto zu folgenden Handlungen gekommen sein: Im August 2011 warb der Angeklagte einen neuen Geschäftsführer – bis dato hatte seine Ehefrau diesen Posten innegehabt – an. Dieser erkannte die finanzielle Situation des Unternehmens erst im Februar 2012 und stellte den Antrag auf Einleitung des Insolvenzverfahrens.

Angeklagter vereist auf Buchhalterin

Ebenfalls im August 2011 
leaste der 51-Jährige einen Mercedes Benz für monatlich 900 Euro bei einem Autohaus, obwohl er das Geld für die Rückzahlung des Bankdarlehens hätte verwenden müssen. Ferner war ihm klar, dass er die Leasinggebühren nicht zahlen konnte. Diese wurden ab Oktober 2011 überhaupt nicht mehr entrichtet. Außerdem hat das Unternehmen für das Jahr 2011 keine ordnungsgemäßen Geschäfts- und Kassenbücher ­geführt.

Der Angeklagte wies jegliche­ Schuld von sich. „Es gab im ­August 2011 überhaupt keinen Grund für Sorgen“, meinte er. Außerdem sei damals eine­ ­externe Buchhalterin für die Kassenbücher zuständig gewesen. Diese Behauptung bestätigten mehrere Zeugen. Dass seine Ehefrau, von der er mittlerweile geschieden ist, die ­Geschäftsführung im August niederlegte, erklärte der Angeklagte mit den Worten „private Probleme“.

Seine Ex-Frau sei es auch gewesen, die den Vertrag für das Auto unterzeichnet habe. „Ich habe das Auto aber auch gefahren, um Kunden zu betreuen“, meinte der Angeklagte. Der ­Wagen wurde im Dezember 2011 von einem Angestellten des Autohauses abgeholt.

Seit Anfang 2011 unterhielt ein Kreditinstitut Geschäftsbeziehungen mit dem angeklagten Mieter. Diesem stellte die Bank ein Darlehen über 25.000 Euro für die Renovierung der Anlage­ zur Verfügung. Allerdings an die einzige Gesellschafterin sowie Geschäftsführerin der Firma, die Ex-Frau des Angeklagten. Der Kredit sei „ohne Sicherheiten“, wie der Angeklagte unterstrich, gewährt worden.

Ex-Frau habe Vertrag 
für Auto unterschrieben

Schnell kam es laut Zeugen zu Problemen zwischen der Bank und der Kreditnehmerin, welche die Ratenzahlungen schon früh einstellte, dabei für die Bank nicht mehr erreichbar war. Als das Unternehmen schließlich in die Insolvenz abrutschte, blieb die Bank auf dem Kredit sitzen. Eine als Sicherheit dienende Eiersortiermaschine verschwand plötzlich. Diese wurde von dem Angeklagten scheinbar widerrechtlich verkauft. „Das war sehr ärgerlich“, erinnerte sich der Bankier.

Wie ein früherer Mitarbeiter des Unternehmens mitteilte, wurden mehrere firmeneigene Maschinen noch vor dem letzten Umzug verkauft, „bei einer Nacht- und Nebelaktion“, wie der Zeuge vermutete. Darunter die Eiersortiermaschine, die nicht hätte veräußert werden dürfen.

Der im Rahmen des umstrittenen Insolvenzverfahrens mit einem Insolvenzgutachten beauftragte Rechtsanwalt äußerte vor Gericht starke Zweifel über den vermeintlich korrekten Ablauf. Seine Arbeit wurde durch die scheinbar versteckte Buchhaltung behindert, weder konnte­ er Jahresabschlüsse, Belege, noch irgendwelche anderen aussagekräftigen Unterlagen finden. „Dem Verfahren stand nichts zur Verfügung, die Geschäftsräume waren völlig leer“, betonte der Zeuge.

Selbiges galt für die Firmenkonten. Seine Vermutung: „Man hat versucht, diesen Betrieb zu beerdigen“. Bis heute belaufen sich die Forderungen des Insolvenzverfahrens auf rund 100.000 Euro.

von Benjamin Kaiser 
und Ina Tannert

 
 
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