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Gemeinsamer Kampf gegen H7N9-Virus

Universität und Novartis Gemeinsamer Kampf gegen H7N9-Virus

Der Vogelgrippe-Virus aus China rückt immer näher, vermuten Experten. In Marburg arbeiten Spezialisten des Pharmaunternehmens Novartis gemeinsam mit Experten des Hochsicherheitslabors an neuen Methoden für die Impfstoffproduktion.

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Geschäftsführer Jochen Reutter (Zweiter von links) führte gemeinsam mit Finanzvorstand Dr. Johannes Müller (rechts) und Bereichsleiter Martin Lang (links) durch eine Zellkulturanlage, die derzeit nicht benötigt wird und dort daher eine Besichtigung möglich war. Oberbürgermeister Egon Vaupel (Mitte), Wolfgang Liprecht von der Wirtschaftsförderung der Stadt (Zweiter von rechts) und der Direktor des Instituts für Virologie, Professor Stephan Becker, informierten sich vor Ort über die Grippe-Impfsto

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Mode- und Pharmabranche haben eines gemeinsam: Im Frühjahr wird für die Herbst- und Wintersaison produziert. Der Impfstoffhersteller Novartis Vaccines and Diagnostics lässt daher derzeit am früheren Standort Behringwerke eifrig Grippeimpfstoff für das In- und Ausland produzieren. Insgesamt 65 Mitarbeiter sind täglich in drei Schichten im Einsatz.

Die hochmoderne Zellkulturanlage zur Produktion von Grippeimpfstoffen ist das wissenschaftliche Schmuckstück des Unternehmens. Dort werden unter hohen Sicherheitsvorkehrungen und in einem High-Tech-Verfahren Grippe­viren auf Basis von Zellkulturen statt auf die herkömmliche Art in Hühnereiern vermehrt. Geschäftsführer Jochen Reutter, der neue Finanzvorstand Dr. Johannes Müller und Bereichsleiter Martin Lang zeigten am Mittwoch Professor Stephan Becker, Direktor des Instituts für Virologie an der Philipps-Universität Marburg und des dortigen Hochsicherheitslabors, sowie Oberbürgermeister Egon Vaupel die Anlage.

Influenza-Virus aus China steht derzeit im Blickfeld

„Die Herstellung von Grippe-Impfstoffen auf Zellkultur­basis, in der Novartis ein Vorreiter ist, hat ein enormes Potenzial für die Zukunft“, sagte Becker nach dem Rundgang. Beckers Forschungsschwerpunkte sind die Molekularbiologie von Viren und deren krankheitsauslösende Wirkung. Für Becker brachte der Termin auch eine Erinnerung an die Grippepandemie 2009: Sein Institut hatte damals das H1N1-Wildtyp-Grippevirus isoliert und kultiviert, mit dem Novartis dann in kürzester Zeit die weltweit erste Charge eines A(H1N1)-Pandemie-Impfstoffkonzentrats hergestellt hatte. Ein Meilenstein in der Geschichte des Unternehmens, das in der vergangenen Grippesaison Verzögerungen beim Grippeimpfstoff melden musste und dann im Dezember einen Produk­tionsausfall beim Impfstoff gegen das durch Zeckenbisse übertragene FSME-Virus hatte. Novartis Marburg habe inzwischen mit der Auslieferung kleinerer Mengen FSME-Impfstoff beginnen können und werde zum Sommerende die Menge noch steigern, hieß es auf Anfrage der OP. Die Ursache für die Verzögerungen bei der Lieferung des Grippe-Impfstoffs lagen im Werk im italienischen Siena, nicht am Standort Marburg, so das Unternehmen weiter. Experten wie Becker richten ihren Blick jedoch jetzt nicht zurück, sondern auf die nächste Viren-Bedrohung, die der Welt morgen gefährlich werden könnte. H7N9, der Influenza-Virus aus China, steht derzeit im Blickfeld der Forscher. Für Virologen ist es durchaus möglich, dass das Virus auch Deutschland erreicht. Ähnlich wie damals bei der H1N1-Pandemie arbeitet Becker auch diesmal wieder mit Novartis zusammen. „Mit einer kürzlich veröffentlichten Methode zur Herstellung von Grippesaatvirus haben wir unsere Zusammenarbeit weiter vertieft“, erklärt Becker.

Synthetisches Vogelgrippe-Virus

Die Kurzform dieser Methode: Die RNA-Seuqenzinformation für das H7N9 Influenza-Virus wurde von chinesischen Forschern, kurz nachdem die ersten Fälle auftraten, veröffentlicht. Ausgehend von dieser Sequenz wurde das Virus synthetisiert, ohne dass es physisch in die USA geschickt werden musste. Das synthetische Virus wird nun in der Zellkultur von Novartis in großen Mengen hergestellt.

„Bei einer Pandemie muss es sehr schnell gehen mit der Produktion und alles muss unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen ablaufen. Das ist hier bei Novartis der Fall“, so Becker, der im Hochsicherheitslabor der Uni arbeitet. Dass sich in Marburg zwei so moderne und sichere Labors in der Nähe befinden, sei eine ideale Bedingung, so Becker. Natürlich kennt auch er die ethische Fragestellung, inwieweit ein Wissenschaftler, der mit öffentlichen Geldern gefördert wird, mit einem Pharmaunternehmen kooperieren darf - schließlich verdient der Konzern mit jedem Medikament Geld. Doch Becker hat eine deutliche Position: „Wenn eine Pandemie befürchtet wird, muss man mit Unternehmen bei der Impfstoffproduktion zusammenarbeiten, denn hier könnte jeder Tag wichtig sein.“ Der Staat stelle nunmal keinen Impfstoff her. Für die Stadt ist die langjährige Kooperation ein Glücksfall, sagte Egon Vaupel. „Zwei der größten Arbeitgeber der Region arbeiten traditionell so gut zusammen und das, wie man hier deutlich sieht, zum gegenseitigen Nutzen und auf Grundlage modernster Technik.“

Beeindruckend fanden Becker und Vaupel die Anzahl von 29 verschiedenen Freigabetests, die während der Herstellung von Grippeimpfstoffen höchste Qualität garantieren. Vaupel informierte sich auch über die Ausbildung. „Fachkräftemangel ist in der Wirtschaft das große Thema“, so Vaupel. „Wir tun was, und zwar alle gemeinsam: Die Uni bildet die Fachkräfte aus, die Industrie beschäftigt sie in der Region, und die Stadt bemüht sich um die bestmöglichen Rahmenbedingungen.“

Bilanz:

  • Eine Bilanz für Marburg veröffentlicht das Unternehmen nicht. In der Bilanz des Schweizer Konzerns finden sich allerdings Zahlen über die Impfstoffsparte, die Rückschlüsse auf das Marburger Unternehmen geben. Der Nettoumsatz ging bei Novartis Vaccines and Diagnostics gegenüber dem Vorjahr von 2,0 Milliarden US-Dollar um 7 Prozent auf 1,9 Milliarden US-Dollar zurück. 2011 waren umfangreiche Lieferungen von Kinder-impfstoffen und ein einmaliger Verkauf von Präpandemieimpfstoffen verbucht worden, erklärt der Konzern.
  • Im Jahr 2012 wurde ein operativer Verlust von 250 Millionen US-Dollar ausgewiesen, gegenüber einem Verlust von  249 Millionen US-Dollar im Vorjahr. 
  • Im Innovationsbereich erzielte die Division Vaccines and Diagnostics 2012 wichtige Fortschritte. Der Ausschuss für Humanarzneimittel der europäischen Arzneimittelagentur gab ein positives Gutachten für Bexsero heraus. Dieser Impfstoff wurde inzwischen europaweit zugelassen. Er kann dazu beitragen, alle Altersgruppen, auch Kleinkinder, gegen Meningokokken-Infektionen der Serogruppe B zu schützen. Zudem wurde Flucelvax, der erste Impfstoff aus Zellkulturen zum Schutz gegen saisonale Grippe, in den USA von der FDA zugelassen.

von Anna Ntemiris

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