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Zur Not helfen Zettel und Stift

Gehörlose im Kornspeicher Zur Not helfen Zettel und Stift

„Ich erlebe immer wieder, dass Arbeitgeber Angst vor der Arbeit mit Gehörlosen haben“, sagt Petra Trampe vom Integrationsfachdienst. Damit will sie aufräumen.

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Ruth Schmidt (links) und Marion Drews sind zwei der drei Reinigungskräfte mit Hörbehinderung im Hotel im Kornspeicher.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Früh am Morgen geht es los. Dann ziehen Marion Drews und Ruth Schmidt durch die Flure und Zimmer des Hotels im Kornspeicher. Betten machen und Bäder schrubben gehören zu den täglichen Aufgaben der beiden Reinigungskräfte. Manchmal arbeiten sie im Team, manchmal alleine. Die beiden Frauen verstehen und verständigen sich gut – wenn auch buchstäblich mit Händen und Füßen.

Drews ist gehörlos. Schmidt ist hochgradig schwerhörig und beherrscht zudem die Gebärdensprache nicht perfekt. Die Verständigung funktioniert dennoch, weil Gehörlose auf viel mehr achten als nur die Hände. „Wichtig ist, dass man ihnen genau ins Gesicht schaut und eine deutliche Mimik und Gestik verwendet“, sagt Petra Trampe. Die Mitarbeiterin des Integrationsfachdienst (IFD) vom Verein Arbeit und Bildung unterstützt das Hotel bei der Arbeit mit Behinderten und hilft, wenn es einmal zu Problemen kommt.

Oft ist das aber nicht der Fall. Ihre Behinderungen schränken sie bei ihrer Arbeit kaum ein, betonen die Angestellten und auch ihr Chef, Hoteldirektor Rocco Pabst. „Der Arbeitgeber muss sich in die ­Situation hineinversetzen und frühzeitig reagieren, wenn es einmal zu Problemen kommt“, sagt er. Entscheidend sei es deshalb, in engem Kontakt zu den Mitarbeitern zu stehen und ein Feingefühl dafür zu entwickeln, wenn Unstimmigkeiten entstehen. „Es ist wichtig, dass alles harmonisch abläuft“, sagt Pabst.

Zuschüsse gibt es vom Integrationsamt

Und sollte das einmal doch nicht klappen, hilft der IFD. Bei zwischenmenschlichen Problemen kommt Trampe gerne direkt vorbei. „Für Mitarbeiter ist es oftmals leichter, Probleme mit Außenstehenden zu besprechen“, sagt sie. Aber auch wenn höhere Kosten für den Arbeitgeber entstehen, wird geholfen. „Es werden für Menschen mit Behinderung vom Integrationsamt alle Kosten übernommen, die mit dem Beruf zu tun haben“, erklärt Trampe. Das können beispielsweise Zuschüsse für den Arbeitgeber zum Lohn sein, wenn eine geringere Leistung erbracht wird. Aber auch spezielle Telefone oder Funkgeräte werden bezahlt, wenn die bestehende Ausstattung die Angestellten in ihrer Arbeit einschränkt. „Die Zeiten, in denen Gehörlose nur bestimmte Berufe erlernen konnten, sind vorbei“, sagt Trampe.

Im Kornspeicher sind größere Probleme bislang noch nicht aufgetaucht, versichert Pabst. Und auch die beiden Mitarbeiterinnen berichten nur Positives von ihrer Arbeit. „Wenn man von Hotelgästen angesprochen und nach konkreten Dingen gefragt wird, kann man das meistens verstehen“, erklärt die gehörlose Marion Drews. Bei allen anderen Fällen verweist sie die Gäste freundlich an die Hotelverwaltung – oder lässt sich das Gesagte aufschreiben.

„Ältere Menschen versteht man besser. Sie sind offener und weniger distanziert“, merkt Ruth Schmidt an. Drews kann ihr da nicht vollends recht geben. „Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich“, sagt sie und erinnert sich an einen Moment ganz genau. „Einmal habe ich an einer Zimmertür einen Gast nicht verstanden und ihm zu verstehen gegeben, dass ich nicht hören kann. Daraufhin hat er seine Frau ­geholt, die mit mir gebärdet hat“, erinnert sie sich.

"Die Hemmschwelle liegt höher"

Für Drews ein besonders schöner Moment, wie Trampe bestätigt. „Menschen mit Gehör­losigkeit sind mehr in ihrer Routine drin und haben von Natur aus weniger Kontakt zur Außenwelt“, erklärt sie: „Deshalb liegt die Hemmschwelle bei ihnen höher, Probleme mitzuteilen, wenn sie auftreten.“

Oftmals würden sich Probleme dann nur noch verstärken, wenn sie nicht direkt angesprochen werden. „Sie neigen eher dazu, sie in sich hineinzufressen, als sie zu thematisieren“, sagt Trampe. Ein böser Wille stecke dabei nicht dahinter. Viel mehr eine gewisse Scheu, auf andere Menschen zuzugehen. Diese Angst müsse man seinen Angestellten nehmen. „Manchmal muss man sich die Dinge einfach direkt zeigen lassen“, sagt Pabst. Notfalls eben mit Händen und Füßen.

von Tobias Kunz

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