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Gastwirte kämpfen mit Strukturwandel

Herausforderungen im ländlichen Raum Gastwirte kämpfen mit Strukturwandel

Demografischer Wandel, keine Nachfolger, jede Menge Bürokratie und keine Kreditzusagen: Das Gastgewerbe hat mit zahlreichen Herausforderungen zu kämpfen.

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Sommerliche Temperaturen sorgen für Andrang in der Außengastronomie. Doch die Branche hat Probleme.

Quelle: Roland Weihrauch

Kirchhain. Der Landesverband Hessen des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) hatte zur Veranstaltung „Gasthaus trifft Rathaus“ eingeladen, um einen Dialog zwischen Gastronomen und Politikern zu initiieren.

Doch beinahe wäre der Ruf ungehört verhallt. Denn nur gut 20 Gastronomen aus dem Landkreis waren gekommen, um mit drei anwesenden Bürgermeistern zu diskutieren – Peter Eidam (Weimar), Jochen Kirchner (Kirchhain) und Hans Waßmuth (Rosenthal).

Auf dem Podium saßen Dehoga-Präsident Gerald Kink, Hauptgeschäftsführer Julius Wagner sowie Dirk Wolf, Vorsitzender der heimischen Gastwirte. Und auch Landrätin Kirsten Fründt und Tourismusmanager Hartmut Reiße stellten sich der Diskussion.

Tourismus in Hessen auf Talfahrt

Kink zeichnete ein düsteres Bild von der Gastronomie im ländlichen Raum: Es sei eine „massive Veränderung der Anzahl der Gasthäuser spürbar“, sagte er. Der Dehoga gehe davon aus, „dass von derzeit 2000 bis 2200 Gastbetrieben in Hessen im Jahr 2020 nur noch 1100 Betriebe übrigbleiben werden“. Dabei leiste man einen wertvollen Beitrag zum Ganzen, denn: „Kein Tourismuskonzept funktioniert in irgendeiner Form ohne eine funktionierende Gastwirtschaft oder ein Ziel der Einkehr“, so Kink.

Auch gehe man von stark sinkenden Kennzahlen im hessischen Tourismus in den kommenden zehn Jahren aus: Tagesausflüge würden von 181,5 Millionen auf 173,3 Millionen sinken, Tagesreisen gar von 45,4 Millionen auf 39,5 Millionen – ein Rückgang um 12,9 Prozent. Und dementsprechend sänken auch die Bruttoumsätze im hessischen Gastgewerbe – von 11,5 Milliarden Euro auf 11 Milliarden.

Grund genug also, miteinander ins Gespräch zu kommen – auch, wenn Kink verdeutlicht: „Antworten und umsetzbare Dinge sofort zu erreichen – das wird uns nicht gelingen.“ Aber man wolle ein gemeinsames Verständnis erreichen.

Für Landrätin Fründt ist indes klar: Man habe nicht nur mit dem demografischen Wandel, sondern auch mit einem geänderten Nutzerverhalten zu tun. „Die Menschen erwarten heute etwas Anderes als vor 20, 30 Jahren“, sagte sie – und rief die Gastronomen dazu auf, die Bereitschaft zu zeigen, sich der Zeit anzupassen.

Gastwirte sollten ihre Konzepte hinterfragen

Dabei treibt die Wirtsleute noch viel mehr um: Etwa eine Beschilderung an den Straßen, um auch auf abgelegene Gaststätten hinzuweisen. So sei etwa vor dem Neubau der B 3 ortsansässigen Gastwirten versprochen worden, sie dürften Schilder aufstellen – danach sei es jedoch abgelehnt worden.

Für Harald Pausch aus Kirchhain „springt diese Diskussion zu kurz“, wie er sagte: Nicht fehlende Straßenbeschilderung sei das Problem, vielmehr müsse man immer wieder seine Marketingkonzepte hinterfragen.
Bürgermeister Jochen Kirchner verdeutlichte: „Die Gastronomie ist aus den Innenstädten nicht wegzudenken. Wir wollen alle multifunktionale Innenstädte – und da gehört die Gastronomie dazu.“

Wenn ein Betrieb jedoch umbauen oder erweitern wolle, dann gebe es „eine Flut an Bedingungen und Vorschriften, die wir kaum noch bewältigen können“, sagte er. Gastronomen, die ins Gewerbegebiet gingen, seien besser dran, weil diese nicht die immensen Auflagen hätten – das führe Förderprogramme wie von der Landesregierung mit dem Titel „Zurück in die Mitte“ ad absurdum.

Mit Regionalität lässt sich bei den Gästen punkten

Auch Finanzierungsengpässe treiben die Gastwirte um: Zahlreiche Banken würden einfach keine Kredite mehr vergeben – es komme zwangsläufig zum Investitionsstau. „Ich habe meine Reserven angegriffen, um renovieren zu können, damit ist die Altersvorsorge futsch“, sagte ein Diskussionsteilnehmer. „Jetzt fange ich mit 43 Jahren wieder bei null an, um später vielleicht eine Rente zu bekommen“, sagte er.

Hartmut Reiße verdeutlichte, dass man sich bemühe, die Region touristisch attraktiver zu machen – „aber es fehlt an der Gastronomie im ländlichen Raum. Wenn ich mehrere Stunden wandere und dann eine hängende Zunge habe, weil ich keine Gastronomie finde, dann bringt uns das nicht weiter“. Und die Situation werde sich noch verschärfen.

Damit einher gingen mitunter recht kurze Öffnungszeiten. Allerdings sei es „für uns Kleingastronomen schwierig, permanent geöffnet zu haben“, wie ein Teilnehmer sagte. Denn dazu fehle es schlichtweg am Personal.

„Früher konnte die Familie mal einspringen – heute muss jeder Mitarbeiter sofort angemeldet werden, das funktioniert so nicht“, kritisierte er die „überbordende Bürokratie“. Zudem seien lange Öffnungszeiten häufig nicht wirtschaftlich. Kink rief dazu auf, verstärkt auf Regionalität zu setzen – damit könne man sich von der Systemgastronomie absetzen.

von Andreas Schmidt

Bei „Gasthaus trifft Rathaus“ diskutierten Tourismusmanager Hartmut Reiße (von links), Landrätin Kirsten Fründt, Dehoga-Präsident Gerald Kink, Geschäftsführer Julius Wagner und Dirk Wolf mit Gastronomen und Bürgermeistern. Foto: Andreas Schmidt
 
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