Volltextsuche über das Angebot:

13 ° / 1 ° Regenschauer

Navigation:
Gastronomie fordert Flexibilisierung

Arbeitszeitbegrenzung Gastronomie fordert Flexibilisierung

Die Reform des Arbeitszeitgesetzes und die steuerliche Gleichbehandlung sind laut Hotel- und Gaststättenverband „elementar wichtig“ für die 
 Zukunftsfähigkeit der Gastronomie.

Voriger Artikel
Zwei Filialen Freitag letztmals besetzt
Nächster Artikel
„In jeder Etage neue Fans gefunden“

Eindecken, vorbereiten, Service: Der Dehoga fordert eine Flexibilisierung der Arbeitszeit, was auch der Kreisverbandsvorsitzende Dirk Wolf (kleines Foto) begrüßt.

Quelle: Tobias Hase, Tobias Hirsch

Kirchhain. Jüngst veröffentlichte die IHK Kassel-Marburg ihre Konjunktur-Umfrage ( die OP berichtete). Dort bewertete vor allem die Gastronomie im Kammerbezirk sowohl ihre aktuelle Lage als auch die Zukunftsaussichten als positiv.

Prinzipiell stimmt Dirk Wolf, Vorsitzender des Kreisverbands des Deutschen Hotel- und Gaststättengewerbes (Dehoga) seinen Kollegen, die befragt wurden, zu – doch gelte es, das Bild „wesentlich differenzierter“ zu sehen. Der Gastronom, der das Hotel und Restaurant „Zur Sonne“ in Kirchhain betreibt, sieht vor allem im starren Arbeitszeitgesetz eine „echte Bremse“ für die Betriebe.

Personal dürfte maximal zehn Stunden am Tag arbeiten. „Das heißt also: Aushilfskräfte und Mini-Jobber, die sich nebenher etwas verdienen möchten und bereits einen normalen Acht-Stunden-Job haben, dürfen nur noch zwei weitere Stunden kellnern. Es ist dem Arbeitnehmer also nicht freigestellt, freiwillig Überstunden zu machen“, rechnet Wolf vor. Das käme weder dem Personal noch dem Gastronom zugute, der im Umkehrschluss mit mehr Personal agieren müsse.

Das verdeutlicht der Vorsitzende auch am Beispiel einer Familienfeier oder Hochzeit: „Mit Vorbereitungen, Eindecken, Service und Abräumen kommt man locker an die zehn Stunden. In so einem Fall muss ich also während einer Veranstaltung das komplette Service-Team austauschen.“ Das sei logistisch gar nicht möglich. „Und auch für die Gäste ist es nicht schön, weil sie sich an die Bedienung gewöhnt haben und wissen, wer für sie zuständig ist“, sagt Wolf.

Gastronomen wollen Arbeitszeit nicht ausdehnen

Eine mögliche Lösung sei, statt einer täglichen Begrenzung lieber die Wochenarbeitszeit zu deckeln. „Das hätte für das Personal durchaus den Vorteil, dass es mitunter nur vier Tage arbeiten müsse und drei Tage frei hätte. Wir sprechen immer von der Flexibilisierung der Arbeitszeit – und das wäre ein großer Schritt.“
Allerdings sei Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) sehr festgefahren und kenne offenbar die Nöte in der Gastronomie nicht. Wolf stellt klar: „Wir wollen ja die Arbeitszeiten nicht ausdehnen, sondern flexibler agieren können.“

Das verdeutlichte auch Dehoga-Präsident Guido Zöllick auf dem Neujahrsempfang des hessischen Gastgewerbes in Frankfurt: „Keiner will die Gesamtarbeitszeit verlängern, die Gewerkschaft NGG muss keine Schnappatmung bekommen“, so Zöllick. „Freitag länger arbeiten, dafür Montag kürzer – das nennt sich schlichtweg Flexibilität, die Unternehmer, Mitarbeiter und unsere Gäste im 21. Jahrhundert erwarten.“

Auch der demografische Wandel stelle die Gastronomie vor große Probleme – denn es gebe immer weniger Auszubildende. „Wir stellen fest, dass es einen wahren Run auf die guten Schüler, die ausbildbar sind, gibt – und wir stehen in Konkurrenz mit Industrie, Verwaltung und anderen Branchen“, weiß der Dehoga-Vorsitzende.

Dass die Arbeitszeiten im Gastgewerbe nicht die besten seien, ist Wolf durchaus bewusst. Dennoch sei die duale Ausbildung auch im Ausland bestens angesehen. „Wer in Deutschland eine Ausbildung im Hotelfach gemacht hat, ist weltweit begehrt“, weiß er. „In der Großhotellerie weltweit sind die führenden Positionen häufig mit Deutschen besetzt – auch auf Kreuzfahrtschiffen.“ Die Ausbildung ermögliche also hervorragende Perspektiven.

Die Integration von Flüchtlingen sei für die Nachwuchsprobleme nicht unbedingt die Lösung – beispielsweise in der Küche, wie Wolf in seinem eigenen Betrieb erfahren hat. „Bei mir hat sich ein junger Syrer beworben, der gerne Koch werden möchte. Allerdings weigert er sich, Schweinefleisch in die Hand nehmen. Wir können ihn nicht so ausbilden, dass er diesen Teil nicht mitmacht, denn wir haben hier traditionelle deutsche Küche.“

Zunehmende Bürokratie kostet Zeit und Geld

Es könne sein, dass dies in größeren Betriebe umzusetzen sei, „aber bei kleineren Betrieben ist es nicht zu realisieren“. Zudem gebe es häufig noch sprachliche Defizite.

Ein weiteres Thema, das die Gatronomen umtreibt, ist die schlechte Ertragslage. „Wir machen gute Umsätze“, sagt Wolf, „aber gleichzeitig nimmt die Bürokratie immer weiter zu – das kostet viel Zeit und somit Geld“. So gebe es neuerdings Bestrebungen, dass Parkplätze, die man einem Gast kostenlos zur Verfügung stelle, als geldwerter Vorteil versteuert werden sollten – „ein absoluter Irrsinn, das ist für den Gast ja gar nicht mehr darstellbar“, wettert Wolf.

Damit einher geht die Dehoga-­Forderung der steuerlichen Gleichbehandlung der Gastronomie. „Kaufen Sie eine Bratwurst draußen an der Bude, kostet sie 7 Prozent, im Restaurant 19 Prozent. Und bei Fastfood-Läden ist die erste Frage, ob Sie draußen essen oder im Lokal. Sagen Sie, Sie nehmen die Ware mit, drückt die Bedienung Außer-Haus-Verkauf, es fallen nur sieben Prozent Mehrwertsteuer an – der Burger wird dadurch aber nicht billiger“, rechnet Wolf vor. Das ergebe für die Gastronomie einen Kalkulationsnachteil von zwölf Prozent gegenüber Discountern, Bäckern und Metzgern, obwohl diese immer stärker ins gastronomische Geschäft vordringen.

„Hätten wir diesen Vorteil, wäre unsere Ertragslage besser, wir könnten bessere Löhne zahlen – und es würden auch nicht so viele Betriebe schließen, weil sie keine Nachfolgeprobleme hätten“, meint Wolf. Zahlreiche Traditionsgasthäuser hätten bereits geschlossen, etwa die „Schöne Aussicht“ in Schönstadt oder das „Deutsche Haus“ in Josbach. „Und in vielen Dörfern haben die Kneipen geschlossen – da, wo das Leben stattfand. Das ist eine Entwicklung, die sehr bedenklich ist“, sagt Dirk Wolf.

Der langjährige Gastronom und Autor des Buchs „Fucking Gastro“, Günter Hager, fasst zusammen: „Es ist die Summe der Zustände, die uns selbst bei stabilen Umsätzen gerade noch ein bis zwei Prozent Ertrag ermöglichen.“ Ein sinnvolles und existenzsicherndes Wirtschaften sei damit unmöglich.

von Andreas Schmidt

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr