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Gäste müssen draußen bleiben

Bosch Thermotechnik Gäste müssen draußen bleiben

Eigentlich sollte es ein ruhiges Gespräch über die Zukunft des Bosch Thermotechnikwerkes in Lollar werden. Aber Ruhe bewahren - das ist es, was die 1400 Angestellten nicht mehr wollen.

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Um ihre Kollegen in Lollar zu unterstützen, waren 80 Mitarbeiter des Bosch Thermotechnikwerkes aus Neukirchen bei Zwickau nach Hessen gereist. Rein durften sie nicht. Für sie hieß es: Kein Zutritt zum Werksgelände.Foto: Marie Lisa Schulz

Lollar. Aus den Lautsprechern schallen verzerrt deutsche Schlager. Die Hände schmerzen vor Kälte, Kaffeebecher machen die Runde. Pfeifend, Fahnen schwenkend, Transparente haltend stehen sie vor dem Tor der Firma Bosch Thermotechnik. Sie - das sind rund 80 Bedienstete aus dem Tochterwerk in Neukirchen, nahe Zwickau. Vier Stunden haben sie im Bus gesessen - um nun an der Schranke zu scheitern. „Normalerweise kommen wir mit unserem Bosch-Mitarbeiterausweis weltweit in die Bosch-Unternehmen rein. Hier sind wir Betriebsfremde“, empört sich Reinhard Voigt. Der 58-Jährige hat vor drei Wochen erfahren, dass das Werk in Neukirchen geschlossen werden soll. Sein Arbeitsplatz? Vergangenheit. Mit dem Besuch in Lollar will er seine Kollegen am hessischen Standort unterstützen. „Wir sind hier, um aufzurütteln“, sagt er.

Gestern hatte die Werksleitung zur Betriebsversammlung geraten. Die Gäste aus Neukirchen mussten draußen bleiben. Thema der Versammlung: die Zukunft des Standortes Lollar. IG Metall und Betriebsrat hatten im Vorfeld die Sorge von Stellenabbau geäußert. Bis zu 300 könnten es allein am Standort Lollar sein, so die Annahme.

Zahlen dementiert

„Es gibt keine Entscheidung. Wir wollen den Standort bestmöglich aufstellen. Wir stecken noch in der frühen Planungs- und Beratungsphase“, macht Betriebssprecher Thomas Peli­zaeus nach der Versammlung deutlich. Er gibt zu bedenken: „Die Anforderungen der Kunden werden sich ändern. Das ist sonnenklar. Das wird auch Auswirkungen auf Lollar haben.“ Welche, das könne man zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht absehen. Trotzdem räumt er ein: „Die ganzen Wettbewerber sind schon ins Ausland abgewandert. Das ist kein Konjunkturproblem, das ist ein Strukturproblem.“ Heinz Schütte-Schrage, Vertreter der IG Metall Mittelhessen, hingegen bewertet die Betriebsversammlung als Signal an die Werksleitung. „Wir haben deutlich gemacht, dass wir den Blick nach vorne erwarten. Dazu gehören keine weiteren Sparmaßnahmen.“

Die Betriebsversammlung wurde kurz unterbrochen, um die Gäste vor dem Tor zu begrüßen. 800 hinter - 80 vor der Schranke. „Wir haben deutlich gemacht, dass wir so nicht mit Gästen umgehen“, erklärt Schütte-Schrage mit Nachdruck in der Stimme. Nach mehr als drei Stunden wurde die Betriebsversammlung abgebrochen. „Wir waren in einer Debatte der persönlichen und heftigen Vorwürfe“, teilt der IG-Metall-Vertreter mit. Die Fortsetzung der Versammlung ist zum 9. April geplant.

Strich drunter, Herr Schütte-Schrage, was ist bei der gestrigen Betriebsversammlung im Werk Lollar rausgekommen? „Alles ist nebulös. Aber die Geschäftsleitung hat deutlich gesagt, dass die Zahlen, die im Raum standen, nicht stimmen.“

von Marie Lisa Schulz

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