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„Für Veränderung braucht es Chaos“

„Nowa Job“ „Für Veränderung braucht es Chaos“

Einfach mal loslassen, 
einen Querdenker-Tag einlegen und „ein bisschen die Welt anzünden“ – das sind einige der Erfolgsrezepte, die Hermann Scherer den Besuchern der „Nowa Job“ im Cineplex mit auf den Weg gab.

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Charismatisch, emotional, lustig und nachdenklich gab Referent Hermann Scherer den Gästen der „Nowa Job“ im Cineplex viele Denkanstöße mit auf den Weg.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Der 52-Jährige gilt als einer der besten Redner der Republik. So war der Kinosaal im Cineplex prall gefüllt, denn Scherers Vortrag „Jenseits vom Mittelmaß – Spielregeln für die Spitzenposition in den Märkten von morgen“ bot zahlreiche Ansätze, die den Unternehmern zwar keine fertigen Lösungen präsentierten – jedoch reichlich Denkanstöße lieferten.

„Wir brauchen in den Märkten von heute mehr Aufmerksamkeit und mehr Sexyness“, sagte Scherer. Problematisch dabei sei, dass man gar nicht mehr in der Lage sei, Qualität zu messen. So habe beispielsweise die „Stiftung Warentest“ herausgefunden, „dass 80 Prozent aller Produkte gleich gut sind“ – so hätten sich etwa elektrische Rasierapparate in den vergangenen fünf Jahren nicht weiterentwickelt. „Und das nicht, weil die Entwickler versagt haben – sondern weil die Rasierer schon alles rasieren, was zum Zeitpunkt der Rasur gewachsen ist.“ Besser gehe es also nicht – „wir sind bei vielen Dingen am Ende unseres Kompetenzspektrums angelangt“. Es gelte also, den Nutzen zu kommunizieren. „Denn was nützt es, gut zu sein, wenn keiner es weiß?“, fragte Scherer.

Es gelte, Bedarfe zu antizipieren und auch im Service wesentlich freundlicher zu werden. Als Beispiel führte Scherer die USA an – zwar seien die Amerikaner mit ihrer Freundlichkeit sehr oberflächlich. „Aber mir ist doch eine oberflächliche Freundlichkeit immer noch viel lieber als eine individualisierte Unfreundlichkeit.“ Deutsche würden versuchen, Service zu theoretisieren, „dann schreiben wir Sätze in unsere Leitbilder wie ,Der Mensch steht im Mittelpunkt‘. Das haben die Kannibalen aber auch schon gesagt“, sagt Scherer – und erntet viele Lacher.

Außensicht ist wichtig – 
zu viel Fleiß indes schädlich

Es gelte, eine „Chancen-Intelligenz“ zu entwickeln, also Chancen bewusst zu sehen, zu erkennen und dann auch zu nutzen. Dies habe nichts mit Talent zu tun – „jeder Mensch kann alles tun, wenn er nur dranbleibt“. Wichtig, um sich vom Mittelmaß abzuheben, sei, „nicht viel im Unternehmen, sondern viel mehr am Unternehmen zu arbeiten – gehen Sie raus und stellen Sie sich die Frage: ,Was mache ich da eigentlich?‘“ Eine Außensicht sei wichtig, zu viel Fleiß sei gefährlich, denn „ein Hamsterrad sieht nur von innen aus wie eine Karriereleiter“, so Scherer.

In einem Schweigekloster habe er die Antwort auf die Frage erhalten, was denn Leistung sei: Potenzial minus Störfaktoren. „Man muss also in der Lage sein, die Störfaktoren auszuschalten. So habe eine Selbstanalyse Scherer gezeigt, dass nur 17 Prozent von dem, was er tue, wirklich Profit bringe – die anderen 83 Prozent nicht. Daher sollten such die Unternehmer ihre Tätigkeiten auf diese Effizienz hin prüfen. „Müssen Sie das tun, was Sie gerade machen? Machen Sie sich keine To-do-, sondern eine ,Not-to-do-Liste‘ – denn unser Leben ist voll genug“, verdeutlichte Scherer.

Für ihn sei „jedes Problem ein noch nicht gegründetes Unternehmen im Service oder Dienstleistung“. Manche Firmen lösten sogar Probleme, die man gar nicht habe. So sei beispielsweise die erfolgreichste Reiseagentur Europas eine Agentur, die Stofftiere auf Reisen schicke – „der Teddybär wird mit dem Bus ’rumgekarrt, an jeder Sehenswürdigkeit fotografiert – und zwei Wochen später bekommen sie Fotos und Vieh wieder zurück“. Mittlerweile gebe es Büros in 27 Ländern.

„Wir müssen Luftschlösser bauen. Denn Luftschlösser sind Visionen mit Handlungsauftrag“, sagte Scherer. Dazu gehöre aber auch, zu träumen – denn dadurch gewinne man Charisma. Auch Loslassen sei wichtig – „80 Prozent aller unternehmerischer Fehlentscheidungen entstehen, weil man an Gewohnheiten festhält“. Die Unternehmer sollten Querdenker-Tage einlegen und mit den Regeln brechen. „Für Veränderung braucht es Chaos“, sagte Scherer. Er entließ die Besucher mit der Aufforderung: „Gehen Sie raus und zünden Sie ein bisschen die Welt an.“

von Andreas Schmidt

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