Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Regenschauer

Navigation:
Für Betrugsvorwurf fehlen Beweise

Prozess Für Betrugsvorwurf fehlen Beweise

Betrug lautete der Vorwurf gegen eine ehemalige Mitarbeiterin eines Marburger Unternehmens, das Medizinprodukte vertreibt - Freispruch letztlich das Urteil des Marburger Amtsgerichts.

Voriger Artikel
Athletic-Gym unter neuer Leitung
Nächster Artikel
Asta sieht Rassismus bei Tegut

Für Medikamente gilt – wie auch für Schnelltests – ein Zulassungsverfahren. Weil die Zulassung für einen Prostata-Schnelltest fehlte, soll die Angeklagte einem Geschäftsmann Dokumente zugeschickt haben, die die Zulassung vorspiegelten.

Quelle: Matthias Hiekel

Marburg. Laut Anklage sollte die 33-Jährige 2011 zusammen mit ihrem Chef an einen Geschäftsmann aus Paris einen Schnelltest für Prostataerkrankungen verkauft haben. Dabei hätten die beiden dem potenziellen Käufer mitgeteilt, ­eine Zulassung des Tests werde in Kürze erwartet.

Dieser habe eine Anzahlung in Höhe von 5.000 Euro, etwa einem Drittel der Kaufsumme, geleistet. Später, so die Anklageschrift, hätten die beiden Dokumente sowie gekennzeichnete Verpackungen übersandt, die die - bis dahin immer noch nicht erfolgte - Zulassung vorspiegeln sollten, um den Rest des Geldes zu erhalten.

Die Angeklagte bestritt vor Gericht jede Betrugsabsicht. 2008 habe sie als studierte Geisteswissenschaftlerin mit einem Praktikum in dem Unternehmen in Marketing und Öffentlichkeitsarbeit angefangen, berichtete sie. Später sei sie mangels Personal im Qualitätsmanagement eingesetzt worden, ohne das gelernt zu haben.

Das Geschäftsmodell des Unternehmens bestehe darin, Produkte irgendwo einzukaufen, um sie dann unter eigenem Namen als Hersteller zu vertreiben. Der Schnelltest, der Grundlage des Prozesses war, sei aus Indien gekommen.

Anhand einer von einem externen Berater erstellten Liste habe sie - wie bereits bei vielen Produkten vorher - die Zulassung betrieben, so die Frau. Der beauftragte TÜV Rheinland habe aber anders als sonst und wie sie es dem Geschädigten auch mitgeteilt habe, länger gebraucht. Sie habe auf Anfragen nie behauptet, die Zulassung sei erfolgt. Eine E-Mail, in der das gestanden habe, stamme von ihrem Vorgesetzten.

Chef wurde bereits zu Schadenersatz verurteilt

Der 69-jährige geschädigte Unternehmer zeigte sich vor Gericht verwundert, dass die 33-Jährige und nicht ihr Chef angeklagt war. Das Verfahren gegen diesen ist gegen Zahlung einer Geldauflage eingestellt worden. Die Zivilkammer am Landgericht hat entschieden, dass er dem 69-Jährigen Schadenersatz zahlen muss (die OP berichtete). Um die Höhe streiten die Parteien noch.

Er gehe davon aus, so der Geschädigte, dass die Frau jegliche Korrespondenz mit ihm vorher mit ihrem Chef abgesprochen habe. Diesen habe er Anfang 2011 kennengelernt. Der Schnelltest, sagte der Zeuge, hätte hervorragend zu einem Nahrungsergänzungsmittel zur Vorbeugung von Prostataerkrankungen gepasst, das er verkauft habe - so sei man schließlich ins Geschäft gekommen.

Als er die Anzahlung geleistet habe, habe er gewusst, dass die Zertifizierung noch laufe. Später sei auch geliefert worden und er habe den Rest bezahlt. Zuvor habe er über einen Bekannten den Schnelltest auch in einer deutschen Apotheke kaufen lassen, er sei also auf dem Markt gewesen.

Nicht das erste Mal Produkte ohne Zertifikat vermarktet

Bei derartigen Produkten reiche es, wenn sie in einem anderen europäischen Land zugelassen sind, so sei er davon ausgegangen, den Prostatatest in Frankreich verkaufen zu können, was er zunächst auch getan habe.

Erst im Zivilprozess habe er erfahren, dass bis heute keine Zulassung vorliege, so der Zeuge. Er wisse, dass das Marburger Unternehmen nicht das erste Mal Produkte ohne Zertifikat auf den Markt gebracht habe. Dieses sei in einem anderen Fall erst Monate danach erteilt worden. Für den Prostatatest fehle die Zulassung bis heute.

Letztendlich forderte am Ende der Beweisaufnahme auch Staatsanwalt Christian-Konrad Hartwig Freispruch. Während Verteidiger Markus Plettenberg hervorhob, seine Mandantin habe nichts gewusst und auch keinen finanziellen Vorteil etwa durch Provisionen gehabt, mutmaßte der Staatsanwalt, „dass sie schon wusste, wo es hingeht“. Aber es mangele an Beweisen für einen Betrug.

Richterin Melanie Becker betonte den Plädoyers entsprechend, die Frau müsse freigesprochen werden, denn es habe sich gezeigt, dass alle relevanten Gespräche der Vorgesetzte geführt hatte.

von Heiko Krause

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr