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„Freiwillig“ oder mit Kündigung gehen

Pharmafirma GSK „Freiwillig“ oder mit Kündigung gehen

Der Stellenabbau droht: Die Verhandlungen zwischen GSK-Betriebsrat und Geschäftsführung gehen weiter. Unterdessen gab das Pharmaunternehmen auf Anfrage der OP bekannt, eine Produktion nach Ungarn zu verlagern.

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Das Pharmaunternehmen GSK, das Novartis Vaccines in Marburg gekauft hatte, will weltweit Stellen abbauen.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. „Es gibt ein Auf und Ab, aber wir sind auf einem guten Weg“, so Rechtsanwalt Alexei Padva, der den Betriebsrat vertritt und für ihn auch Anfragen der OP beantwortet. Nachdem der Pharmakonzern GlaxoSmithKline (GSK) im Dezember den Abbau von fast 270 Stellen in Marburg bekannt gegeben hatte, ringen Mitarbeiter und Firmenleitung um die Modalitäten.

Das Unternehmen hat angekündigt, dass Kündigungen nicht vor dem 30. September 2016 ausgesprochen werden. GSK will so viele Mitarbeiter wie möglich, mithilfe eines „Freiwilligenprogramms“ aus dem Unternehmen verabschieden. „Wir haben im Januar mit Informationsveranstaltungen zum Freiwilligenprogramm begonnen und haben im Februar entsprechende Gespräche mit Mitarbeitern geführt“, erklärt ein GSK-Sprecher.

Freiwilliges Ausscheiden birgt Riskiken

Im Mai, spätestens Juni sollen laut Betriebsrat die konkreten Pläne auf dem Tisch liegen, aufgrund von Kündigungsfristen müssen sie bis dahin auch feststehen. Sollte bis Ende September das Firmenziel – Reduktion um 180 Stellen in 2016 – nicht erreicht sein, werden betriebsbedingte Kündigungen zum Tragen kommen, erklärt GSK.

Erste Mitarbeiter haben nach Angaben des Unternehmens bereits erklärt, „freiwillig“ auszuscheiden. Wie viele dies sind, gibt die Pharmafirma nicht bekannt. Wer „freiwillig“ geht, bekommt zusätzlich zur Abfindung noch eine Prämie und einen Aufschlag – auf den ersten Blick ein verlockendes Angebot.

Doch es gibt Risiken: Wer noch keinen neuen Job in Aussicht hat, muss eventuell damit rechnen, dass er bis zu zwölf Wochen kein Arbeitslosengeld erhält – er ist ja „freiwillig“ gegangen und wurde nicht gekündigt. In solchen Fällen kann nämlich die zuständige Arbeitsagentur unter Umständen eine Sperrzeit verhängen, wenn kein wichtiger Grund für den Abschluss des Aufhebungsvertrages vorgelegen hat.

Außerdem müssen die Betroffenen erwägen, ob, wo und wie sie eine neue Stelle finden. Einige Mitarbeiter wollen zunächst abwarten, bis sie erfahren, ob eine Kündigung auf sie zukommen wird. Andere wollen so früh wie möglich Klarheit haben und den Aufhebungsvertrag annehmen, auch um Zeit für Bewerbungen zu gewinnen.

Stellenabbau hauptsächlich in der Produktion

Je nach persönlicher Ausgangssituation ist das „Freiwilligenprogramm“ für den einen eine Chance für einen Wechsel, für den anderen der sanfte, aber dennoch schmerzliche Ausstieg aus dem Berufsleben in Marburg. „Das Freiwilligenprogramm ist für die betroffenen Mitarbeiter nicht wirklich freiwillig, denn bei den meisten ausscheidenden Mitarbeitern wird ohnehin feststehen, dass ihre Stelle wegfällt“, erklärt Padva. Sprich: Das Freiwilligenprogramm schaffe „keinen Personalabbau auf Vorrat, sondern betrifft ausschließlich abzubauende Stellen nach konkreten Vorgaben des Konzerns“.

Der Stellenabbau soll hauptsächlich in der Produktion erfolgen. Befristete Verträge können bis zum 30. September theoretisch verlängert werden. Danach hätte der Betriebsrat damit aber grundsätzliche Probleme. „Wenn Kündigungen ausgesprochen werden, darf es auf der anderen Seite keine Vertragsverlängerungen geben“, sagt Padva.

Inzwischen stehen einige Eckpunkte fest, so Padva, beispielsweise dass der Betriebsteil in Holzkirchen geschlossen wird. 2010 hatte das damalige Unternehmen Novartis Vaccines den Teilbereich der klinischen Studien von Marburg nach Holzkirchen verlagert. Damit einher ging auch ein schrittweiser Personalabbau. Inzwischen arbeiten dort noch rund ein Dutzend Mitarbeiter. Die britische Konzernmutter möchte nun die klinischen Studien der Münchener GSK-Tochtergesellschaft zuweisen.

Produktionsverlagerung nach Ungarn

Wie viele Mitarbeiter nun tatsächlich nach München wechseln können und wie viele ihre Stelle verlieren, stehe noch nicht fest. „Ein großer Teil dieser Mitarbeiter wird wohl aus dem Unternehmen ausscheiden“, so Padva. Die Zerschlagung des Unternehmens in mehrere Betriebe an unterschiedlichen Standorten mache es unterm Strich für die Firma einfacher, später einzelne Betriebsteile aufzugeben.

Unterdessen erklärte am Dienstag das Marburger Unternehmen, dass „die Neuausrichtung des Standortes“ Fortschritte mache: Das GSK-Investmentboard habe seit Ende vergangenen Jahres Budgets für die Planung von zwei Produktionsanlagen auf dem Mars-Campus zur Herstellung von neuen Impfstoff-Antigenen freigegeben. „Es gibt auch konkrete Planungen für den Transfer einer Produktion von Marburg an den Schwesterstandort Gödöllö nach Ungarn.“ Weitere Details gibt es dazu nicht.

Der Standort Marburg leiste auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zur Optimierung des globalen GSK-Produktionsnetzwerks. Für GSK in Marburg bedeute dies eine bessere Auslastung der Produktionskapazitäten, eine Fortsetzung der Neuausrichtung des Standortes sowie einen weiteren Schritt zur Konsolidierung auf dem Mars-Campus.

„Diese Planungen unterstreichen die Absicht des GSK-Managements, umsatzstarke und innovative Produkte nach Marburg zu bringen. Wir alle, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, stellen uns mit der Neuausrichtung und Umstrukturierung einer neuen Aufgabe. Diese Aufgabe ist nicht leicht zu bewältigen, aber es gilt zuversichtlich und engagiert an sie heranzugehen“, erklärt der Marburger GSK-Geschäftsführer Jochen Reutter.

von Anna Ntemiris

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