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Fotograf sieht sich als Melkkuh

Pflichtmitgliedschaft in Handwerkskammer Fotograf sieht sich als Melkkuh

Jürgen Laackman, Inhaber eines Marburger Fotostudios, wettert gegen die Zwangsmitgliedschaft in der Handwerkskammer – denn diese erbringe für Fotografen keine Leistung.

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Jürgen Laackman, Fotograf und Inhaber eines Marburger  Fotostudios, wehrt sich gegen die Pflichtmitgliedschaft in der Handwerkskammer – er müsse bezahlen, ohne Leistungen zu erhalten.

Quelle: PSL Fotostudio Laackman

Marburg. Im Jahr 2004 ist der Meisterzwang im Fotografenhandwerk gefallen – durch die Novellierung der Handwerksordnung. Seither darf sich jedermann Fotograf nennen, und auch für die Selbstständigkeit ist ein Meistertitel keine Pflicht mehr.

Grund genug für den Fotografen Jürgen Laackman, den Berufsstand auch von der Pflichtmitgliedschaft in der Handwerkskammer zu entbinden. Doch das ist nicht geschehen. „Wir sind weiterhin die Melkkühe der Kammern, daher wollte man diesen Schritt nicht gehen“, sagt er.

Laackman betont, dass er prinzipiell nichts gegen die Handwerkskammer habe. „Ich wehre mich nur gegen die Pflichtmitgliedschaft“, sagt er im Gespräch mit der OP.

Aus seiner Sicht werde mit dem Zwang gegen geltendes Recht verstoßen. „Sowohl im Grundgesetz als auch in der Menschenrechts-Charta heißt es, dass niemand gezwungen werden darf, einer Vereinigung beitreten zu müssen – trotzdem sagt das Bundesverfassungsgericht, dass alles in Ordnung ist.“

Als Kaufmann habe er einmal gelernt, nur dann Geld zu bezahlen, wenn man auch eine Gegenleistung bekomme. Doch die vermisst der Fotograf. „Die Kammer bietet angeblich zahlreiche Vorzüge, wie beispielsweise eine kostenlose Rechtsberatung oder eine Betriebsberatung. Aber das benötige ich alles nicht“, sagt Laackman (kleines Foto: PSL Fotostudio Laackman).

Er fragt indes: „Wenn die Kammern einen so großen Vorteil bieten – warum braucht man dann einen Zwang? Dann müssten die Mitglieder doch auch freiwillig kommen.“ Er fände es auch toll, „wenn ich meine Kunden verpflichten könnte, dass sie zu mir kommen. Aber ich muss um die Kunden kämpfen. Und das müssen die Kammern nicht“.

Auch um die Ausbildung, mit der sich die Handwerkskammer rühme, sei es bei den Fotografen schlecht bestellt. „Die nächste Berufsschulklasse befindet sich mittlerweile in Frankfurt, die Ausbildungszahlen gehen stetig zurück“, weiß er. „Und einen Azubi muss ich dann zum Blockunterricht schicken, wenn bei uns richtig was los ist – zum Beispiel zu Weihnachten, wenn die jungen Leute richtig viel Erfahrung mit der Kamera sammeln können und im Betrieb das Geld verdient wird.“

Als Konsequenz die Ausbildung eingestellt

Die überbetriebliche Ausbildung sei kaum noch zu bezahlen – und auch nicht mehr zeitgemäß. „Dort wurden bis vor wenigen Monaten sogar noch Laborkurse für Schwarz-Weiß-Fotografie angeboten, das spielt im täglichen Geschäft überhaupt keine Rolle mehr“, sagt Laackman.

Auch die Hilfe bei Fragen rund um die Ausbildung halte sich in Grenzen. Einmal habe er wissen wollen, wie hoch die Kosten für die Zwischenprüfung seien – und bekam die Antwort „So zwischen 200 und 400 Euro, glaube ich – schauen Sie doch einfach auf unserer Webseite.“

Laackman habe daraus die Konsequenz gezogen, dass er nun auch nicht mehr ausbilde. Denn durch den Wegfall des Meisterzwangs ergäben sich für ihn als Ausbildungsbetrieb durchaus Gefahren.

„Würde ich einstellen, dann könnte der Azubi ja nach wenigen Wochen aufhören. Denn er muss die Ausbildung ja nicht zum Ende bringen und könnte sagen: ,Och, jetzt weiß ich ein bisschen, wie‘s geht, die Kundenkartei von meinem Chef kenne ich auch – also baue ich mein Garagenstudio auf und biete die Leistungen für die Hälfte an.‘“

Durch die Novellierung der Handwerksordnung werde jedem auch die Möglichkeit des Nebenerwerbs geboten. „Da gibt es Leute, die sind vormittags berufstätig und nachmittags Hochzeitsfotografen. Die lassen sich ihr Hobby bezahlen und gehen mit Preisen auf den Markt, die ich nicht halten kann. Denn vormittags sind sie ja bereits durch ihren Job alimentiert“, sagt Laackman.

Laackman fordert „gleiche Marktbedingungen für alle“

Das seien die Sparringspartner, mit denen er sich messen müsse. „Die zahlen aber auch keine Handwerkskammerbeiträge. Und wenn, dann nur den Mindestbeitrag und verschaffen sich mit dem Zusatz ,Mitglied in der Handwerkskammer‘ auf ihrer Homepage den Anstrich der handwerklichen Ausbildung.“

„Nichts gegen Autodidakten, die können richtig gut sein“, sagt Jürgen Laackman. „Aber dann möchte ich auch genauso gestellt sein wie der Autodidakt und nicht noch zusätzliche Kosten haben wie Kammerbeiträge oder Beiträge zur Berufsgenossenschaft – gleiche Marktbedingungen für alle“, fordert er.

Wie hoch seine jährlichen Kammerbeiträge sind, möchte er nicht sagen. Die Beiträge bei der Handwerkskammer Kassel richten sich laut Beitragsbeschluss nach dem Umsatz des Unternehmens und sind gestaffelt, reichen von 171 Euro bis zu 610 Euro. Hinzu kommt ein Zusatzbeitrag von 0,75 bis 0,85 Prozent des Umsatzes. „Wenn ich also mehr verdiene, muss ich auch mehr bezahlen – ohne mehr Leistungen zu bekommen“, verdeutlicht der Studio-Inhaber.

Dem Fass den Boden ausgeschlagen habe ein Kursangebot der Handwerkskammer: „Dort wurde Betrieben gezeigt, wie sie Fotos für ihre Homepage selbst machen können. Unsere eigene Organisation nimmt den Berufsfotografen also die Butter vom Brot.“

Handwerkskammer weist Kritik zurück

Dass sich durch seinen Protest etwas ändert, glaubt Jürgen Laackmnn nicht. „Die Abschaffung des Kammerzwangs werde ich nicht mehr erleben – aber vielleicht höhlt der stete Tropfen ja den Stein.“ Die Kammern hätten eine zu große Lobby, seien auch auf politischer Ebene zu gut vernetzt, als dass sich etwas ändern würde.

Den Protest kann Eberhard Bierschenk, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Kassel, nicht nachvollziehen. „Es gibt eine gesetzliche Grundlage – und die hat ihren Sinn. Dass die Meisterpflicht abgeschafft wurde, ging ja nicht auf uns zurück, sondern wurde uns von der Politik eingebrockt“, sagt er auf Anfrage der OP.

Die Pflichtmitgliedschaft zu erhalten mache dennoch Sinn, „damit wir mit der Interessenvertretung auch im politischen Bereich weiter aktiv sein können“. Man habe nur die Möglichkeit, wirklich etwas zu bewegen, „wenn alle Gewerbetreibenden auch hinter uns stehen. Wir kümmern uns um Themen wie Mindestlohn, Erbschaftssteuer und vieles mehr“, so Bierschenk.

Dass Laackman nicht mehr ausbilde, führe dazu, dass die Ausbildungszahlen im Handwerk weiter sänken. „Aber langfristig werden die Betriebe ohne Fachkräfte nicht auskommen. Das ist also eine sehr kurzfristige Sichtweise.“

Bierschenk: Kammer erbringt kostenfreie Leistungen

Die Diskussion um die Zwangsmitgliedschaft mache ihn nicht müde, vielmehr „sind wir dabei, diese kritischen Stimmen vielleicht doch noch zu überzeugen, dass die Pflichtmitgliedschaft sinnvoll ist“. Die Kammer erbringe kostenfreie Dienstleistungen für die Mitglieder – und diese würden von 30 bis 40 Prozent der Mitglieder in Anspruch genommen.

„Wenn ich die Dienstleistungen nicht in Anspruch nehme, kann ich natürlich schnell fragen, wofür ich Beiträge zahle“, sagt Bierschenk. Doch handele es sich „um eine Holschuld – wir können bei 16.000 Betrieben nicht jeden fragen, ob wir behilflich sein können“. Man unterhalte etwa auch die ganzen Prüfungsausschüsse, „das geht nur durch die Organisation. Das kann man natürlich auch alles abschaffen – aber dann macht‘s der Staat, und dann wird‘s noch teurer“, so Bierschenk.

Man nehme durch die Ausbildung staatliche Aufgaben wahr – dafür benötige man eine Legitimation. „Wenn wir eine freiwillige Mitgliedschaft hätten, dann bestimmen diejenigen, die Beitrag bezahlen, die Politik.“ Durch die Pflichtmitgliedschaft sei man in den Entscheidungen unabhängig, weil durch Gremien entschieden würde – die seien nur dann sinnvoll, wenn alle Mitglied seien und somit Einfluss nehmen könnten. „Eine Beliebigkeit bringt uns nicht weiter.“

von Andreas Schmidt

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