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Förderung sollte nur ein Anreiz sein

Arbeitsagentur: Business Talk Förderung sollte nur ein Anreiz sein

Bei der Beschäftigung von Behinderten gibt es viele Fehleinschätzungen. 
Um Arbeitgeber über das ­Thema Inklusion zu informieren, lud die Arbeitsagentur Marburg zum „Business Talk“ ein.

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Marion Guder (von links) vom Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur interviewte Dr. Kartazyna Kalka und Christina Stockmann zu ihren Erfahrungen in der Bewerbungsphase.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. „Wir haben gezielt ein Thema gewählt, das gesellschaftspolitisch und wirtschaftlich von besonderer Bedeutung ist. Und es wird bei der Suche nach Fachkräften und deren produktive verlässliche Einbindung in den Betrieb immer brisanter“, sagt Agenturleiter Volker Breustedt.

„Eine Arbeitsgesellschaft mit knapper werdenden Fachkräften kann es sich nicht leisten, Chancen zu vertun; verantwortliche Personalentscheider werden zukünftig noch mehr lernen, die Potenziale von Menschen mit Behinderung zu nutzen“, ist er sich sicher.

Letztendlich sei es bei der Einstellung nicht wichtig, ob ein Bewerber eine Schwerbehinderung habe oder nicht. „Es kommt letztlich darauf an, ob der Mensch, den Sie beschäftigen, seine Arbeit gut macht und Sie ihn gebrauchen können – das sollte das Entscheidende sein“, ermunterte Breustedt die rund 50 Arbeitgeber, die zum „Business-Talk“ in die Agentur gekommen waren.

Vielfältige Hilfen 
auch für den Arbeitsplatz

Zunächst gab Gerhard Wenz, Bereichsleiter der Marburger Arbeitsagentur, einen Überblick über die Förderungen vonseiten der Agentur. Wenz erläuterte, dass die Arbeitsagentur sowohl die Einstellung von Menschen mit Behinderungen als auch bestehende Arbeitsverhältnisse finanziell fördern könne. „Wir können beispielsweise eine Probebeschäftigung finanzieren“, so Wenz.

Diese könne bis zu drei Monate dauern, dabei übernehme die Agentur sowohl das Gehalt als auch den Arbeitgeberanteil zur Sozialversicherung. „Es gibt aber auch die Eignungsabklärung oder ein betriebliches Praktikum bis zu acht Wochen“, so Wenz – dann würde die Agentur das Arbeitslosengeld weiter bezahlen und die Fahrtkosten des Praktikanten übernehmen.

Und auch, wenn die Einstellung erfolgt ist, kann die Agentur bis zu 36 Monate eine Unterstützung zahlen – abhängig von einer eventuellen Minderleistung. Und bei Auszubildenden kann ebenfalls ein Zuschuss von bis zu 60 Prozent der Vergütung gezahlt werden.

Diana Hartgen vom Landeswohlfahrtsverband Hessen informierte die Zuhörer rund um die Unterstützung durch das Integrationsamt. Sie erläuterte, dass es auch von dieser Seite zahlreiche Unterstützungen gebe, um beispielsweise den Arbeitsplatz eines behinderten Arbeitnehmers auf dessen Bedürfnisse anzupassen.

Hartgen räumte auch mit einem wichtigen Vorurteil auf: Dass nämlich Behinderte quasi „unkündbar“ wären. Ja, im Falle einer Kündigung sei das Integrationsamt einzuschalten, das dann die Gründe bewerte und der Kündigung dann die Zustimmung erteile oder sie ablehne. „Dadurch kann eine Kündigung zwar länger dauern, da das Integrationsamt erst prüfen und Stellungnahmen einholen muss“, sagte Hartgen. Doch dies bedeute nicht, dass man auf der Seite des Gekündigten stehe. „Viel wichtiger ist es, einen Konsens zu erzielen und dazu alle Beteiligten an einen Tisch zu holen“, sagte Hartgen.

Projekt der Blista führte zum Erfolg

Dass die Jobsuche für Schwerbehinderte nicht leicht ist, verdeutlichten Dr. Kartazyna Kalka und Christina Stockmann. Die sehbehinderte Kalka erläuterte, dass vom Abschluss ihrer Promotion bis zum Job letztendlich 15 Jahre vergangen seien. Praktika, Dozenten-Tätigkeiten, Aushilfs-Jobs – „ich war immer sehr aktiv und habe viele Bewerbungen geschrieben“, sagt sie. 2008 habe sie alleine 120 Bewerbungen geschrieben und nicht eine Einladung zum Vorstellungsgespräch erhalten.

„Ich denke schon, dass meine Behinderung eine sehr große Rolle gespielt hat“, erzählt sie. Sie qualifizierte sich weiter, absolvierte eine Ausbildung als Junior-PR-Beraterin. „Eigentlich sollte eine Übernahme erfolgen, aber dazu kam es wieder nicht“, sagt Kalka. Letztendlich habe ein Projekt der Blista zum Erfolg geführt, mittlerweile arbeitet sie beim Deutschen Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf.

Die 56 Jahre alte Christina Stockmann hat ein abgeschlossenes Studium und arbeitete als Buchhändlerin, als sie vor zwölf Jahren erkrankte und so arbeitslos wurde. Es folgten mehrere befristete Stellen und geringfügige Beschäftigungen – durch das Projekt „In“ fasste sie wieder Mut, erhielt eine Stelle und arbeitet nun beim Amtsgericht Marburg.

Bei anschließender Diskussion zeigte sich, dass viele regionale Arbeitgeber sich mit dem Thema Inklusion beschäftigen: Das Thema ziehe sich durch alle Arbeits- und Gesellschaftsbereiche.

von Andreas Schmidt

 
 
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