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„Flüchtlinge brauchen realistische Perspektive“

Professor Dietrich Thränhardt „Flüchtlinge brauchen realistische Perspektive“

„Wir müssen die herrschende Willkommenskultur in eine Willkommensstruktur führen“, sagt 
Professor Dietrich Thränhardt. Dann könne die 
Integration der Flüchtlinge gelingen.

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Der emeritierte Professor Dietrich Thränhardt sprach zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Der emeritierte Professor für Migrationsforschung an der Universität Münster arbeitete unter anderem an der Bertelsmann-Studie zur Arbeitsintegration von Flüchtlingen in Deutschland mit. Thränhardt verdeutlichte, dass „Arbeit, Verdienst und Einkommen eigentlich den Status und das Lebensgefühl des Einzelnen bestimmen – und auch, wie er sich selber betrachtet und dass er ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft ist“.

Deutschland befände sich allerdings derzeit in der Situation, viele Flüchtlinge aufzunehmen – das Land sei aber offenbar nicht in der Lage, „diese Menschen in die Normalexistenz zu überführen“, etwa aufgrund von bürokratischen Hemmnissen. Hauptursächlich dafür seien die „mangelnde Arbeitsleistung des Innenministeriums und des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf)“, so Thränhardt.

Asylverfahren müssten dramatisch beschleunigt werden. Er wisse von einem Fall, in dem ein syrischer Asylbewerber im August die Mitteilung erhalten habe, er könne am 26. Mai 2016 seinen Antrag stellen. Derzeit seien rund 300 000 Asylverfahren anhängig, „die Bewerber werden also stillgelegt“, so Thränhardt. Und die „Bearbeitungslücke“ werde wohl auf 500 000 oder mehr ansteigen.

Große Flüchtlingslager verhindern Integration

Zahlreiche Probleme seien hausgemacht: So sei etwa das Fingerabdruck-System von der Bundespolizei nicht mit dem des Bamf kompatibel – die Fingerabdrücke müssen also zweimal erfasst werden. Durch den Bearbeitungsstau könnten die Anerkennungsverfahren nicht abgeschlossen werden – man arbeite mit einem „ständigen Provisorium“, das verzögere auch die Integration „in Sprache, Arbeit und Bildung“.

Wichtig seien schnelle Asylverfahren, das Erlernen der deutschen Sprache und dann einen Ausbildungs-, Studien- oder Arbeitsplatz zu finden. Dadurch bekämen die Flüchtlinge einen „Platz im Leben der Gesellschaft“ sowie Selbstachtung und Anerkennung. Ebenfalls spiele der Kontakt mit der deutschen Gesellschaft eine große Rolle – große Flüchtlingslager seien daher der falsche Weg für eine schnelle Integration, da sie diesen Kontakt verhinderten.

„Die allermeisten Flüchtlinge werden bleiben“, ist sich Thränhardt sicher. Daher gehe es um „endgültige Integration – die Flüchtlinge brauchen eine realistische Perspektive“, fordert er. Dazu gehöre auch die Arbeit. „Menschen, die Arbeit finden, werden nicht mehr als Hilfsbedürftige angesehen“, unterstrich er. Dabei spiele die Anerkennung bisheriger Qualifizierungen eine große Rolle – „das duale Ausbildungssystem ist den Flüchtlingen völlig unbekannt“.

Bei uns stelle man sich unter einem Friseur jemanden vor, „der drei Jahre ausgebildet ist – und nicht so sehr jemanden, der dieses Handwerk effektiv beherrscht“. Dabei gebe es zahlreiche Flüchtlinge, die jahrelang in ihrem Beruf gearbeitet hätten, „sie können das also, haben aber kein Diplom“. Diese Menschen müsse man dennoch mitnehmen, „wir müssen das Anerkennen von effektiv geleisteter Arbeit lernen“, so Thränhardts Forderung.

Flüchtlinge zeigen „großen Willen, etwas zu leisten“

Es gelte also, die Fähigkeiten der Menschen herauszufinden und sie dann diesen Fähigkeiten entsprechend einzusetzen. „Es muss ein Matching von Arbeitsbedarf und Angebot stattfinden“, ist sich Thränhardt sicher.

Der Wissenschaftler erinnerte daran: „Auch nach dem Krieg hat man zum Wiederaufbau sehr viele Menschen eingesetzt, die keine Ausbildung hatten. Diese haben letztendlich zu einem großen Teil das Wirtschaftswunder realisiert.“
Die Flexibilität der Flüchtlinge biete eine Chance für die Wirtschaft, denn sie bewiesen, dass „sie einen großen Willen haben, etwas zu leisten“.

von Andreas Schmidt

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