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Fleißige Bakterien machen Müll zu Gas

Kompostierungsanlage Cyriaxweimar Fleißige Bakterien machen Müll zu Gas

Salat und Gemüse, Nudeln und Grasschnitt: Kompostierbare Abfälle sind nicht nur wertloser Müll. Für die Stadtwerke Marburg sind sie Rohstoffe, aus denen sie Wärme und Strom gewinnen.

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Anlagenbetreiber Sven Bratek steht in der 350 Tonnen fassenden Anlieferungshalle: Hier landet der Bio-Müll, der für die Kompostierungsanlage ein wertvoller Rohstoff ist.Fotos: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Der Mülltransporter fährt rückwärts in eine Halle, kippt seine Fracht ab. Faulig riecht es - kein Wunder, hat das orange Fahrzeug doch mehrere Tonnen Bio-Müll an Bord.

Was das kleine Müllauto in der riesigen Halle abgekippt hat, nimmt sich verschwindend gering aus: Fasst die Halle doch 400 Kubikmeter oder 350 Tonnen Bio-Müll. „Das entspricht 20 richtig vollen Müllautos“, sagt Sven Bratek. Er ist Leiter der Kompostierungsanlage in Cyriaxweimar, die von der städtischen Marburger Entsorgungs-GmbH (MEG) betrieben wird.

Der Geruch in der Halle ist, gelinde gesagt, streng. „Hier ist der Bio-Abfall der Stadt Marburg drin“, sagt Bratek. Doch nicht nur „Bio“ landet in der Halle: Zigarettenschachteln, Plastiktüten, Blumentöpfe - in den grünen Tonnen landet viel, was nicht hineingehört. Diese „Störstoffe“ bereiten Bratek und seinem Team manchmal Kopfzerbrechen. „Solche Kleinigkeiten können wir noch tolerieren“, sagt er. Doch es sei unvorstellbar, was sich in den Tonnen so alles finde.

„Wir haben hier schon Kaffeemaschinen oder ganze Computer gefunden, die nur mit einer Grasschicht abgedeckt waren - manchmal frage ich mich, wie die Leute das in die Tonne bekommen.“ Und besonders schlimm werde es bei Benzinkanistern oder gar Altöl - „dann ist hier wirklich Alarm“, sagt Bratek.

Anlage produziert bis 3000 Kubikmeter Gas am Tag

Er schließt das große Tor wieder, die „Dunstwolke“ verfliegt recht schnell. Denn die Luft in der Halle wird abgesaugt und über Bio-Filter gereinigt. Der Rohstoff Bio-Müll wandert von der Anlieferungshalle in die sogenannten „Fermenter“. Das sind die Vergär-Anlagen, in denen durch die Berieselung mit Wasser und das Beheizen aus dem Abfall Bio-Gas entsteht. Die Arbeit erledigen dabei größtenteils Bakterien, die den Bio-Abfall zersetzen. Und diese finden durch Feuchtigkeit und Wärme optimale Bedingungen vor. Luft und Licht brauchen sie dazu nicht.

Fünf dieser Fermenter gibt es in Cyriaxweimar. Doch die laufen nicht alle ständig, sondern nacheinander im so genannten „Batch“-Betrieb. Wichtig sei es nicht, möglichst schnell möglich viel Gas zu erzeugen - sondern kontinuierlich. „Es bringt ja nichts, wenn wir an einem Tag 6000 Kubikmeter Gas erzeugen und am nächsten nur 1000“, erläutert Jürgen Wiegand, Geschäftsführer der MEG. Die Bakterien im Fermenter sind äußerst fleißig: Der Output der Anlage liege bei „kontinuierlich zwischen 2500 und 3000 Kubikmetern am Tag“, so Wiegand.

"Perfekter, natürlicher Kreislauf"

Unter den sichtbaren Anlagen befindet sich die Technik: Ein auf den ersten Blick unübersichtliches Gewirr von Pumpen und Edelstahlrohren läuft durch einen großen Raum. „Zuluft, Abluft, Flüssigkeiten und das Biogas - alles, was in die Anlage rein- oder aus ihr rausgeht, wird hier kontrolliert“, erläutert Bratek. Wichtig dabei: Alles wird per Druckluft gesteuert. Denn im Falle eines Unfalls könnten Funken durch elektrische Anlagen zur Katastrophe führen.

Durch die Rohre wird das Gas in den Speicher geleitet - im Prinzip ein großer Sack, der sich je nach Füllstand ausdehnt oder zusammenzieht. 1200 Kubikmeter fasst er und ist für die Versorgung von zwei Blockheizkraftwerken am Tannenberg zuständig. Diese versorgen 400 Haushalte im Stadtwald mit Strom und Wärme.

Doch für die Bio-Abfälle ist es nach ihrem „verdaut Werden“ durch die Bakterien noch längst nicht das Ende: Die Reste werden in der Kompostierungsanlage weiter aufgearbeitet und zu Erde und Kompost verarbeitet, landen als Rohstoff in der Natur. „Das ist ein perfekter, natürlicher Kreislauf“, sagt Bratek.

von Andreas Schmidt

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