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Firmenchef sieht Existenz bedroht

Altkleider-Sammlung in der Kritik Firmenchef sieht Existenz bedroht

„Wir Altkleider-Verwerter sind keine Verbrecher. Aber die gesamte Branche leidet unter den Machenschaften der schwarzen Schafe“, sagt der Sterzhäuser Unternehmer 
Oktay Aksöz.

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Oktay Aksöz hat bundesweit rund 800 Container aufgestellt – auch im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes. Doch die illegalen Sammler machen ihm das Geschäft schwer.

Quelle: Andreas Schmidt

Sterzhausen. Seit mehr als 30 Jahren ist Oktay Aksöz im Geschäft mit Altkleidern aktiv: Er stellt Container auf, lässt die Textilien abholen, sortiert sie in seiner Firma in Sterzhausen und verkauft sie dann.

„Es wird immer so hingestellt, als ob das Sammeln ein Verbrechen wäre. Dabei ist es ein ganz normaler Markt, an dem jeder mitverdient – auch etwa das Rote Kreuz, Kommunen oder Städte“, sagt er.

Doch seit geraumer Zeit läuft das Geschäft schlecht. Denn 
illegal aufgestellte Container – wie etwa von der Firma DTRW – vermiesen dem Sterzhäuser das Geschäft. „Ich bekomme kaum noch Ware, musste schon zahlreiche Leute entlassen – nur, weil ich mich an das Gesetz 
halte“, sagt Aksöz.

Dass gegen DTRW nun gleich durch zwei Regierungspräsidien Sammelverbote ausgesprochen wurden, kann den Sterzhäuser nicht beruhigen. „Wenn DTRW nicht mehr sammeln darf, dann eben eine der zahlreichen anderen Firmen des Geschäftsführers“, sagt Aksöz. Seines Wissens nach habe Viktor Nowakowski rund 15 Firmen. „Und wenn er nicht mehr darf, dann springt der Vater ein, oder der Bruder.“

Ein Blick in die Handelsregister-Suche offenbart: Viktor N. ist bei zahlreichen Firmen rund um das Altkleider-Geschäft als Prokurist eingetragen – mal sind die Firmen erloschen, mal in 
anderen Unternehmen aufgegangen. „Warum reagieren die Behörden da nicht? Das muss denen doch auch bekannt sein“, sagt Aksöz.

Grundstücksbesitzer beschweren sich bei Aksöz

Er kennt die Preise, die sich mit den Containern erzielen lassen. „Pro Container sind es etwa 5000 Euro im Jahr“, sagt Aksöz. DTRW hat bundesweit laut eigenen Angaben 12.000 Container aufgestellt – „macht 60 Millionen Euro“, rechnet Aksöz vor. Die DTRW-Bilanz von 2014 weist nach OP-Recherchen eine Bilanzsumme von 3,5 Millionen Euro aus. „Wo ist das Geld?“, wundert sich Aksöz.

Doch es gibt noch weitere Punkte, die den Sterzhäuser 
Unternehmer ärgern: Die Container als solche. „Meine Container sind alle geprüft und 
entsprechen den gängigen Vorschriften, ich lasse sie in Bremen bauen – für etwa 500 Euro pro Stück“, sagt er.

Nowakowski hingegen lasse die Container für wenige Euro von einem Subunternehmen bauen. Er habe zunächst eine Halle in Steinperf, dann in Hartenrod gehabt. „Und jetzt findet der Bau im alten Stahlwerk in Goßfelden statt“, weiß der Unternehmer.

Das bestätigt offenbar auch die Kontrolle des Zolls vor wenigen Wochen: Als die Beamten in der Firma waren, die gerade umgebaut wird, seien dort zwei Männer mit dem Schweißen von Containern beschäftigt gewesen, teilte damals Pressesprecher Michael Bender mit. Allerdings seien die Zöllner davon ausgegangen, dass die Männer Container reparieren würden.

Was Oktay Aksöz ebenfalls ärgert, ist, dass sein Unternehmen zur Rechenschaft gezogen werden soll, wenn die illegal aufgestellten DTRW-Container irgendwo auftauchen. „Auf ihnen befindet sich ein Aufkleber, der besagt, dass sie nur von Lastwagen mit Marburger Kennzeichen geleert würden“, sagt Aksöz.

Bürgermeister: DTRW machte bestes Angebot

Die Firmen-Angaben mit Telefonnummern führten oft ins Leere, „also googeln die Leute nach Textilverwertung und Marburg – und landen bei uns. Erst vor kurzem hat ein Mann aus Bremen bei uns angerufen, weil auf seinem Grundstück über Nacht 40 Container aufgestellt wurden. Damit hatten wir jedoch nichts zu tun.“ Seine Container indes würden mit korrekten Firmendaten und Telefonnummern bestückt – „ganz transparent, so, wie es vorgeschrieben ist“.

Doch bei Ausschreibungen für Stellplätze zieht Aksöz mit seiner Firma immer häufiger den Kürzeren, „denn dann kommt DTRW, bietet 30 Euro mehr – und ich schaue in die Röhre. Der Ehrliche ist eben immer der Dumme.“ Selbst in der Gemeinde Lahntal sei er nicht berücksichtigt worden, „obwohl ich hier seit mehr als 30 Jahren Steuern zahle.“ Den Zuschlag bekam DTRW.

Manfred Apell, Bürgermeister der Gemeinde Lahntal, erläutert auf Anfrage der OP, dass es damals etwa fünf Bewerber auf die Ausschreibung gegeben habe – den Zuschlag habe DTRW erhalten, weil das Unternehmen den höchsten Preis geboten habe.

Aksöz sagt: „Die haben ihre Container aufgestellt, mit einem Aufkleber ,Im Auftrag der Gemeinde Lahntal‘. Den mussten sie aber wenigstens ändern. Aber das ist nur ein schwacher Trost.“ Wie lange er seinen Betrieb noch aufrechterhalten kann, weiß er nicht – er musste schon viele Mitarbeiter entlassen. „Aber ich werde nicht aufgeben“, gibt er sich kämpferisch.

von Andreas Schmidt

 
Hintergrund
Sowohl das Regierungspräsidium (RP) Kassel als auch das RP Gießen haben für das Unternehmen DTRW ein Sammelverbot verhängt – wegen Unzuverlässigkeit aufgrund zahlreicher illegal aufgestellter Container. Das Unternehmen ist gerichtlich gegen diese Entscheidungen vorgegangen – bis ein Urteil gefällt ist, darf es also weiter sammeln.
 
Eine Mitarbeiterin sortiert im Textilwerk von Oktay Aksöz in Sterzhausen die eingegangene Ware. Foto: Andreas Schmidt
 
 
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Michael Meinel, Kreistagsabgeordneter der Grünen und Abfall-Experte, sieht in dem Verhalten der illegalen Altkleider-Sammler ein „gemeinwohlschädigendes Geschäftsmodell“.

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