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Fazit: Wechsel im Unternehmen braucht Zeit

Vortragsabend „Meine Agenda 2022“ Fazit: Wechsel im Unternehmen braucht Zeit

Ein ertragsstarkes Unternehmen in gute Hände abzugeben – so einfach 
ist es nicht mit der Unternehmensnachfolge. Ein reibungsloser Führungswechsel braucht vor allem Zeit.

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Tipps zur lukrativen Unternehmensnachfolge gaben vor 40 Zuhörern Carsten Heustock (von links), Michael Bartels, Manuel Siemes, Stefan Pieh, Achim Böller und Dr. Randolf Boetzkes.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Für wohl jeden Unternehmer kommt irgendwann die Zeit, einen Nachfolger für das eigene Geschäft zu finden. Denkanstöße dazu und Tipps für einen reibungslosen Führungswechsel gaben vier Experten aus der Wirtschaftswelt. Eine Firmenübergabe benötigt gründliche Vorbereitungszeit. Und die beginnt durchaus bereits fünf Jahre vor dem geplanten Ausstieg, sagt die Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg, die zu dem Vortragsabend „Meine Agenda 2022“ eingeladen hatte. Die Referenten, Rechtsanwalt Dr. Randolf Boetzkes, Wirtschaftsprüfer Achim Böller, Sparkassen-Kundenberater Stefan Pieh und Michael Bartels, Lehrbeauftragter der Technischen Hochschule Mittelhessen, beleuchteten das Thema von allen Seiten.

Die richtige Strategie für die Unternehmensnachfolge beginnt mit einem Businessplan – „ein wesentlicher Eckpunkt, um das Unternehmen überhaupt kommunizierbar zu machen“, hob Bartels hervor. Über ein anfangs noch anonymes Unternehmensprofil kann sich die Firma somit potenziellen Käufern präsentieren und in erste Verhandlungen einsteigen. Für gegenseitige Absicherung sorgt eine Vertraulichkeitserklärung, später die Absichtserklärung, so ein Tipp des Referenten.

Abgabe im Paket 
 oder schrittweise

Die Abgabe der eigenen Firma kann dabei im ganzen Paket oder auch schrittweise auf Raten erfolgen, etwa durch Verpachtung oder eine Beteiligung an Personen- oder Kapitalgesellschaften, berichtete Böller. Um die eigenen Ziele, wie die Sicherung des Unternehmens, den Erhalt der Arbeitsplätze oder die eigene Rente zu sichern, sind zahlreiche rechtliche und wirtschaftliche Gesichtspunkte zu beachten. Soll das Unternehmen einmal an einen Verwandten übergehen, kommt das Erbschaftsrecht hinzu. Das Betriebsvermögen ist steuerfrei, die anfallende Steuerpflicht richtet sich bekanntlich nach der eigenen Steuerklasse, dem Unternehmenswert, bei Familienmitgliedern nach dem Verwandtschaftsgrad und entsprechenden Freibeträgen.

Wichtiger Eckpunkt bei jedem Unternehmerwechsel ist die wirtschaftliche Ertragsfähigkeit, die potenzielle Käufer wie eventuell die Finanzierungsbank prüfen dürfte. Die Ermittlung des gemeinen Werts des Unternehmens kann mit verschiedenen Methoden erfolgen. Entweder über eine Ableitung von kürzlichen Verkäufen, über das umsatzorientierte Multiplikatorverfahren sowie über das klassische oder vereinfachte Ertragswertverfahren nach dem Bewertungsgesetz, so der Steuerberater. Letzteres multipliziert den künftigen Jahresertrag mit dem Kapitalisierungsfaktor, der aus Basiszins und Risikozuschlag entsteht.

„Potenzielle Nachfolger rar gesät“

„Je mehr Kapitalisierungsfaktor, desto höher steigt der Unternehmenswert“, fasste Böller zusammen. Verkäufer eines Unternehmens sollten sich ebenso mit Fachwissen über diverse gesetzliche Steuererleichterungen, wie der Steuerbefreiung des sogenannten „begünstigten Vermögens“, befassen. Ein weiterer Steuertipp des Experten ist die Reduzierung von Verwaltungsvermögen, bei Kapitalgesellschaften etwa die Gewinnausschüttung vor dem Verkauf. Der schlussendlich erzielte Veräußerungsgewinn, also der Kaufpreis des Unternehmens minus Eigenkapital, unterliegt der Einkommensteuer. Nicht zu vergessen hierbei seien die Veräußerungskosten des ganzen Prozesses.

Die gesamte Strategie der Unternehmensnachfolge, von ersten Überlegungen, bis zum Vertragsabschluss, ist umfangreich und vielschichtig und kann Jahre in Anspruch nehmen, so ein Fazit des Abends. Hinzu komme die aktuelle Marktlage und eine wahre „Verkaufswelle“ der vergangenen Jahre, betonte Carsten Heustock von der IHK. Potenzielle Unternehmensnachfolger seien rar gesät – auf einen Käufer kämen derzeit fünf bis sechs Verkaufsunternehmen. „Die Botschaft des Tages lautet: Es ist ein Prozess und der braucht Zeit“, fasste Heustock das Thema zusammen.

von Ina Tannert

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