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Fast 70 Mitarbeiter müssen gehen

Firma BTF Fast 70 Mitarbeiter müssen gehen

Die Belegschaft hatte es befürchtet, nun ist es Gewissheit: Mehr als 60 Mitarbeiter von zwei traditionsreichen heimischen Elektro-Unternehmen verlieren ihre Jobs.

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Nach der Übernahme durch Sonepar stehen bei BTF in Cölbe und HEG in Marburg Entlassungen an.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Im vergangenen Juli wurde die Unternehmensgruppe BTF mit Stammsitz in Cölbe und sieben Niederlassungen in Nordhessen und Thüringen, die HEG mit Sitz in Marburg und die Firma Bähr in Mannheim von der Sonepar Deutschland GmbH übernommen ( die OP berichtete).

Sonepar ist nach eigenen Angaben „Marktführer im deutschen Elektrogroßhandel“, beschäftigt demnach rund 5000 Mitarbeiter und erzielt einen Jahresumsatz von rund drei Milliarden Euro.

Mitte März ging in den Belegschaften von BTF und HEG allerdings die Angst um: Die Mitarbeiter fürchteten um ihre Arbeitsplätze, da sowohl der Vertrieb als auch die Buchhaltung geschlossen und von Sonepar zentral gesteuert werden sollten.

Dies ist nun Gewissheit: Nur knapp zwei Wochen nach dem OP-Bericht sind die Verhandlungen zwischen Betriebsrat und neuer Geschäftsführung über Sozialplan und Interessenausgleich abgeschlossen. Insgesamt bedeutet dies das Aus für 66 Mitarbeiter: Bei BTF in Cölbe werden 41 Arbeitsplätze abgebaut, am Standort verbleiben laut Betriebsratsmitglied Rainer Marquardt 27 Mitarbeiter.

Und bei der HEG in Marburg müssen laut Betriebsratsvorsitzender Hildegard Otto 25 Mitarbeiter gehen – dort werden künftig nur noch 13 Kollegen weiterbeschäftigt. Marquardt betont im Gespräch mit der OP, die Verhandlungen seien beendet, Sozialplan und Interessenausgleich seien unterschrieben. „Es waren sehr konstruktive Gespräche, wir konnten einen sehr fairen Sozialplan aushandeln“, sagt er.

Personalentwickler hatte Abbau zunächst dementiert

Mit dem „können wir und die betroffenen Mitarbeiter gut leben – unabhängig allerdings vom persönlichen Schicksal der Betroffenen“, so Marquardt. „Damit ist die Angelegenheit für uns abschließend geregelt – und auch der gefühlte Ausnahmezustand beendet“, so Marquardt. Jeder wisse nun, woran er sei – „und jeder weiß, was er finanziell zu erwarten hat“.

Dem Personalabbau gegenüber steht jedoch die von Oliver Spänhoff, Leiter der Rechtsabteilung von Sonepar Deutschland und verantwortlich für die strategische Personalentwicklung im Gespräch mit der OP getroffene Aussage, man wolle kein Personal abbauen. Er hatte damals gesagt, Sonepar halte den Vertrieb bei BTF für „äußerst vielversprechend, wir wollen dort etwas aufbauen, und am liebsten – wie an anderen Standorten – wollen wir schnell Leute einstellen“.

Dies wollte Marquardt nicht bewerten. „Vielleicht waren das Aussagen, die in die Zukunft gerichtet sind – denn wie sich die Sache in der Zukunft gestaltet, ist offen“, sagte er. Seiner Meinung nach liege es „zumindest im Bereich des Möglichen, dass über einen Ausbau des Standorts Cölbe nachgedacht wird, wenn die Zahlen stimmen“.

„Es bleibt nur noch der Vertrieb“

Marquardt betonte, dass die Sonepar-Kollegen den quasi neuen Familienmitgliedern „mit Rat und Tat zur Seite stehen in allen Belangen oder wenn wir Fragen haben, das ist richtig vorbildlich“. Denn im Zuge der Übernahme wurde auch viel umstrukturiert – da blieben Fragen nicht aus. „Es ist schließlich eine komplett neue Firma mit komplett neuen Hierarchien, da müssen wir uns erst mal einfinden“, so Marquardt.

Die Situation bei der HEG in Marburg stellt sich analog zu BTF dar, wie Hildegard Otto, Vorsitzende des Betriebsrats, im OP-Gespräch erläutert: „Auch bei uns fällt der komplette Fuhrpark ebenso weg, wie die Buchhaltung. Es bleibt nur noch der Vertrieb.“ Auch die Leuchtenabteilung sowie die Klein- und Großgeräteabteilungen würden komplett geschlossen. Von 25 Mitarbeitern bleiben nur noch 13 übrig, „es sind bereits die ersten Kündigungen ausgesprochen worden, der Rest wird wohl im Laufe des Monats kommen“, so Otto.

Deutlich kritisiert Betriebsratsmitglied David Möller indes die Aussagen von Oliver Spänhoff: „Es war uns allen klar, dass es nicht so ist“, sagt er. Das sei für die Mitarbeiter, die im Betrieb blieben, nicht ganz so schlimm. „Aber die, die gehen müssen, fühlen sich verspottet“, so Möller.

„Das Maximum für die Kollegen herausgeholt“

Allerdings habe das Unternehmen versichert, man wolle an den Standorten festhalten. „Die Standorte, die vorhanden sind, sollte man erhalten und stärken. Das ist ja auch die Philosophie von Sonepar“, sagt Hildegard Otto. Dazu gehöre beispielsweise auch, das Online-Angebot auszubauen, das bisher in der Region noch nicht so gut angenommen worden sei.

Otto berichtet ebenfalls, dass die Verhandlungen in Bezug auf Sozialplan und Interessenausgleich sehr gut gelaufen seien, „wir konnten für die Kollegen das Maximum aushandeln“, sagt sie. Dies sei vor allem vor dem Hintergrund wichtig, dass viele Kollegen bereits seit 30 oder 40 Jahren im Betrieb arbeiteten. „Es ist zwar trotzdem schlimm, dass Kollegen gehen müssen. Aber ich denke, wir haben das Bestmögliche rausgeholt.“ Eine Auffanggesellschaft gebe es nicht, die Mitarbeiter seien freigestellt, „einige werden wohl auch direkt nach der Arbeitslosigkeit in die Rente gehen“, so die Betriebsrätin.

Die Stimmung im Betrieb sei derzeit natürlich noch etwas gedrückt, aber letztendlich gebe es nun Klarheit. „Das ist zwar nichts Positives, hat aber zumindest einen befreienden Effekt, denn jetzt wissen zumindest alle Kollegen, woran man ist“, sagt Otto. Und gibt zu, dass beim Unterzeichnen der entsprechenden Vereinbarungen „die Hand schon etwas gezittert hat“.

von Andreas Schmidt

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