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Ex-Azubi kommt als Chef zurück

Betriebsübernahme Ex-Azubi kommt als Chef zurück

Sebastian Schmidt übernahm das Marburger Traditions-Unternehmen Kujus. Trotz Planung lag der Teufel manchmal im Detail – doch der Betriebsübergang klappte reibungslos.

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Sebastian Schmidt (links) und Hartmut Müller sind die Geschäftsführer des Sanitär-, Heizungs-, Klima- und Elektro-Unternehmens Kujus – Schmidt absolvierte dort seine Ausbildung und übernahm die Firma, Müller arbeitet bereits seit 45 Jahren im Unternehmen.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Laut Handwerkskammer Kassel und IHK Kassel-Marburg stehen in den kommenden Jahren mehr als 4 000 Firmen im Kammerbezirk zur Übernahme an. Bei den Handwerkern seien es geschätzt etwa 2300 Unternehmer, die sich in den kommenden neun Jahren zur Ruhe setzen würden, sagte Pressesprecherin Barbara Scholz auf Anfrage der OP.

Und die IHK geht von 2 000 Firmeninhabern kleiner und mittelständischer Unternehmen aus, die sich in den nächsten fünf Jahren zur Ruhe setzen werden.

Beide Kammern raten, dass die Chefs die Übergabe rechtzeitig planen sollten, damit alles reibungslos funktioniere. „Mindestens fünf Jahre sind nötig, zehn Jahre wären optimal“, sagt Barbara Scholz. Bei weniger als fünf Jahren Vorbereitungszeit „kann es schon knapp werden, selbst, wenn man schon einen Nachfolger im Auge hat“, so die Sprecherin.

Verantwortung für Mitarbeiter und ihr Familien

Auch IHK-Präsident Jörg Ludwig Jordan appelliert an die Unternehmer, eine Nachfolge nicht zu kurzfristig zu planen. „Nicht zuletzt tragen wir als Unternehmer die Verantwortung für unsere Mitarbeiter und ihre Familien“, sagt er.

Ganz so lange hat die Übernahme des Unternehmens für Sanitär-, Heizungs-, Klima- und Elektrotechnik Kujus in Cappel nicht gedauert. Seit mehr als 100 Jahren existiert es bereits – und wurde im Sommer nach 15-monatiger Planung von Sebastian Schmidt übernommen. Ihm steht Hartmut Müller als Geschäftsführer zur Seite.

Beide kennen die Firma bereits seit geraumer Zeit. „Ich habe hier 1972 meine Ausbildung absolviert, 1989 meinen Meister gemacht – ich arbeite also seit 45 Jahren hier“, sagt Hartmut Müller.

Übernahme war „kein Sprung ins kalte Wasser“

Sebastian Schmidt absolvierte seine Ausbildung 1999 bei Kujus. „In 2003 habe ich dann die Techniker-Schule besucht und bin erst vergangenes Jahr wieder in den Betrieb gekommen“, sagt Schmidt. Durch seinen vorherigen Arbeitgeber sei er mit seinem Ausbildungsbetrieb wieder in Kontakt gekommen, habe auch einige Projekte abgewickelt – was letztendlich zur Rückkehr auch im Hinblick auf die potenzielle Übernahme führte.

Denn es sei klar gewesen, dass Günter Kujus sich „altersbedingt mit Anfang 70 langsam zurückziehen wollte“, sagt Schmidt. Der 35-Jährige sah in der Übernahme eine deutliche Chance: „Ich habe mich schon länger mit dem Gedanken der Selbstständigkeit getragen – und die Chance hier beim Schopf gepackt.“

Vorher stand jedoch „das Aufarbeiten der ganzen Zahlen“ an: Es wurde eine Unternehmensbewertung vorgenommen, danach ein Business-Plan für die Banken erstellt, „das war sehr zeitaufwendig. Das hatte ich mir schneller vorgestellt“, gibt Schmidt zu.

Ein Sprung ins kalte Wasser sei es jedoch nicht gewesen. „Es war alles sehr überschaubar, da sich Günter Kujus nach und nach aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen hat.“ So sei ein geordneter Übergang geräuschlos möglich gewesen.

"Alter Hase" an der Seite

Schmidt profitiert davon, dass sein Mit-Geschäftsführer Hartmut Müller schon vor der Übernahme Haupt-Ansprechpartner im operativen Tagesgeschäft war. „Ich hatte schon vorher die Elektro-Abteilung gemanagt und hatte in den anderen Firmenteilen viel Verantwortung übernommen“, erzählt der 60-Jährige. Schmidt und Müller hätten beide vor der Übernahme als Betriebsleiter gearbeitet und viel Erfahrung gesammelt.

Sebastian Schmidt verdeutlicht, wie wichtig der „alte Hase“ an seiner Seite ist: „Seine Expertise ist wichtig – ohne ihn hätte ich es wohl nicht gemacht.“

Fachkräftemangel sorgt den neuen Unternehmer

Für den 35-Jährigen war klar, dass die Übernahme eines gut eingeführten Unternehmens mit einem festen Kundenstamm, einem etablierten Namen und zahlreichen Mitarbeitern eine gute Chance für die Selbstständigkeit bietet.

„Als Neugründer fange ich bei null an – da sind die ersten Monate sicher schleppend.Bei einer Übernahme kommt vom ersten Moment an Geld rein“, sagt er. „Das größte Argument sind jedoch die vorhandenen Mitarbeiter – denn die Arbeit ist da, es fehlen aber die Fachkräfte.“

Schmidt ist sich auch der Verantwortung bewusst, die er für seine 29 Mitarbeiter inklusive der Auszubildenden hat. „Alle­ sind hier geblieben“, freut er sich. Für die Zukunft wünscht er sich, dass bald noch ein paar jüngere Mitarbeiter nachrücken – da der Arbeitsmarkt jedoch leergefegt sei, setze man zunächst auf die Ausbildung des eigenen Nachwuchses.

Nach den gesammelten Erfahrungen: Würde er die Übernahme noch einmal machen? „Auf jeden Fall“, sagt Schmidt.

Kontakt Nachfolgeberatung

Nachfolgeberatung der Handwerkskammer Kassel:
Dittmar Manns
 Telefon 0561/7888129
 E-Mail: dittmar.manns@hwk-kassel.de

Nachfolgeberatung der IHK Kassel-Marburg:
Carsten Heustock
 Telefon 0561/7891277
 E-Mail: heustock@kassel.ihk.de

von Andreas Schmidt

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