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Ethiker fordert Abkehr vom Ego-Trip

Unternehmertagung Ethiker fordert Abkehr vom Ego-Trip

Ein Theologe fordert Wirtschaftsleute dazu auf, Vorbilder zu sein: „Wir brauchen Überzeugungstäter und nicht Menschen mit Meinungen, die sich nach dem Wind drehen.“

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Referent Dr. Stephan Holthaus (Mitte) mit dem AfK-Vorstand Jan-Bernd Röllmann (von links), Achim Boller, Christopher Althaus und Thomas Janssen (Vorsitzender).

Quelle: Anna Ntemiris

Marburg. Dr. Stephan Holthaus bringt seine Zuhörer zum Grübeln. Der Theologe, Prorektor der Freien Theologischen Hochschule Gießen, stellt eine Frage aus der Sendung „Wer wird Millionär?“: Bringen Sie vier der zehn Gebote in die richtige Reihenfolge. Bei der TV-Show habe keiner der zehn Kandidaten dies auf Anhieb gekonnt. „Das ist typisch für unsere Zeit“, sagt Holthaus vor rund 40 Mitgliedern des Arbeitskreises für Kommunal- und Wirtschaftsfragen (AfK) im Volksbank-Gebäude.

Der Titel des Abends „Mit Werten in Führung gehen: Warum Wirtschaft und Ethik keine Gegensätze sind“ ist gleichzeitig die Botschaft des Referenten. Seine Zuhörer sind Unternehmer, Geschäftsführer und Führungskräfte. Sie hören Holthaus konzentriert zu, mehrere Frauen und Männer packen im Laufe des Vortrags Blöcke aus und machen sich Notizen.

Das Thema Werte ist „in“, weiß Holthaus. Ob Spitzenunternehmer oder Studierende: Sie alle wollen mit „weißer Weste“ ihre Karriere planen. Ethik-Bücher verkaufen sich gut. Das Dilemma: Es gibt viele unterschiedliche Positionen unter Ethikern.

„Die zehn Gebote haben die deutsche Kultur über Jahrhunderte geprägt“, sagt Holthaus. Das sei ein Kerntext der christlichen Werte. Er sieht eine Wertekrise, weil „wir ethische Traditionen nicht mehr kennen“. Er habe keine Angst vor einer Islamisierung Deutschlands. „Ich fürchte mehr die Schwäche des Abendlandes statt die Stärke des Islams.“

Ein weiterer Grund für die Wertekrise sei der Verlust von Vertrauen. Finanzkrise, Immobilienblase, mangelnde Bankenaufsicht, Korruption haben dazu geführt, dass viele Menschen das Vertrauen in die Wirtschaft verloren haben. Man vertraue nicht, habe kein Zusammengehörigkeitsgefühl mehr.

Die Idee, Holthaus einzuladen, hatte Vorstandsmitglied Rolf Witezeck.
Foto: Thorsten Richter

„Wir leben in der Renaissance des Utilitarismus“, so Holthaus. Das Lebensmotto sei: „Gut ist, was mir etwas bringt.“

Der Theologe, der aus einer Unternehmerfamilie stammt, spricht von einer „Nützlichkeits-Ethik“ oder auch „Ego-Ethik“. Er fordert Altruismus statt Egoismus – und damit Rückbesinnung auf christliche Werte: Das Erbarmen über Flüchtlinge entspreche einer langen christlichen Tradition. „Israel war ein Flüchtlingsvolk.“ Von den orientalischen Kulturen der Flüchtlinge könne man lernen: Sie leben zum Beispiel den Zusammenhalt der Familien vor.

Am Ende gibt der Referent den Zuhörern Forderungen mit auf den Weg: „Wir haben keine Vorbilder mehr. Die Zahl der Charakterköpfe nimmt ab. Wir brauchen Menschen mit Überzeugungen, nicht mit Meinungen. Wir brauchen Überzeugungstäter und nicht solche, die sich nach dem Wind drehen.“ Holthaus stellt klar: „Vorbilder sind keine perfekte Menschen. Sie beweisen Rückgrat, haben aber Schwächen.“

Unternehmensgröße beeinflusst Werte meist nicht

Er nennt eine Reihe von Beispielen – von Mutter Theresa bis Oskar Schindler. Und er nennt ein anonymes Vorbild aus Gießen. Eine Frau habe kürzlich nachts vor das Erstaufnahmelager am Meisenbornweg einen großen Topf mit Suppe gebracht und diese an Flüchtlinge verteilt. Das sei das Gegenteil von Egoismus, so Holthaus. Im Anschluss an den Vortrag gibt es viele Fragen, viel mehr Diskussionen.

Apothekerin Dr. Susanne Rück fragt: „Warum werden solche Meinungen nicht breiter an die Öffentlichkeit getragen?“ Geschäftsinhaber Marcello Camerin will über die Wörter Mäßigkeit und Gerechtigkeit tiefer nachdenken. Rudolf Braun-Elwert fragt, ob der Verlust an Werten mit der Größe des Unternehmens zusammenhängt.

Grundsätzlich nein, sagt Holthaus. Zwar leben mittelständische Unternehmer ihren Mitarbeitern häufig Werte vor, aber es gebe auch große Firmen mit Werte-Kodex – dies müssten nicht christliche sein. Unternehmer Uwe Happel will am Ende nochmal auf die Quiz-Frage zurückkommen – die zehn Gebote. „Machen Sie eine Sonderausgabe aus dem Vortrag und verteilen Sie die an alle Marburger“, sagt ein Geschäftsführer – so begeistert ist er von dem kleinen Ethik-Kurs.

von Anna Ntemiris

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