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„Es wird immer wackeliger da oben“

79-jähriger Gerüstbauer hört auf „Es wird immer wackeliger da oben“

Ludwig Müller aus Oberrosphe hat jüngst sein letztes Gerüst abgebaut. 
Das wäre keine Nachricht wert – würde Müller nicht in knapp vier Wochen 
80 Jahre alt.

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Ludwig Müller wird demnächst 80 Jahre alt – Grund genug für den Oberrospher, keine Gerüste mehr zu bauen.

Quelle: Andreas Schmidt

Oberrosphe. „Irgendwann muss doch mal Schluss sein“, sagt Ludwig Müller. „Ich kann ja nicht ewig da oben stehen“, meint er, während er mit dem Kinn auf das Gerüst zeigt, das in Oberrosphe steht. Gleich will er es abbauen, gemeinsam mit ein paar „jungen Leuten“ aus dem Dorf – und dann ist Schluss. Die Knie täten ihm langsam weh, „es wird immer wackeliger da oben – außerdem habe ich in meinem Leben genug gearbeitet“.

Mit 14 Jahren hatte er seine Ausbildung in Cölbe begonnen, „kurz nach der Konfirmation“, erinnert sich Ludwig Müller. 
15 Mark erhielt er damals im 
Monat, im zweiten Ausbildungsjahr stieg der Lohn auf 25 Mark – und im letzten Jahr auf 35 Mark.

„Sieben Stifte waren wir, und damals gab es auch noch Backpfeifen, wenn wir nicht spurten.“ Am Wiederaufbau von Anatomie, Pathologie und 
Augenklinik arbeitete er nach dem Krieg mit – was mitunter schmerzhaft war. „Ich musste schwere Speiskübel bis obenhin schleppen, das gab Blasen und hat geblutet. Später hatte ich dann Hornhaut – dann ging‘s.“ Nach Abschluss der Lehre hatte er die Gesellenprüfung erfolgreich in der Tasche, arbeitete bei der Holzmann AG in Frankfurt.

Auch ins Siegerland verschlug es den heute 79-Jährigen, „dort habe ich bei einem Unternehmen vier oder fünf Jahre lang im Akkord in einer Verputzer-Kolonne gearbeitet – und gut verdient“, sagt Müller. Doch es verschlug ihn wieder zurück in die Heimat: Es folgten Arbeits-Stationen bei der Firma Dersch in Wehrda und beim Unternehmen Sohn in Niederasphe.

Das Gerüst muss 
„tanzen“ können

Dann folgte für Ludwig Müller ein markanter Schritt: 1979 machte er sich mit seinem eigenen Unternehmen für Baudekoration selbstständig, bevor er im Jahr 2000 in den Ruhestand ging – eigentlich. Denn: „Wann immer in Oberrosphe ein guter Kumpel von früher ein Gerüst zu stellen hatte, war ich dabei.“

Um Geld ging es dabei nie – vielmehr waren es die Nachbarschaftshilfe und die Dorfgemeinschaft, die bei seinen 
Tätigkeiten im Vordergrund standen. Und auch der nachfolgenden Generation hat Müller gezeigt, worauf es beim Gerüstbau ankommt.

„Das Gerüst muss immer gut in der Waage stehen und ,tanzen‘ können“, sagt er. Er habe auch schon erlebt, dass ein Gerüst, dessen Verankerung sich gelöst hatte, umzustürzen drohte. „Ich stand fast ganz oben und konnte im letzten Moment noch einen Fensterrahmen greifen und es so zurückziehen. Das war knapp“, erinnert sich Müller.

Sein „letztes Gerüst“ bleibt in Oberrosphe: Ludwig Müller hat es an einen der jüngeren Dorfbewohner weitergegeben, damit die Nachbarschaftshilfe in dem Ort weitergehen kann. „Hier hilft man sich eben“, sagt er. Ludwig Müller will sich in Zukunft um sein eigenes, großes Haus kümmern, „damit habe ich genug zu tun“. Seine beiden Söhne – beide Handwerker – sind längst aus dem Haus, und seine Frau ist vor drei Jahren verstorben.

Mittlerweile hat er aber wieder eine Lebensgefährtin – auch für die möchte der Oberrospher mehr Zeit haben. „Langeweile kommt nicht auf“, sagt er lachend, bevor er sich mit seinen Kumpels daran macht, das letzte Gerüst abzubauen. „Für immer“, versichert er.

von Andreas Schmidt

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