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„Es geht nicht um Kuschelfaktoren“

Preis für familienfreundliche Unternehmen „Es geht nicht um Kuschelfaktoren“

Zum zweiten Mal wurde im Landkreis der Preis 
für familienfreundliche Unternehmen verliehen – mit einem „alten Bekannten“ und zwei neuen Preisträgern.

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Die Preisträger: Vertreter von CSL Behring, GlaxoSmithKline und Bau-Dekoration Rees nahmen von Landrätin Kirsten Fründt (hinten, ab Zweite von links) und Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies die Auszeichnungen entgegen.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Kurz vor der Preisverleihung stehen Otto und Elke Rees mit Sohn Timo und Schwiegertochter Julia im Foyer des Landratsamts. „Bevor wir uns beworben haben, habe ich dreimal hier im Landratsamt angerufen, ob es wirklich für ein so kleines Unternehmen sinnvoll ist, sich zu bewerben“, sagt Elke Rees. Sie habe sich schließlich überreden lassen, „und dann auf den letzten Drücker den Fragebogen ausgefüllt und eingeschickt“, sagt sie im Gespräch mit der OP.

Eine gute Stunde später kann es die Familie Rees nicht fassen: Der „Malerbetrieb des Jahres“ (die OP berichtete) wurde in der Kategorie „Kleine Unternehmen“ als familienfreundlichstes Unternehmen im Landkreis ausgezeichnet – die Bemühungen haben sich also doch gelohnt. „Das hätte ich wirklich nicht gedacht“, sagt Elke Rees – und nimmt, wie auch der Rest der Familie, Glückwünsche von allen Seiten entgegen.

Auf einer Stufe miz zwei „global Playern“

Die neunköpfige Jury, bestehend aus Akteuren von Wirtschaftsförderung, Universität, Arbeitgebern und Arbeitnehmern, bescheinigte Bau-Dekoration Rees, dass sie „die individuellen Bedarfe ihrer Mitarbeiter vorbildlich berücksichtigt und maßgeschneiderte Lösungen kreiert haben. In einer Atmosphäre von gegenseitigem Vertrauen und Offenheit werden familiäre und persönliche Belange besprochen und gemeinsam flexible Lösungen gefunden.“

In puncto Familienfreundlichkeit steht das Unternehmen aus Wollmar mit seinen 24 Mitarbeitern somit auf einer Stufe mit zwei „global Playern“, die ebenfalls ausgezeichnet wurden: Die Marburger Pharma-Unternehmen CSL Behring und Glaxo­SmithKline Vaccines (GSK).

CSL hatte den Preis bereits in der ersten Auflage in 2014 gewonnen und wurde nun für die Kontinuität in der Familienfreundlichkeit ausgezeichnet. GSK gewann den Preis indes in der Kategorie „Große Unternehmen“ – auch dort sah die Jury die Familienfreundlichkeit unter den ­Bewerbern als am besten erfüllt an.

„Das Pharma-Unternehmen punktet mit einem Bündel von Standards, fest verankerten Strukturen und ergänzenden Angeboten, die es einem großen Unternehmen mit ausreichenden personellen und finanziellen Ressourcen ermöglichen, ihr Leitbild für Familienfreundlichkeit umzusetzen“, hieß es vonseiten der Jury.

15 Prozent der Angestellten haben innerlich gekündigt

Dass Familienfreundlichkeit nicht nur ein Wort, sondern vor allem ein wichtiger Unternehmensfaktor ist, verdeutlichte die EU-Unternehmensbotschafterin und Kommunika­tions-Trainerin Dr. Karin Uphoff in ihrem Vortrag „Mit Familienfreundlichkeit in die Arbeitswelt der Zukunft“.

So zeige die „Gallup“-Studie, dass 70 Prozent der Deutschen Arbeitnehmer lediglich „Dienst nach Vorschrift“ leisteten und nur mäßig motiviert seien. „15 Prozent haben sogar schon innerlich gekündigt – und lediglich 15 Prozent sagen, dass sie gerne in der Firma und somit maximal engagiert sind“, verdeutlichte Uphoff. Familienfreundlichkeit – und somit eine höhere Zufriedenheit der Mitarbeiter – habe auch ökonomische Auswirkungen.

„Es geht nicht um Kuschelfaktoren“, sagte sie und verdeutlichte das Thema mit einer Beispielrechnung: Die 85 Prozent nicht optimal motivierter Mitarbeiter führten zu einem Produktivitätsverlust von 21 Prozent. Bei 100 Mitarbeitern mit einem Gehalt von 2000 Euro und nur 50 Prozent nicht motivierten Mitarbeitern summiere sich dieser Verlust auf 300.000 Euro – „Familienfreundlichkeit ist ein ganz wesentlicher Faktor.“

Ein „Preis für unternehmerische Klugheit“

Für Landrätin Kirsten Fründt (SPD) ist indes klar, dass die Familienfreundlichkeit von Unternehmen auch ein wichtiger Standortfaktor für die Bewohner des Landkreises sei. „Und das nicht nur in der frühen Phase bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf – sondern auch später bei der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf“, betonte sie.

Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) beglückwünschte alle Unternehmen, denn sie hätten sich um einen „Preis für unternehmerische Klugheit“ beworben – denn es gehe darum, „Potenziale und Ressourcen für die Zukunft zu sichern“.

  • Um den Preis hatten sich beworben: Arbeit und Bildung (Marburg), Bau-Dekoration Rees (Wollmar), CSL Behring (Marburg), CoSiChem Ag (Marburg), Domino-Friseur & Shop (Marburg), Elkamet Kunststofftechnik (Biedenkopf), Federal-Mogul Deva (Stadtallendorf), Gade (Kirchhain), Gesundheitszentrum Marburg, GSK Vaccines (Marburg), Hostserver (Marburg), Physio Jung (Kirchvers), Praxis für Gynäkologie und Geburtshilfe (Marburg), UKGM Marburg, Verkehrsgesellschaft Pfaff (Kirchhain).

von Andreas Schmidt

 
Hintergrund

Der Preis für familienfreundliche Unternehmen wurde erstmals 2014 vergeben – zunächst von der Stadt Marburg, nun ist auch der Landkreis an Bord.

Vergeben wird die Auszeichnung alle zwei Jahre, die nächste Bewerbungsphase beginnt 2018. Die Preisträger dürfen ihr Engagement mit dem Logo des Preises nach außen dokumentieren.

 
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