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„Er hat von Anfang an hier reingepasst“

Integration von Flüchtlingen „Er hat von Anfang an hier reingepasst“

„Fachleute kann man nicht von den Bäumen pflücken“, sagt Malermeister Norbert Balzer. Nachwuchs für das Handwerk zu finden, ist schwer. Flüchtling Mustafa Rezeje sei daher ein „Glücksfall“.

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Flüchtling Mustafa Rezeje schraubt in der Werkstatt des Malerbetriebs Balzer an einem alten Schrank, der dort restauriert wird.

Quelle: Peter Gassner

Schröck. Das Leben auf dem Dorf ist nicht einfach für einen jungen Mann mit wenig Geld, getrennt von der Familie und fernab der Heimat. Doch Mustafa Rezeje ist glücklich darüber. Denn in Schröck hat der 21-Jährige endlich eine Arbeit in Deutschland gefunden. „Mit den netten Leuten hier ist es schon okay“, sagt er und blickt mit einem Lächeln seine Kollegen an. Seit August 2016 arbeitet er in einer geförderten Einstiegsqualifikation beim Malerbetrieb Balzer.

Der gebürtige Afghane wuchs im Iran auf und wurde dort diskriminiert, berichtet er. Als ­Afghane habe er keinen Ausweis bekommen, durfte nicht arbeiten oder in die Schule. Am Ende habe man ihn gezwungen, das Land zu verlassen. Zurück nach Afghanistan habe seine Familie aber auch nicht gekonnt. Der Vater sei dort, nachdem er alleine zurückging, sofort erschossen worden. Seit anderthalb Jahren lebt er nun in Deutschland. Mutter und Geschwister sind nach wie vor in Biedenkopf, suchen dort nach Arbeit. Mustafa hat sie in Schröck gefunden.

Im Sommer wird der junge Flüchtling bei Balzer vermutlich eine Lehre beginnen. Bis dahin wird er aber schon fast ein Jahr im Betrieb sein. Möglich gemacht wird dies durch das Förderprogramm „Wirtschaft integriert“.

Das landesweite Projekt des hessischen Wirtschaftsministeriums wird in Marburg vom Bildungszentrum der Bauwirtschaft (BZ) und dem Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft angeboten (BWHW). Ziel ist ­
eine „nahtlose Förderkette von der Berufsorientierung bis zum erfolgreichen Ausbildungsabschluss“. In drei Projektphasen sollen die Flüchtlinge für den Beginn einer regulären Ausbildung vorbereitet werden. In einer ersten Projektphase ­
erfolgt die „Berufsorientierung Plus“.

Drei Projektphasen

Im BZ Marburg werden dabei verschiedene Berufsbilder mit erfahrenen Handwerkern ausprobiert. Vermittelt werden dazu jeweils wichtige Grundbegriffe, Sicherheitsregeln und der Umgang mit Werkzeugen. Gemeinsam mit dem BWHW und dem Arbeitsmarktbüro für Flüchtlinge und Migranten in der Agentur für Arbeit werden dann je nach Fähigkeiten passende Arbeitgeber für die zweite Projektphase vermittelt.

In der „Einstiegsqualifizierung Plus“ sammeln die Projekt-Teilnehmer erste praktische Erfahrungen im Betrieb und erhalten dafür eine Praktikumsvergütung, die von der Agentur für Arbeit übernommen wird. Wie schon in der ersten Projektphase finden parallel Deutsch-Kurse und Unterricht zur Vermittlung von Werten, Normen und gängigen Verhaltensweisen statt.

Die dritte Projektphase sieht eine reguläre Ausbildung vor, die von weiterer Sprachförderung begleitet werden kann. Zudem ist eine Ausbildungsplatzförderung in Höhe von 4000 Euro durch das Wirtschaftsministerium möglich.

Dass Rezeje die Ausbildung ebenfalls bei Balzer machen kann, ist für den Malermeister, der seinen Betrieb zum Jahreswechsel an Timo Rücker weitergegeben hat, keine Frage. „Er hat von Anfang an hier reingepasst und geht an jede Arbeit ran. Einer wie er, der was lernen will und handwerklich was kann, ist für uns ein Glücksfall“, so Norbert Balzer. Die einzige Schwierigkeit sei noch die Sprache, doch auch da mache der Flüchtling deutliche Fortschritte. Neben Malerarbeiten bietet­ der Betrieb die komplette im ­Innenbau an – „vom Rohbau bis die Möbel kommen“. Auf allen Feldern zeige sich der Afghane sehr geschickt und habe eine gute Arbeitseinstellung.

Bei Flüchtlingen könne man, wie bei anderen Arbeitnehmern auch, Pech oder eben Glück haben. Seine Neugier habe trotz einer eigentlich „defensiven Haltung“ dazu geführt, Rezeje einzustellen. „Man kann vorher nicht in den Kopf reingucken, man muss auch einfach mal den Mut haben, es auszuprobieren.“ Bereut hat er es nicht.

von Peter Gassner

 
 
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