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„Niemand hat die ganze Wahrheit“

VR-Bank-Vortrag „Niemand hat die ganze Wahrheit“

Die Medienwelt hat sich rasant verändert: Nachrichten gibt es im Minutentakt – aber nicht alle sind wahr. Wie gefährlich „Fake News“ sind, verdeutlichte Elmar Theveßen in der Hinterlandhalle.

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Keine Chance den „Fake News“: Elmar Theveßen verdeutlichte in der Hinterlandhalle, wie Journalisten arbeiten und wie sie an ihre Fakten kommen.

Quelle: Andreas Schmidt

Dautphe. Der stellvertretende Chefredakteur des ZDF und Terrorismus-Experte referierte auf Einladung der VR Bank Biedenkopf-Gladenbach. Deren Sprecher Wolfgang Brühl zeigte zunächst die Crux der Medienwelt auf: „Früher gab es morgens die Tageszeitung und abends die Nachrichten im Fernsehen“ – und dazwischen herrschte „Nachrichtenpause“. Heute liefen die Nachrichten jedoch im Minutentakt ein, dadurch würden die Menschen „eher irritiert als informiert“, den Wahrheitsgehalt könne „der Otto Normalverbraucher“ kaum einschätzen.

Dem stimmte Theveßen zu – Transparenz sei daher für das ZDF oberstes Gebot: „Sie haben ein Recht zu erfahren, wieso wir über Themen berichten und wie wir an Informationen kommen – und wie gehen wir mit Lügen, Falschmeldungen und Desinformationen um, um sicherzustellen, dass es Sie nicht trifft“, sagte er.

Dabei gehe es den Journalisten in Deutschland, die derzeit massiv mit dem Vorwurf der „Lügenpresse“ konfrontiert würden, noch vergleichsweise gut. Denn in Ländern wie Polen „werden Journalisten, die kritisch über die Regierung berichten, schlicht und ergreifend ihres Amtes enthoben und ausgetauscht – durch Kollegen, die willfähriger sind“.

Angeblicher Attentäter saß zur Tatzeit im Gefängnis

Dabei seien „Fake News“ nichts Neues. Schon Thomas Jefferson, Mitbegründer der US-amerikanischen Demokratie, habe den Vorwurf von Falschbehauptungen geäußert. „Der Vorwurf kommt immer dann hoch, wenn Themen da sind, die die Menschen polarisieren oder emotionalisieren“, sagte Theveßen – Beispiele seien Terrorismus, die AfD oder Flüchtlinge. Dann sei es umso wichtiger zu zeigen, „wie man arbeitet und durch Recherche an die Ergebnisse kommt“.

Falschmeldungen würden dabei gezielt lanciert – etwa mittels gefälschter Facebook-Profile. „Über diese Konten von scheinbar ganz normalen Menschen werden gezielt Lügen verbreitet – dann gibt es andere normale Menschen, die glauben: ,Hey, wenn so viele normale Menschen diese Information auch haben, dann muss da doch was dran sein.‘“ Genau dies sei im amerikanischen Wahlkampf passiert.

Verbreiten würden sich die „Fake News“ in Windeseile – das demonstrierte Theveßen am Beispiel des Terror-Anschlags auf das Britische Parlament. „Innerhalb weniger Minuten wurde im Internet ein Foto des Täters verbreitet“ – das Bild wurde auch von großen Fernsehsendern aufgenommen und ungeprüft verbreitet. Dass dies jedoch wirklich der Täter gewesen sei, „wäre sehr bemerkenswert gewesen“, denn der Islamist „saß zum Zeitpunkt des Anschlags im Gefängnis“. Wenige Anrufe und echte Recherche hätten den Fehler verhindern können.

Andere Falschmeldungen könnten sogar zu Mordanschlägen führen: In den sozialen Medien sei im US-Wahlkampf verbreitet worden, dass Hillary Clinton gemeinsam mit einem Berater und dem Besitzer einer Pizza-Kette im Keller einer Filiale einen Pädophilen-Ring betreiben. Das Ergebnis: Ein Mann aus dem Süden der USA wollte in der Pizzeria „mit einer Waffe so richtig aufräumen und die Verbrecher bestrafen“. Dies hätte nur das beherzte Eingreifen von Gästen verhindert – sonst hätte es Tote gegeben.

Eigener Anspruch: Wirklichkeit und Wahrheit verbreiten

Selbst Staatsführer würden bei Falschmeldungen mitmachen – mittels schneller Verbreitung durch Prominente oder Staatspräsidenten könne eine Lüge „eine unglaubliche Glaubwürdigkeit bekommen und verbreitet sich dann noch viel schneller und weiter“.

Um umfassend und glaubwürdig zu informieren, sei die Recherche mit unabhängigen Quellen also unabdingbar. Immer wieder werde in der Redaktion diskutiert, was man zeige und worüber man berichte – immer vor dem Anspruch, Wirklichkeit und Wahrheit zu verbreiten. Doch Theveßen verdeutlichte auch: „Niemand hat die ganze Wahrheit“, man könne immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit zeigen.

Nicht immer könne man dem Anspruch der Zuschauer dabei gerecht werden, denn gerade bei emotionalen Ereignissen wie Anschlägen sei der Durst nach Informationen extrem groß. Dieses Bedürfnis wolle man „stillen, ohne zu spekulieren“ – Ziel sei nicht die Berichterstattung zur Effekthascherei, sondern damit sich der Zuschauer fundiert eine Meinung bilden könne.

„Und dazu gehört auch, den Zuschauern zu erklären, warum wir etwas zeigen oder auch nicht“ – inklusive einer Einordnung. Nur so könne Qualitätsjournalismus sich durchsetzen und den Vorwürfen von „Fake News“ und „Lügenpresse“ entgegenwirken.

von Andreas Schmidt

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