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Geständnisse mildern Strafen drastisch

Aus dem Landgericht Geständnisse mildern Strafen drastisch

Das Marburger Landgericht sprach langjährige Haftstrafen und eine Bewährungsstrafe für Aktienbetrüger aus.

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Die Kammer unter dem Vorsitz von Richter Dr. Marco Herzog (Mitte) verurteilte drei der Angeklagten zu Haftstrafen zwischen dreieinhalb und sechs Jahren drei Monaten, einer erhielt eine zweijährige Bewährungsstrafe.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Das Betrüger-Quartett wurde wegen banden- und gewerbsmäßigen Betruges in drei beziehungsweise fünf Fällen verurteilt, davon gingen mehr als 550 tateinheitliche Fälle auf das Konto des Bandenchefs.

Die Urteile nahmen alle vier Angeklagten mit ernsten Mienen auf, mancher blickte kurz nickend zu Angehörigen im Publikum. Lediglich der dritte Angeklagte, der Leiter eines Call-Centers, reagierte, reckte kurz freudig die Faust in die Luft. Er ist der einzige der drei Angeklagten, der vor Beginn seiner dreieinhalbjährigen Haft noch einmal auf freien Fuß kommt.

Seinen Haftbefehl setzte die Kammer vorerst außer Vollzug. Als Auflage hat er sich wöchentlich bei der Polizei in seiner Heimatstadt Düsseldorf zu melden. Für den Bandenchef und seine rechte Hand gelten Haftfortdauer.

Besonders schwer vor Gericht wog in dem neuntägigen Prozess „der hohe Organisationsgrad“ der professionell strukturierten Bande sowie der hohe Schaden der mehr als hundert geprellten Aktienkäufer. Dennoch gebe es klare Punkte, die für die Angeklagten sprachen, „wo Schatten ist, ist auch Licht“, kommentierte der Vorsitzende Richter Dr. Marco Herzog. Er hob besonders die „bedingungslosen, werthaltigen Geständnisse ohne Wenn und Aber“ hervor. Die meisten Taten wertete das Gericht daher als minderschwere Fälle, was das Strafmaß der Einzeltaten halbierte.

Käufer haben es Tätern „verdammt leicht“ gemacht

Überraschenderweise wurde der jüngste Angeklagte doch in die Langzeittherapie geschickt. Am Vortag hatte der psychiatrische Gutachter keine ausreichenden Gründe für eine Unterbringung gefunden. Die Entscheidung lag im Ermessen des Gerichts – und das sah „einen Hang zum Übermaß“, auf den die Taten durchaus zurückzuführen seien, urteilte der Richter. Den Weg in die Psychiatrie hat der Angeklagte zügig anzutreten, „sobald das Urteil rechtskräftig ist, geht es ab in die Therapie“. Dem wolle der Verurteilte nachkommen, „ich möchte mit diesem Kapitel endgültig abschließen, ich bereue meine Fehler sehr“, hatte der 38-Jährige zuvor mitgeteilt.

Die Urteile kamen den jeweiligen Anträgen der Verteidigung sehr nahe, die zuvor eine hohe Kooperationsbereitschaft ihrer Mandanten unterstrichen, „alle haben Kante gezeigt“, wie es Dr. Henner Apfel ausdrückte. Als weitere Pluspunkte hob Wolfram Maschke die „große Risikobereitschaft“ der gut betuchten Käufer hervor, die es den Betrügern „verdammt leicht“ gemacht hätten.

Rechtsanwalt Nicolai Mameghani, Verteidiger des „Sekretärs“, befand zudem: Sein Mandant gehöre „nicht auf dieselbe Anklagebank“ wie die restlichen Täter, spielte eine „untergeordnete, austauschbare Rolle“ in den Bandengeschäften. Er konnte als Einziger erfolgreich auf eine Bewährung hoffen. Voraussetzungen dafür hatte Staatsanwalt Oliver Rust zuvor nicht gesehen, er nahm dem Beschuldigten in verantwortungsvoller Position die Handlanger-Position nicht ab.

„El Presidente“ hatte 
nicht die absolute Macht

„Ganz oben“ an deren Spitze sah der Anklagevertreter das Duo aus einem gesondert verfolgten Bandenchef und dem zweiten Angeklagten, „El Presidente“. Doch auch, wenn der 46-Jährige „alle Fäden in der Hand hielt“, völlige Macht hatte er nicht über die Vertriebsstruktur, die weitestgehend eigenständig vonstatten ging. Das sah auch die Kammer so.

Der Chef kümmerte sich um den Geldfluss und die Bezahlung, stellte die Struktur zur Verfügung, die „Rahmenbedingungen und die Gesamtverantwortung“. Die Verurteilung am Mittwoch war nicht seine erste: Der Hauptangeklagte ist bereits zwei Mal einschlägig vorbestraft.

Zusammenfassend verglich der Staatsanwalt den Mammutprozess mit anderen Betrugsfällen, die allzu oft „gegen unbekannt“ geführt werden müssten und mangels Täter in der Versenkung verschwinden. Anders in diesem Fall.

Durch die Geständnisse der Angeklagten ebenso wie durch eine „umfangreiche Ermittlungsarbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft“ hätten tatsächlich sämtliche Anklagepunkte bewiesen werden können.

Für alle beteiligten Behörden im kleinen Marburg und Mittelhessen sei dies „ein riesiger Kraftaufwand und großer Erfolg“, lobte Rust. Somit konnte der Bande, bestehend aus rund 30 Personen, denen ein Dutzend Scheinfirmen, inklusive Treuhandgesellschaften, zugeordnet wurden, das Handwerk gelegt werden.

von Ina Tannert

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