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„Oberstadt hat riesiges Potenzial“

Einzelhandel „Oberstadt hat riesiges Potenzial“

Innovationen durch Inhaber statt Gejammer über 
Internet und Parkplätze: Lucas Wahl, Chef des Bekleidungsladens „Lucki Lucki“ in der Barfüßerstraße, fordert sowohl vom Einzelhandel als auch von der Stadtpolitik mehr Mut.

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Lukas Steuernagel (von links), Lucas Wahl und Katrin Pfaffl vor dem Bekleidungsgeschäft „Lucki ­Lucki“ in der Barfüßerstraße in der Marburger Oberstadt. Ihr Credo: „Wir Händler sind in der Pflicht, nicht die Kunden.“

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die Oberstadt-Händler müssten für „maximale Abgrenzung“ etwa zum Versandhandel sorgen. Fachkompetenz und Beratung gehörten „nur als 
 Selbstverständlichkeit“ dazu, aber reichten eben nicht aus, sagt Wahl. „Die Kunden müssen Emotionen spüren. Sie müssen merken, dass wir Händler für das, was wir machen, für die Ware, die wir anbieten, brennen. Dass wir ehrlich und leidenschaftlich sind“, sagt er.

Jeder Einzelhändler müsse daher mit seinem Gesicht, mit seiner individuellen Geschichte für sein Geschäft und das Angebot stehen. Mehr denn je gehe es auch um Eigenpräsentation. Man müsse mehr fürs Verkaufen arbeiten als je zuvor, es gebe einen „Zwang, sich mit der Zeit zu verändern und alle Veränderungen, die Schnelllebigkeit als 
solche offensiv annehmen“ – sowohl bei Ware als auch Laden­optik und Preisgestaltung in Konkurrenz zu Amazon, Zalando und Co. „Wir Händler sind in der Pflicht, nicht die Kunden.“

Wahl zweifelt OB-Aussage an

Marburg sei eine „relativ entspannte“ Stadt, die in mancherlei Hinsicht bei Trends „hintendran“ sei. Genau das mache aber neben der Kulisse der Altstadthäuser den Charme der Oberstadt aus – und eröffne Händlern gleichsam Chancen, Trends zu erkennen und somit Geschäfte zu machen. Das auch auf ungeeigneten Ladenflächen fußende Fernbleiben, 
etwa von Mode-Ketten und Kleidungskonzernen, die in Gießen und anderswo zuhauf in Innenstädten und Fußgängerzonen vertreten seien, 
gebe dem Handel die Möglichkeit, Nischen zu besetzen. „Marburg ist anders, die Marburger und auch wir Händler selbst sind anders. Der Lokalkolorit ist un-
ser großes Plus, unsere Stärke.“

Dass jedoch infrastrukturell alles für die Oberstadt und den Handel getan werde, wie es von Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) heißt, bezweifelt Wahl. Die Parkplatzproblematik sei nur ein Entwicklungshemmnis – eines, das durch die maue Nahverkehrsanbindung der Fußgängerzone, etwa für Kunden aus Richtsberg oder Waldtal, verstärkt werde.

Vielmehr mangele es am Willen der Kommune, neben Großveranstaltungen wie dem Elisabethmarkt regelmäßig Mini-Events zu ermöglichen, etwa Straßenmusiker, Künstler, Shows oder Beleuchtung – „Reize schaffen, immer wieder“. Nur so könne es gelingen, dass die Oberstadt vom ansehnlichen Fachwerkensemble zum Einkaufserlebnis werde. „Die Oberstadt ist ein Superstandort mit riesigem Potenzial, 
eine Freiluft-Mall, die seltsamerweise von vielen Einheimischen verkannt, aber von 
Besuchern geliebt wird“, sagt Wahl.

von Björn Wisker

OP-Umfrage: Wieso ist die Oberstadt für Sie zum Einkaufen (nicht) interessant
Elisabeth Römer: Ich mag das Gefühl, bei einem heimischen Händler etwas zu kaufen. Mal ein Paar Schuhe, mal eine Bluse, dann mit Bekannten einen Kaffee trinken, das Flair genießen. Das ist für mich Heimat.
Thorsten Otto: Gerade für Männer finde ich dort herzlich wenig. Und jetzt, wo auch noch Soho schließt, wird es nicht besser. Selbst der H&M weiter unten hat ja eine eher kleine Herrenabteilung.
Reiner Lutz: Man kennt und nutzt die Oberstadt vor allem wegen der Gastronomie. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal tatsächlich in einem der vielen anderen Läden war.
Sebastian Starke: Ich finde, man macht dort gute Erfahrungen mit individueller Beratung. Die Verkäufer sind sehr freundlich, strahlen eine Wärme aus, die es im Internet, wo ich prinzipiell nichts kaufe, nicht gibt.
Geraldine Hartmann: Man kann dort einfach keinen richtigen Shopping-Tag verbringen, weil es vieles, was angesagt ist, nicht gibt. Im Gegensatz zu 
 Gießen, Wetzlar oder dem Main-Taunus-Zentrum.
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