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Einkauf als Zeichen für die Region

Laden oder Internet? Einkauf als Zeichen für die Region

Immer mehr Menschen kaufen Weihnachtsgeschenke per Mausklick statt im Laden. Auch die Einzelhändler im Landkreis bekommen das zu spüren.

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Marburg. Für Fachhändler ist es ein echtes Ärgernis: Ein Kunde schaut sich Schuhe oder Kleidung an, lässt sich im Laden beraten, probiert verschiedene Größen. Und wenn er genau weiß, was er kaufen will, bestellt er im Internet. „Das ist für uns die schärfste Konkurrenz“, sagt Cristina Glaeser, Juniorchefin des Kirchhainer Schuhhauses Glaeser. „Der Fachhandel ist für viele nur noch dazu da, um die Auslage zu bereiten und zu beraten.“ Dabei sei die Saisonware im Internet auch nicht günstiger, allerdings fielen Kunden oft auf ältere oder gefälschte Ware herein. Ihrem Frust darüber hat sie mit einer Plakataktion Luft gemacht. Tenor: Wer bummeln und vor Ort die Ware anfassen will, der sollte auch im Geschäft kaufen, das vor Ort Arbeitsplätze schafft.

Online-Handel von 8,5 Millionen erwartet

Der Trend geht indessen bundesweit in eine andere Richtung, gerade im Weihnachtsgeschäft: Der Handelsverband Deutschland (HDE) erwartet dieses Jahr im Online-Handel einen Umsatz von 8,5 Milliarden Euro. Das erscheint zwar wenig im Vergleich zu 80,6 Milliarden Euro Gesamtumsatz. Doch während die Umsätze insgesamt mit nominal 1,2 Prozent Plus stagnieren, wird für den Online-Handel ein Plus von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr erwartet.

Die wachsende Bedeutung des Online-Geschäfts setzt viele Einzelhändler massiv unter Druck. So schließt zum 24. Dezember in Marburg die Filiale des Bertelsmann-Buchladens „Zeilenreich“. Grund dafür sei auch eine „Umwälzung im Buchmarkt“, erklärt Matthias Wulff, Sprecher der Bertelsmann-Tochter Direct Group Germany. Einerseits konkurriere das Lesen von Büchern zunehmend mit anderen Freizeitaktivitäten. Andererseits würden immer mehr Bücher im Internet bestellt, die Bedeutung der Buchläden sinke dadurch. „Wir müssen uns für jede Filiale anschauen, ob sie eine Perspektive hat.“ Für die Mitarbeiter in Marburg würden nun sozialverträgliche Lösungen gesucht.

„Man sieht, dass immer mehr auch alteingesessene Geschäfte schließen müssen“, beklagt Cristina Glaeser. Die Kunden meckerten oft über das kleine Angebot in den Läden, ohne zu bedenken, dass dies auch an der sinkenden Nachfrage liege.

"Nur im Geschäft bekommt der Kunde die Chefbehandlung"

Über die Konsequenzen des Internet-Kaufs müsste man den Kunden aufklären, sagt Christian Großmann vom Werbekreis in der Marburger Nordstadt. „Den Online-Handel sollte man aber nicht verteufeln, sondern die Vorzüge des Einkaufens vor Ort im Laden darstellen. Nur im Geschäft bekommt der Kunde eine Chefbehandlung“. Bummeln und Einkaufen müsse zu einem Erlebnis werden. Der Händler müsse also Atmosphäre schaffen. Außerdem könne auch ein kleiner Laden durch Aktionen das Internet einbinden. Wolfram Kühn vom Werbekreis Kaufpark Wehrda sieht dies ähnlich: „Wir dürfen uns dem Internet-Handel nicht verschließen.“ Außerdem sei der Wettbewerb nicht ganz neu, in seiner Branche, so der Elektrofachhändler, gibt es schon seit Jahrzehnten einen hohen Anteil, den der Versandhandel einnehme. Wichtig sei nun, deutlich zu machen, dass Bestellungen im Internet auch ökologische Auswirkungen haben: Lange Lieferwege mit Autos zum Beispiel.

Der Marburger Buchhändler Klaus Kaltenbach setzt ebenfalls auf Aufklärung: „Wir müssen den Kunden erklären, dass wir Ausbildungsbetriebe sind. Wo werden Ihre Kinder später eine Ausbildung, ein Praktikum machen?“ Kaltenbach, Betreiber von zwei Geschäften in der Oberstadt, ist aber auch selbstkritisch: „Wir haben in den letzten Jahren ein wenig geschlafen. Wir müssen mehr aktiv im Internet anbieten“. Ziel sollte es sein, dass Kunden rund um die Uhr Bücher online beim örtlichen Buchhändler bestellen können, sagt Antje Tietz von der Buchhandlung Lesezeichen und Roter Stern. „Der Online-Handel ist längst Realität, entscheidend ist, bei wem die Kunden bestellen.“ Liefert ein Händler mit dem Fahrrad aus, hält er die Ware für den Kunden lange bereit? Das seien Kriterien, die man in den Vordergrund rücken müsse. Der Betrieb, das Geschäft vor Ort sei ein Teil der Region. Woher nehmen Vereine ihre Preise für die Tombola? „Sie fragen bei den örtlichen Gewerbetreibenden nach, nicht bei Amazon.“ Keine Paket-Annahme für die Nachbarn

Friedrich Bode, Vorsitzender des Werbekreises Oberstadt und Betreiber des Comic-Ladens, hat Prinzipien: Er nimmt für Nachbarn keine Bestell-Pakete an. „Ich erkläre meinen Nachbarn, dass nur ein paar Schritte entfernt Buchhandlungen und Schuhläden zu finden sind.“

Wo hört die Aufklärung auf, wo beginnt die Bevormundung?, fragt Kühn. Den erhobenen Zeigefinger sollten die Händler nicht zeigen. Das sagt auch Guido Vaupel , Mitglied im Werbekreis Oberstadt.

Hannelore Wachtel, Vorsitzende des Verkehrsvereins Kirchhain, möchte die Auswirkungen des Onlinehandels auf die Geschäfte in Kirchhain nicht pauschal bewerten. „Es gibt mit Sicherheit Einbußen, aber das ist stark branchenabhängig“, betont sie. Eine Rolle spiele beispielsweise, wie wichtig in einer Branche der Service sei.

Auch der Apotheker kämpft mit der Konkurrenz aus dem Netz

„Die Konkurrenz der Onlinehändler spürt jeder, der ein Geschäft betreibt“, sagt hingegen der Vorsitzende des Gewerbevereins Gladenbach, Axel Baum. Er kritisiert, dass viele Online-Anbieter im Gegensatz zu den heimischen Unternehmen keine Steuern in Deutschland zahlten und oft billige Aushilfskräfte beschäftigten. Als Inhaber einer Apotheke hat er selbst mit Internet-Konkurrenz aus dem Ausland zu kämpfen. Die müsse beispielsweise keinen Notdienst vor Ort leisten und sei schon aufgrund niedrigerer Mehrwertsteuer-Sätze automatisch billiger. „Da werden Äpfel mit Birnen verglichen.“ Die Gladenbacher Einzelhändler können nach Baums Ansicht im Wettbewerb vor allem mit persönlicher Beratung punkten: „Wir haben hier über 40 Inhaber-geführte Geschäfte“, betont er. „Aber es gibt auch viele Schnäppchenjäger, die nur über den Preis entscheiden - da bleiben die Händler vor Ort auf der Strecke.“ Auch die Umwelt werde durch die Bestellungen im Internet stärker belastet, argumentiert der Gladenbacher - schließlich würden etwa 60 Prozent der bestellten Waren wieder zurückgeschickt.

"Vielen Einzelhändlern steht das Wasser bis zum Hals"

Marek Sieronski vom Werbekreis „Stadtallendorf aktiv“ fürchtet, dass die Konkurrenz im Internet die Tendenz zu Leerständen in den Innenstädten verschärft. „Die Leute kaufen gerne online und ergattern oft Schnäppchen. Das Thema betrifft alle gleichermaßen, ob in der Stadt oder auf dem Land“, konstatiert er. Allerdings hätten Großstädte wie Frankfurt wegen der großen Angebotsvielfalt in den Einkaufsmeilen noch einen Vorteil. „Dort sind die Kunden bereit, etwas mehr auszugeben.“ In kleineren Städten wie Stadtallendorf werde es für Geschäfte jedoch immer schwieriger, wenn die Leerstände in der Nachbarschaft zunehmen. „Die Situation ist kritisch, vielen Einzelhändlern steht das Wasser bis zum Hals“, warnt Sieronski. Um eine weitere Verödung der Innenstädte zu vermeiden, müssten Städte, Händler, Dienstleister und Immobilienbesitzer zusammenarbeiten.

Im Weihnachtsgeschäft könnten den Einzelhändlern zudem verkaufsoffene Sonntage helfen. „Die Leute haben oft erst am Wochenende Zeit für einen Einkaufsbummel“, meint Sieronski. Allerdings seien verkaufsoffene Sonntage in Hessen nur in Ausnahmefällen erlaubt.

von Anna Ntemiris und Stefan Dietrich

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