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Eine neue Chance für Abdulkarim

Einstiegsqualifizierung für Flüchtling Eine neue Chance für Abdulkarim

Abdulkarim Al Hassan flüchtete 2014 aus Syrien in die Türkei und von dort weiter nach Deutschland. In Biedenkopf hat er ein neues Zuhause gefunden – und eine neue Arbeit.

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Abdulkarim Al Hassan in der Sparkassenfiliale Biedenkopf.

Quelle: Ruth Korte

Biedenkopf. Die schwarzen Haare nach hinten gegelt, die weiß-rot gestreifte Krawatte exakt in der Kragenmitte platziert, das Lächeln freundlich, aber professionell distanziert wirkt Abdulkarim Al Hassan so, als wäre er schon seit Jahren im Bankgeschäft.

Und das ist er auch. In seiner Heimatstadt, der nordsyrischen Stadt Raqqa, studiert er nach seinem Abitur Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftswissenschaften in Damaskus und arbeitet zwei Jahre in einer Bank in den Abteilungen Rechtsangelegenheiten und Finanzmanagement.

Er arbeitet hart, geht am Wochenende mit Freunden aus, führt ein ganz normales Leben. Doch 2013 wird Raqqa vom sogenannten Islamischen Staat (IS) besetzt. Der Terror wird zum Alltag. „Ich konnte nicht mehr zur Arbeit gehen, es war viel zu gefährlich“, erinnert sich der heute 30-Jährige in gebrochenem, aber gut verständlichem Deutsch. Monatelang versteckt er sich in seiner Wohnung. Dann wird ihm klar: „Ich kann nicht mehr, ich muss hier weg.“

Freunde sagten: Das ist unmöglich

Zusammen mit seiner Familie, seinen Eltern und seinen neun Geschwistern flieht er in die Türkei – erst zu Fuß, dann mit dem Auto. „Freiheit war alles, was wir brauchten“, erinnert sich Al Hassan. Von der Türkei aus flieht er mit einem seiner Brüder weiter. „Mein Ziel war Deutschland. Ich suchte Sicherheit, eine Zukunft.“

Zwei Jahre nachdem in seiner Heimatstadt der Krieg ausgebrochen war, findet der syrische Flüchtling nach kurzen Stationen in Dortmund und Gießen schließlich ein neues Zuhause in Biedenkopf. Als er Anfang 2015 ein Konto in der Sparkassenfiliale in Biedenkopf eröffnet, kommt ihm der Gedanke, seine Chance bei der Sparkasse zu suchen.

Als er seinen Freunden im Flüchtlingsheim davon erzählt, lachen sie ihn aus. „Sie sagten, es sei ein unmöglicher Traum.“ Ein Freund ermutigte ihn jedoch, an seinem Traum festzuhalten. Eine wichtige Lektion: „Man muss seine Träume zum Ziel bringen und sich dafür einsetzen.“

Das bedeutet für ihn erst einmal: Deutsch lernen. Einige Monate später und nachdem er ausreichende Deutschkenntnisse erworben hat, nimmt er Kontakt zur Aus- und Fortbildung der Sparkasse Marburg-Biedenkopf auf, reicht eine Bewerbung ein und wird prompt zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Es folgt eine sechswöchige Eingliederungsmaßnahme bei der Sparkasse.

Dem Vorstandsvorsitzenden Andreas Bartsch fällt schnell auf, „dass er leistungs- und integrationsbereit ist“. Nach der Eingliederungsmaßnahme bietet er ihm eine „Einstiegsqualifizierung“ an, die Al Hassan die Möglichkeit eröffnet, zuerst ein Jahr bei der Sparkasse zu arbeiten, um in diesem Zeitraum sein Deutsch weiter zu verbessern. Im Anschluss daran beginnt dann die reguläre und von Seiten der Sparkasse schon fest zugesagte Ausbildung.

Bei guten Leistungen kann das Qualifizierungsjahr auf die Ausbildungsdauer angerechnet werden. Diese Lösung gibt Al Hassan die Chance, im Anschluss an die Eingliederungsmaßnahme direkt bei der Sparkasse zu bleiben.

Theater als Hobby neu für sich entdeckt

Wie die anderen Auszubildenden nimmt er jetzt schon regelmäßig an hausinternen Schulungen teil, wird in verschiedenen Geschäftsstellen und Abteilungen eingesetzt und besucht die Berufsschule. „Es ist viel Arbeit, aber es macht mir viel Spaß. Meine Kollegen und Mitauszubildenden unterstützen mich, fragen immer nach, ob ich alles verstanden habe“, sagt er schmunzelnd.

Inzwischen wohnt Al Hassan in einer eigenen Wohnung. Hier in Deutschland hat er das Theaterspielen neu für sich entdeckt. So hat er unter anderem an dem Musical „Postraub“ bei den Schlossfestspielen in Biedenkopf mitgewirkt. Auch das Fahrradfahren gehört zu seinen neuen Hobbies. „In Syrien ist es eher peinlich, wenn Erwachsene Fahrrad fahren. Hier ist es etwas Selbstverständliches.“ Längerfristig möchte er aber mit dem Auto zur Arbeit fahren und hat sich schon zu einem Führerscheinkurs angemeldet.

Seiner Familie in der Türkei geht es gut. Sie sind sehr stolz auf ihn und seinen Bruder, der inzwischen eine Ausbildung zum Fliesenleger macht. Doch wenn Al Hassan an seine Heimat zurückdenkt, macht ihn das traurig. „Jeden Tag ändert sich die Situation in Syrien. Keiner kann sagen, was die Zukunft bringt.“ Für sich aber weiß er: „Ich habe eine Chance bekommen und bin sehr glücklich darüber. Ich befinde mich auf dem Weg zum Ziel.“

von Ruth Korte

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