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Eine Marburger Institution schließt nach fast 60 Jahren

Eiscafé Venezia Eine Marburger Institution schließt nach fast 60 Jahren

Seit 1957 hat es einen festen Platz in der Marburger Oberstadt: das Eiscafé Venezia. Im Oktober schließt der familiengeführte Betrieb. Die OP berichtet über die Gründe und was nun mit dem Gebäude passiert.

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Zum 9. Oktober schließt das familiengeführte Café an der Wasserscheide.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Wir hatten viele Gäste hier“, erinnert sich Rosano Carraro, der seit 30 Jahren im Eiscafé Venezia arbeitet und dort schon viele Gäste bedient hat. „Es kommen manchmal Menschen zu uns, die vor zwanzig, dreißig Jahren in Marburg studiert und das Eiscafé sofort wiedererkannt haben. Ich habe auch schon Gäste von uns im Urlaub getroffen – in Indien oder an der Südsee.“

Das Eiscafé Venezia ist eine 
echte Marburger Institution. Umso bedauerlicher ist es, dass es zum 9. Oktober geschlossen wird. Grund für die Schließung sei nicht primär das Geschäft. „Es ist schon schwieriger geworden“, räumt Inhaber Enzio Cais im OP-Gespräch ein. „Vor zwanzig Jahren, als unten in der Wettergasse noch weniger los war, hatten wir mehr Kundschaft. Das hat sich schon bemerkbar gemacht.“

Der Hauptgrund sei, dass sein Mietvertrag nicht verlängert wurde. Dieser ist bereits im vergangenen Oktober ausgelaufen, bestätigt auch Erik Schramm, Sohn und Erbe von Georg Schramm, Vermieters des Hauses in der Oberstadt, auf Anfrage der OP.

„Wir wollten den Vertrag nicht verlängern, weil ich den Plan habe, in dem Gebäude selbst ein Café zu eröffnen“, verrät Schramm, der bereits seit 18 Jahren die „Kaffeerösterei Bohne“ im Steinweg betreibt. In dem Gebäude in der Oberstadt möchte der erfahrene Gastronom Frühstück, Kaffee, Kuchen, aber auch einen Ort bieten, wo man bis zum späten Abend sitzen kann. „Eine Kombination aus Café und Bar“, schwärmt der 48-Jährige. Eröffnungstermin: Voraussichtlich im Frühjahr 2017.

Cais ( Foto: Korte) ist über die Entscheidung seines Vermieters nicht glücklich. Eigentlich wollte er seinen Mietvertrag noch einmal um zehn Jahre verlängern. Dass er es nicht kann, davon habe er sehr kurzfristig erfahren. „Hätte ich gewusst, dass mein Mietvertrag nicht verlängert wird, hätte ich mich schon viel früher nach einem anderen Geschäft in der Oberstadt umsehen können“, bedauert Cais. Auf die Schnelle 
habe er jedenfalls keinen alternativen Standort finden können.

Schließt das Eiscafé Venezia 
also für immer seine Türen? „Mal ganz mit der Ruhe. Mal 
sehen was kommt“, sagt Cais mit der Gelassenheit eines Italieners. „Noch habe ich ja mein Café in Cappel, das ich weiterhin betreiben werde und vielleicht findet sich ja noch etwas.“ Im Ruhestand sieht sich der 68-Jährige jedenfalls nicht.

Die Geschichte des Eiscafés Venezia

Als sein Vater das Eiscafé an der Wasserscheide eröffnete, war Cais gerade mal neun Jahre alt. „Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich als kleiner Junge durch das Café gelaufen bin“, erinnert sich der gebürtige Italiener und zeigt auf die karierten Fliesen vor der Theke im Eingangsbereich. Nur 14 Sorten wurden damals in der Eisvitrine angeboten. Darunter: „Malaga, Erdbeeren, Schokolade – die Klassiker eben“, sagt Cais.

Sein Vater bildete ihn nach der Schule zum Eiskonditor aus. Auch heute, fast 50 Jahre später, produziert er das Eis immer noch so, wie er es von seinem Vater gelernt hat: Milch, Zucker, Eier, Sahne – nur frische Zutaten, keine Fertigmischungen.

Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1968 übernahm Cais das Café, übergab es aber nach drei Jahren seinem Bruder, um in Herborn sein Glück zu versuchen. Nach 17 Jahren kehrte er jedoch in den Marburger Familienbetrieb zurück und baute den hinteren Teil des Gebäudes aus, in dem heute zahlreiche rot gepolsterte Metallstühle und Bistrotische stehen. Auch die Auswahl der Eissorten hat sich auf 26 fast verdoppelt. Der Dauerbrenner: Das Pistazieneis.

Wie es mit seinen insgesamt sieben Mitarbeitern weitergeht, ist offen. Rosano Carraro will erst einmal in den Urlaub fliegen. Und vielleicht trifft er dort wieder einmal einen Gast aus dem Eiscafé Venezia.

von Ruth Korte

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