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Eine Malerin mit lilafarbenen Schuhen

Im Porträt: Deborah Nießen Eine Malerin mit lilafarbenen Schuhen

Deborah Nießen ist 21 Jahre alt und damit die jüngste Maler- und Lackierermeisterin in ganz Hessen. Der OP berichtet die gebürtige Marburgerin, wie sie an ihren Beruf kam und was für Pläne sie für ihre Zukunft hat.

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Deborah Nießen möchte irgendwann den Betrieb ihres Vaters, 
Malermeister Jürgen Nießen, übernehmen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die lilafarbenen Turnschuhe sind es, die einem 
als Erstes auffallen, wenn man Deborah Nießen bei der 
 Arbeit zuschaut. „Sie sind ein Geschenk von meinem Freund und passen perfekt zu meinem Pulli“, sagt die 21-Jährige und schmunzelt ein wenig verlegen, denn eigentlich sind „Klamotten und so“ nicht ihr Ding.

Sie würde sich jedenfalls nicht als 
„typische Frau mit High Heels und Miniröckchen“ bezeichnen. Ein bisschen Lila, ein bisschen Ton in Ton und ein bisschen Makeup müssen aber doch sein. Auch wenn „am Abend nicht mehr so viel davon zu sehen“ ist, wie sie lachend erzählt.

Deborah Nießen ist Malerin 
und Lackiererin. Jeden Tag verlegt sie Fliesen, belegt Böden, verputzt Wände, lackiert und streicht Fassaden. Ein ungewöhnlich harter Job für eine junge Frau. Dass sie eine der wenigen Frauen in ihrem Beruf ist, stört sie nicht. „Ich hatte schon immer mehr männliche als weibliche Freunde. Mit Männern komme ich gut zurecht“, sagt sie selbstbewusst.

Wie aber ist sie an diesen Beruf gekommen? „Ich bin praktisch damit aufgewachsen“, erzählt die Tochter ( Foto: Richter) von Jürgen Nießen, der schon seit über 20 Jahren als Malermeister in Stadt und Landkreis unterwegs ist. „Die Werkstatt meines Vaters befand sich schon immer an unserem Haus. Farbe und Lacke standen mir also von Anfang an zur Verfügung.“ Schon als Kind habe sie ihr Zimmer selbst gestrichen und Muster an die Wände gemalt. In den Sommerferien habe sie häufig im Familienbetrieb ausgeholfen, um sich etwas 
dazu zu verdienen.

Dass sie einmal den Beruf 
ihres Vater ergreifen würde, hätte sie allerdings nicht gedacht. „Ich hatte generell wenig Plan davon, wo mein Leben hingehen sollte“. Bis zur zehnten Klasse besuchte sie ein Gymnasium. Dann, mit 16 Jahren, brach sie die Schule ab.

„Ich hatte einfach keine Lust mehr. Ich wollte etwas Praktisches machen, mich bewegen.“ Ihr Vater bot ihr schließlich eine Ausbildungsstelle an. Dass sie seitdem praktisch jeden Tag mit ihm verbringt, stört sie nicht. „Klar gibt es da manchmal Querelen, aber im Großen und Ganzen kommen wir sehr gut zurecht.“ Auch über mangelnde Bewegung kann sie sich nicht mehr beklagen.

Ein Faible für Fantasy-Romane

Bei Wind und Wetter steht Deborah Nießen auf dem Malergerüst. „Manchmal, wenn ich bei Regen und Schnee auf dem Gerüst stehe, denke ich mir schon: Muss das jetzt sein?“, räumt sie ein. An solchen Tagen freut sie sich etwas mehr als an anderen auf den Feierabend, wenn sie nach Hause nach Oberrosphe fahren kann, zu ihren Büchern. Besonders Fantasy-Romane 
haben es der passionierten 
Leserin angetan. In ihrer Freizeit geht sie außerdem gern joggen und macht Krafttraining – damit sie die Farbeimer besser tragen kann.

Dass sie einen Meistertitel machen möchte, entschied Deborah Nießen mit 18 Jahren, kurz nach ihrem Ausbildungsende. Einen Teil der Kurse belegte sie im Berufsbildungszentrum Cappel, den anderen in der 
Industrie- und Handelskammer in Kassel. Schon währenddessen war ihr bewusst, dass sie bei Weitem die jüngste Teilnehmerin ist. Dass sie nun die jüngste Maler- und Lackierermeisterin Hessens ist, freut sie.

Eines Tages möchte sie den Betrieb ihres Vaters übernehmen. Ihre Zukunft hält sie sich aber offen. „Wenn das nichts für mich ist, würde ich gern Architektur oder Bauingenieurwesen studieren“, sagt sie mit einem verträumten Blick.

Dank des Meister-Titels braucht sie dafür nämlich kein Abitur mehr. Die Welt steht der Malerin mit den lilafarbenen Turnschuhen und den schwarzen Haaren offen.

von Ruth Korte

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